Angekommen

Die Sonne scheint nach dem vergangenen Unwetter wieder und das Thermometer klettert um die Mittagszeit wieder auf 16, 17, 18 Grad. Immerhin. Mike, der heute zu seinem Heimathafen in Istrien weiterfahren wird, verabschiedet sich im Vorbeifahren und nach einem Spaziergang durch das Dörfchen Sukošan nutzen auch wir das schöne Wetter und den leichten Wind und segeln die siebeneinhalb Meilen nach Zadar. Nördlich von Zadar gibt es eine kleine Bucht mit Bojen für kleine Motorboote und wenige Segelboote von Einheimischen. Davor darf man kostenlos Ankern und von hier kann man die halbe Seemeile über die große Bucht von Zadar, die gleichzeitig die Einfahrt für die viele Fähren ist, gut mit dem Dingi überqueren, um in die Altstadt zu gelangen.

Die alte Universitätsstadt Zadar – die Universitätsgründung war im Jahre 1396 und damit hat Zadar die älteste Universität Kroatiens und eine der ältesten Europas – ist vielleicht nicht ganz so schön wie Dubrovnik oder Šibenik, aber mit ihren vielen jungen Menschen, den Studenten und Schülern, dem großen, lebendigen Markt, den vielen Geschäften, alten, breiten Straßen und schmalen Gassen, Parks und Plätzen, die von den Bewohnern Zadars reichlich genutzt werden, gefällt uns Zadar ausnehmend gut.

Die fünftgrößte Stadt Kroatiens mit ca. 80.000 Einwohnern lebt und entwickelt sich weiter. Ein schönes Beispiel hierfür ist die gelungene Uferfront mit langer „Kaimauer“ – nicht für Boote, sondern für die Bewohner Zadars zum Baden, mit der weltweit einmaligen „Meeresorgel“ und der spektakulären Installation „Gruß an die Sonne“. Bei der „Meeresorgel“ handelt es sich um in die Kaimauer eingelassene Orgelpfeifen. Je nachdem, wie der Wellengang (Geschwindigkeit und Stärke) gegen die Kaimauer brandet, drückt der schwankende Wasserstand Luft durch in Röhren in der Kaimauer in die Lamellen der verschiedenen Orgelpfeifen, so dass harmonisch abgestimmte Töne in variierender Lautstärke entstehen. Das die wissenschaftliche Erklärung. Aber zugleich erzeugt es eine mystische und fast meditative Stimmung, wenn man sich die Zeit dafür nimmt und sich darauf einlassen kann…

Der Architekt Nikola Bašić hat aber 2005 nicht nur die „Meeresorgel“ konzipiert, sondern 2008 gleich daneben noch eine 22 m große, runde Fläche und mit etwas Abstand acht weitere, kleine Kreise mit Solarpanelen in den Boden der Uferpromenade eingelassen. Der „Gruß an die Sonne“ verkörpert maßstabsgetreu unser Planetensystem mit der Sonne und ihren acht Planeten. Tagsüber nehmen die Solarzellen die Sonnenenergie auf, um damit nachts ein buntes, vielfältiges Farbenspiel an den Boden der Uferpromenade zu zaubern. Lichtpunkte und Lichtwellen in blau, orange, gelb, rot, grün – in allen sichtbaren Farben – huschen und wabern über die Kreise der Sonne und ihrer Planeten. Wer genau aufpasst, merkt, dass auch das Farbenspiel vom Rhythmus der Meereswellen bestimmt wird. Großartig!

Fast drei Tage bleiben wir in Zadar. Neben dem Pflichtprogramm Wäsche waschen und einkaufen – wobei das Einkaufen auf dem bunten Markt ein sehr angenehmes Pflichtprogramm ist – schlendern wir ausgiebig durch die Stadt, fotografieren Kirchen, Plätze und Parks, sitzen in Straßencafés und schmunzeln, lachen oder bewundern die vielen Menschen in ihren zum Teil sehr ausgefallenen Kleidern. Trainingsanzüge in leuchtendem Pink sind anscheinend genauso salonfähig wie lange, elegante Ledermäntel. Es ist Herbst und die Temperaturen scheinen für die einen noch ausreichend für knappe, zerrissene Jeans, bauchfreie T-Shirts und Flip-Flops, wogegen andere sich anscheinend freuen, dass sie endlich Pelzmantel, Daunenjacke, Schal und Mütze oder Hut und Winterstiefel tragen dürfen.

