12. -19. April
Die Bronchitis hat mich heftig erwischt! Die Bakterien wüten in mir, so dass ich sogar leicht Fieber bekomme. Die große, umfangreiche Bordapotheke der Colette, die mein Hausarzt noch mit mir vor der Abreise zusammen gestellt hatte, hilft da. Hoffentlich. Ich beschließe, mit dem passenden Antibiotikum den Bakterien den Garaus zu machen.
Ich fühle mich schlapp und müde. In der Colette mache ich nur das Nötigste. Aufräumen und putzen. Zum Glück liegt auch keine wichtige Arbeit an, alle technischen Geräte laufen ja bestens. Ute übernimmt den Einkauf, so dass ich kaum vom Schiff muss.
Colette liegt gut vertäut im Hafen von Veli Iž. Es sind vermutlich die letzten Tage für Colette und mich, die wir hier sind. Dann werden wir für eine lange Zeit unterwegs sein.
Ich gehe zu Igor, um meine Liegeplatzgebühren von Januar bis jetzt zu bezahlen. Und um mich zu verabschieden. „Um die Welt?“ fragt er ungläubig. „Vielleicht“, sag ich nur, „und vielleicht sehen wir uns wieder in drei Jahren!“ „Ganz sicher,“ meint er noch trocken, „Veli Iž ist der schönste Platz der Welt!“
Vielleicht hat er recht. Wir werden sehen. Was auf jeden Fall stimmt, ist dass wir in Veli Iž in den letzten Jahren unsere zweite Heimat gefunden hatten und uns hier sehr wohl gefühlt haben – und fühlen. Ein guter Ort!
Einen Tag später, am Mittwoch, kommt Charles mit der 11.30 Uhr-Fähre auf die Insel. Jetzt ist unsere Crew komplett: Ute, Charles und ich werden in den nächsten sieben Tagen nach Pula segeln. Um 13.00 Uhr werfen wir die Leinen los. Wir legen ab. Unauffällig, unaufgeregt. Ich gönne mir und Colette noch eine kleine „Hafenrunde“ in der Bucht von Veli Iž. Niemand winkt, kein Horn tutet und niemand spielt „muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus…“. Wer weiß denn auch, dass sich Colette vielleicht gerade anschickt, auf Weltreise zu gehen? Tschüss, Veli Iž!

Der Wind fehlt uns. Leider. Gemütlich tuckern wir unter Motor zur Insel Ist und ankern dort. Charles und Ute übernehmen die allermeisten Aufgaben, ich darf mich auskurieren.
Die nächste Tagesetappe heißt Ist – Ilovik. Wir haben leichten Wind von vorne, der uns aber gut dagegen ankreuzen lässt. Schönes Segeln. In der südlichen Bucht von Ilovik ankern wir nicht ganz allein. Es treffen sich drei, vier kleine Fischerboote, ausgestattet mit starken Scheinwerfern und wenigstens fünf langen, dreigezackten Spießen. Sie werden in der Nacht Tintenfische jagen. Weit draußen, vor der Inselkette, Italien zu, sehen wir noch die Scheinwerferbatterien von großen Fischerbooten. Dort ist es taghell.

Vor der „großen“ Überfahrt über die Kvarner Bucht ankern wir in der winzigen Bucht Porat der kleinen Insel Susak. Eine wilde Bucht. Umgeben von steilen Hängen aus Lehm, die sich über die Kalkfelsen am Ufersaum erheben. Kein Weg führt nach oben. Zu steil und wild bewachsen: niedrige, buschartige Eichen, typische Macchiapflanzen und ganz viel Schilfrohrgras. Kolkraben, Wanderfalken, Bussarde haben die Bucht im Blick, in der Vegetation sind die Gesänge von Rotkehlchen, Singdrossel, Grasmücke, Nachtigall und Rohrsänger auszumachen. Nachts fehlt natürlich das monotone Pfeifen der Zwergohreule nicht.


Die Überfahrt nach Istrien ist reiner Genuss. Noch am Ankerplatz setzen wir das Großsegel, dann die Genua und wie an der Schnur gezogen fliegt Colette hart am Wind Istrien entgegen. Für die 28 Seemeilen brauchen wir gerade mal vier Stunden. Colette wird nur selten langsamer als fünf Knoten, meist hält sie sechseinhalb Knoten bei 15 Knoten Wind und 20 Grad Kränkung. Großartig.
Wir ankern in der fast kreisrunden Bucht vor Banjole. Der Wind lässt nach, das Wasser wird spiegelglatt, wir werden mit einer entspannten Nacht belohnt.





Charles Rückflug von Pula ist am nächsten Donnerstag. Also wollen wir spätestens am Mittwoch in Pula sein. Auf Montag soll schlechteres Wetter kommen. Vielleicht steuern wir deshalb schon früher die große, gut geschützte Bucht vor Pula an – also heute. Aber wir fahren erst einmal von Süden kommend an der breiten Einfahrt der Bucht vorbei. Sechs Delfine kommen uns entgegen. Ruhig ziehend. Sie scheinen ein Ziel zu haben, und keine Zeit, mit dem Bug der Colette zu spielen. Das wäre heute aber auch langweilig. Wir haben kaum Wind und segeln mit ein bis zwei Knoten. Das ist für Delfine sicher zu langsam.
Der Wind schläft ganz ein und wir machen den Motor an. Langsam schieben wir uns am langen Wellenbrecher der Bucht von Pula entlang, als Charles vor der Mauer wieder zwei Rückenflossen bemerkt. Diese sehen aber ganz anders aus als die von Delfinen. Eher wie von Haien. Oder von einem? Einem sehr großen?
Vorsichtig lenkt Charles zu den Flossen und dann das Unglaubliche: ein Riesenhai mit weit aufgesperrtem Maul und vom durchströmenden Wasser weit aufgefächerten Kiemen schwimmt langsam neben der Colette. Unser Schiff scheint ihn nicht zu stören. Unbeeindruckt durchfiltert er das Wasser nach kleinen Lebewesen, mal neben, mal vor uns. Was für ein Anblick! Der friedliche, wenigstens sieben Meter lange Hai kurvt immer wieder vor unserer Colette und berührt mit seiner Schwanzflosse fast den Bug. Einmalig!
Im Internet ist zu lesen, dass vor Istrien eine Sensation aufgetaucht sei, ein für das Mittelmeer seltener Riesenhai. Und wir haben das Glück ihm zu begegnen…

