So ziemlich jeder, der mit seinem Boot für mehrere Tage auf dem Meer unterwegs ist, hat auch eine Angel dabei. Ein frisch gefangener Seefisch ist eine großartige Bereicherung der Bordküche und nur eingefleischte Vegetarier und Veganer (was für ein schönes Wortspiel) oder strenge Tierschützer oder Menschen mit einer Fischallergie können sich dieser Köstlichkeit verweigern.
Angetan von den vielen Berichten von Seglern auf allen Weltmeeren, die mit Leichtigkeit Seehecht, Makrelen, Mahi Mahi, Barracudas oder sogar Thunfisch angeln und sich über Wochen nur von frischem Fisch ernähren, haben auch wir uns schon gleich zu Beginn unserer Reise mit zwei Angeln, Haken, Blinkern und Käscher ausgestattet.
Schon in der Ostsee haben wir unsere Gerätschaften und unser Können ausprobiert. Zuerst ungeschickt, dann immer geschickter, lernten wir die Rute zu bedienen und den Blinker in großem Bogen auszuwerfen. Wir testeten die Spezialblinker auf Dorsch, auf Makrelen und Hecht, suchten die guten Dorschgründe über alten Wracks oder die typischen Hechteinstände in ufernahen Röhrichten auf und versuchten stundenlang, Makrelen auf dem offenen Meer zu fangen. Doch von Stunde zu Stunde schwand unsere Zuversicht, hier in der Ostsee erfolgreich zu sein. Kein einziger Fisch wollte an unsere Haken, die, und darin waren wir uns einig, nicht Schuld an unserem Misserfolg waren. Auch nicht unser anglerischer Sachverstand und unser Können. Einzig an den Fischen oder besser gesagt, an den nicht vorhandenen Fischen konnte es liegen. Die Ostsee ist schlicht leergefischt! Und die zuweilen beschriebenen Angelerfolge anderer Angler konnte nur großes Glück und bemerkenswerter Zufall gewesen sein. Also packten wir in der enttäuschenden Ostsee unsere Angelausrüstung weg, um sie für den Atlantik zu schonen, denn dort, und darin waren wir uns ganz sicher, würden wir uns vor frischem Fisch nicht mehr retten können.
Aber was soll ich sagen, der Atlantik, oder genauer die Biskaya, die wir in drei Tagen von Roscoff in der Bretagne nach A Coruña in Nordspanien überquert haben, ist ebenfalls fischleer. Wir fingen nichts. Niente. Nada. Kein einziges Fischlein weit und breit, das an unsere Angel wollte. Uns taten die Delfine, die wir immer wieder sichteten, leid, was sollten die hier in diesem fischfreien Gewässer nur zum Fressen finden? Und im Nachhinein wunderten wir uns auch nicht, dass wir während dieser drei Tage auf kein einziges Fischerboot stießen. In der Biskaya gibt es schlicht nichts zu fangen.
An der spanischen Küste war das mit einem Mal anders. Die vielen großen und kleinen Fischerboote machten uns das Navigieren schwer und forderten unsere ganze Aufmerksamkeit, um ohne Zusammenstoß in die Bucht von A Coruña zu gelangen. Also hier musste es Unmengen von Fisch geben. Jeden Tag liefen Fischerboote aus und jeden Tag kamen Fischerboote zurück und übergaben ihren Fang an die wartenden Kühlautos am Kai. Die Berufsfischer fangen natürlich weit draußen vor der Küste ihrem Fisch mit riesigen Netzen, das konnte freilich nicht unser Maßstab sein. Aber in der Bucht von A Coruña und, um den nächsten Wochen vorzugreifen, auch in den wunderschönen Rías, den großen Buchten Nordspaniens südlich von A Coruña, waren unzählige Angler in kleinen Ruderbooten und Schlauchbooten unterwegs, Tag und Nacht geduldig und fleißig am Angeln.