Und freilich gehen wir mehrmals zur Uferpromenade. Lange sitzen wir auf den Steinstufen der „Meeresorgel“ und lassen unsere Gedanken, von ihren faszinierenden Klängen begleitet, auf das Meer hinaustragen. Wir blicken hinüber nach Westen, wo sich gerade sie Sonne anschickt, hinter der langgestreckten Insel Ugljan unterzugehen. Für einen Moment glüht der Himmel in orange, rot und lila über dem schwarzen Scherenschnitt der Insel und mit dem Sonnenuntergang beginnt das prächtige Farbenspiel auf dem Boden der Kaimauer. Der „Gruß an die Sonne“ fasziniert nicht nur uns. Für so manchen Bewohner Zadars scheint ein abendlicher Spaziergang über die Uferpromenade zum täglichen Ritual zu gehören. Jugendliche Skateboardfahrer sitzen lachend auf den Stufen der „Meeresorgel“ während einzelne ihre Fahrkünste demonstrieren, Kinder hüpfen und rennen über die „Sonne“ mit dem gespielten Versuch, wabernde Lichtpunkte zu fangen, ihre Eltern stehen zufrieden daneben. Nur die Hundehalter bleiben etwas abseits bei den Sitzbänken neben dem angrenzenden Grünstreifen, der ihre Vierbeiner mehr interessiert als „Meeresorgel“ oder „Gruß an die Sonne“. Jedem das Seine.

Von Zadar sind wir nur noch einen Katzensprung von Veli Iž entfernt. Mit der Fähre wären wir in einer Stunde dort, da sie unter der Brücke zwischen den Inseln Pašman und Ugljan hindurch und so auf kurzem Weg zur Insel Iž hinüber fahren kann. Da der Mast unserer Colette zwei Meter höher ist als die 16 Meter hohe Brücke müssen wir knapp 20 Seemeilen nördlich um die Insel Ugljan herumfahren. Aber auch 20 Seemeilen sind nur ein Katzensprung. Vier, fünf Stunden Fahrt. Unser Winterquartier ist in greifbarer Nähe. Morgen könnten wir dort sein. Morgen könnten wir unser Schiff im Hafen festmachen. Einwintern. Für die nächsten Monate festliegen…

Unsere Gedanken sind gespalten. Zum einen freuen wir uns auf Veli Iž, das kleine, quirlige und doch so südländisch ruhige Dörfchen, freuen uns auf lange Spaziergänge durch Olivenhaine, freuen uns auf die Menschen dort. Und ja, es ist sicherlich auch angenehm, täglich nicht mehr mehrmals auf die Wetterkarte schauen zu müssen, täglich planen zu müssen, abwägen zu müssen: woher kommt der Wind? Wie stark wird er werden? Wie können wir segeln? Wo können wir ankern? Wo wie lange bleiben? Und gleichzeitig wissen wir, dass uns das, was uns seit April täglich beschäftigt hat, jetzt fehlen wird: wunderschöne Ankerplätze mit glasklarem Wasser, baden, schnorcheln, Inselerkundungen, immer wieder andere Dörfer und Städte mit ihren Menschen und Geschichten, immer wieder neues Planen, Erleben, von Wind und Wetter abhängig sein.

Aber Wind und Wetter bestimmen auch jetzt wieder unser Handeln. Am Mittwoch verlassen wir mit gutem Segelwind Zadar und segeln 14 Seemeilen zur Nordspitze Ugljans.

In der Bucht Muline ist das Bojenfeld noch nicht abgebaut. Wir machen an einer Boje in Ufernähe fest. Noch einmal, das letzte Mal in dieser Saison, erkunden wir einen für uns bis dahin unbekannten Uferstreifen, spazieren durch ein keines Dörfchen und plaudern am Abend lange mit dem Betreiber des Bojenfelds. Der sehr freundliche, junge Mann erzählt uns ausführlich über die anstrengende Sommersaison, in der er über 800 (!) Schiffe an seinen Bojen hatte, mehr als alle Jahre zuvor. Viel zu viele. Klar, da sei viel Geld verdient, aber alles würde dadurch immer teurer. Nicht nur seine Bojen. Auch die Lebensmittel im kleinen Lädchen, das Essen im Restaurant, der Abfall, das Benzin und der Diesel – eben alles. Und die Stimmung würde immer schlechter. Die Bootscrews würden sich im Kampf um Bojen, Liege- und Ankerplätze zuerst gegenseitig beschimpfen und dann mit ihm und den Marineros streiten. Die großen Besuchermengen könne der Lebensmittelladen und das Restaurant nicht verkraften, alle stünden unter Stress. Das viele Geld sei mit Streit und Missmut teuer verdient. Was helfe das ganze Geld, wenn man keine Freude mehr habe? Wie recht er hat!

Jetzt in der Nachsaison sei alles wieder entspannt. Er habe Zeit, wir haben Zeit, das Wetter sei noch schön – wie angenehm! Und heute würde er in der Nacht endlich mal wieder Oktopusse fangen gehen können.

Ja, wie angenehm. Er berechnet uns nur eine sehr kleine Gebühr und entsorgt unseren Müll. Wir bleiben zwei Tage. Es ist nochmals warm und windstill. Heute ist der 10. November und wir baden! Zugegeben, nicht lange, denn das Wasser hat jetzt kaum noch 20 Grad. Trotzdem.

Am Freitagmorgen nehmen wir Kurs auf Veli Iž. Es ist immer noch windstill. Ideal, um dort im engen Hafen anzulegen. Und keinen Tag zu früh, denn morgen soll das Wetter ungemütlicher werden.

Mit Spannung fahren wir auf Veli Iž zu. Seit zwei Wochen versuchen wir vergeblich, Igor, den Hafenbetreiber, per Telefon oder Mail zu erreichen, um uns, wie verabredet, einige Tage vor unserer Ankunft anzumelden. Ob er uns vergessen hat? Ob der Hafen voll ist? Wir haben ja außer seinem Wort nichts in der Hand…

Dann – wir sind vielleicht noch zehn Minuten vor der Hafeneinfahrt – geht Igor ans Telefon: „Winterplatz?“, fragt er „geht nicht, alles voll und die Marina ist geschlossen!“ Uff. Etwas verdutzt frage ich nochmals nach und erinnere ihn an sein Versprechen. „Ah, ja, ja! Ein Winterplatz im Wasser. Ja, ja, ihr könnt kommen!“

Igor hat aber erst um 17 Uhr Zeit. Solange müssen wir warten. Wir machen längsseits an der Kaimauer fest. Als Igor mit seinem Pick-Up auf das Hafengelände fährt, dämmert es bereits. Freundlich lachend begrüßt er uns per Handschlag. Er habe gerade wenig Zeit, sie seien mitten in der Olivenernte und wollen fertig werden, bevor das Wetter schlechter wird. Also bleibt ihnen nur noch der Samstag. Dann zeigt er uns stolz das große Fass gefüllt mit schwarzen und grünen Oliven, in das er jetzt noch Meerwasser einfüllen müsse. Die Oliven bleiben dann sieben Tage im Meerwasser, um ihnen ihre Bitterstoffe zu entziehen. Dann gäbe es ein gutes, ein sehr gutes Olivenöl!

Um Colette an ihren endgültigen Winterplatz zu verlegen, ist es schon zu spät. Das machen wir dann am Samstagmorgen. Igor richtet noch schnell die Leinen an dem Platz und verschwindet zur Olivenernte. Noch ist es windstill. Zum Glück. Denn es ist zwischen Kaimauern und anderen Booten sehr eng. Zentimeterarbeit. Aber Colette ist geduldig und lässt sich ohne Wind und Wellen willig in die Box manövrieren. Wir machen Heck- und Muringleinen fest.

Am späten Nachmittag schaut Igor nochmals vorbei und kontrolliert, wie wir festgemacht haben. Dann spannt er noch zwei lange Leinen vom Bug der Colette quer über das Hafenbecken zur gegenüberliegenden Kaimauer. Zwei Stunden später wissen wir warum: Die Bora bläst mit 20 Knoten aus Nordost direkt auf unseren Bug und treibt Wellen in die Bucht von Veli Iž. Colette tanzt leicht hin und her und vor und zurück. Aber sie liegt sicher. Wir wissen, dass die Bora auch mit 50 Knoten blasen kann und dann die Wellen noch deutlich höher werden. Aber wir vertrauen Igor und seiner Erfahrung.

Da liegen wir nun für die nächsten vier bis fünf Monate. Werden Veli Iž und sein Hinterland erkunden, werden Menschen von hier kennen lernen und ein wenig an ihrem Leben teilhaben dürfen. Ute, die wir im September hier kurz kennen gelernt haben und mit der wir seither in loser E-Mail-Verbindung stehen, hat uns schon sehr herzlich willkommen geheißen: „Dobrodošli“. Wir freuen uns auf Veli Iž!

Wir werden aber auch kleine Reparaturen an unserem Schiff durchführen, basteln und werkeln. Und bei schlechtem Winterwetter bleibt sicherlich auch viel Zeit zum Lesen und Schreiben. Über Weihnachten und Januar wollen wir dann zu Hause sein. Mal sehen.

Jetzt sind wir erst einmal hier angekommen!

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Thomas

    Grüße an euch. Das ist doch ein schöner Winterplatz. Da habt ihr es gut getroffen. Freue mich schon euch im Winter hier zu sehen und euren Geschichten zu lauschen.

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