Und wir? Wir auch. Allerdings immer ungeduldiger und weniger fleißig und… wieder erfolglos! Mit dem Fernglas beobachteten wir die Angler um uns. Was war deren Geheimnis? Ihre Geduld. Ihre unermüdliche Geduld. Denn stundenlang warfen sie ihre Angel aus oder zogen die Angelleine hinter ihrem Boot her und… – fingen ja auch nichts, dachten wir. Mit dieser mit dem Fernglas abgesicherten Erkenntnis wollten wir uns beruhigen. Aber weit gefehlt. Sie fingen. Ihre Eimer waren voll mit Fischen, als sie wieder zurück an Land fuhren. Sie fingen ihren Fisch. Schnell, heimlich, mit dem Fernglas kaum auszumachen. Für uns rätselhaft.
Jetzt begannen wir, ob unseres Anglergeschicks misstrauisch zu werden. Von der Ferne sahen unsere Angelruten, Haken und Blinker genauso aus wie die der Spanier, von der Nähe ebenso, nur dass ihre Ausrüstung deutlich größere Gebrauchs- und Verschleißspuren aufwiesen.
Wir versuchten noch einige Zeit unser Glück, aber, wie fast zu erwarten, setzte sich bei uns mit fehlendem Erfolg ein wachsendes Desinteresse am Angeln fest und die Angelausrüstung verschwand unter Deck. Frischen Fisch gab es dann im Restaurant und dort war er meist vorzüglich.
Hier könnte unsere Anglergeschichte zu Ende sein und in der Tat blieb unsere Angel von Nordspanien bis Kroatien unter Deck. Erst als Lukas und Max bei uns an Bord waren, kramten sie die Angelausrüstung wieder aus. Zu verlockend waren die vielen Bandbrassen, Goldstriemen und Meeräschen, die an den wunderschönen Ankerbuchten mit kristallklarem Wasser um und unter unserem Schiff schwammen. Goldstriemen, Bandbrassen und Meeräschen sind keine Jagdfische, die man mit dem Blinker fängt, sie sind genügsame Allesfresser, die im freien Wasser oder an Steinen, Seegras und dem Meeresboden nach kleinen fressbaren Leckerbissen suchen. Hier muss also geködert werden. Eine Fangmethode, die nicht meinem Naturell entspricht. Stundenlang untätig auf den Schwimmer starren und warten, bis sich vielleicht ein Fisch den Köder schnappt, der am Haken unter dem Schwimmer im trüben Wasser treibt, fand ich schon als Kind an deutschen Flüssen langweilig. Auch hier konnte ich mich nicht für diese Jagdmethode erwärmen, auch wenn man in den Ankerbuchten im Unterschied zu den trüben Flüssen sogar den Köder bestens beobachten und sehen konnte, wie die Fische an ihm knabberten.
Max und Lukas fanden – wenigstens zu Beginn – die Ködertechnik nicht langweilig. Sie probierten Brot und Käse als Köder aus und plötzlich hieß es: Wir haben einen Fisch!
Unglaublich. Sollte sich mit einem Mal unser Anglerpech wenden und wir von nun an erfolgreiche Angler sein? Für einen Moment herrschte große Aufregung an Bord. Ein Fisch! Ein echter Fisch am Haken. In Gedanken wurde schon das passende Menü zusammengestellt: gebratene Goldstrieme an Kartoffeln mit Spinat oder Mangold… Aber ach, es war kein Fisch, es war ein Fischlein. Eine kleine, unerfahrene Bandbrasse hatte sich den Haken geschnappt. Kaum dass wir sie mit der Hand festhalten konnten, so winzig war sie. Und mit ihren großen, runden Babyaugen schaute sie uns traurig an. Das war unmöglich ein Fisch zum Essen. Behutsam befreiten wir sie vom Haken und ließen sie wieder zurück ins Meer. Aber sie machte uns Mut. Wenn ein kleines Fischlein anbeißen konnte, dann sollten es größere erst recht tun. Also größere Haken und größere Köder nehmen. In der Pantry standen die Bratpfannen schon bereit, es konnte sich ja nur noch um Minuten handeln, die großen Fische drängten sich um den Köder.
Aber: Große Fische sind clever, kleine noch nicht! Keiner der großen Fische packte sich den Köder, sie knabberten nur daran. Ob sie den Haken und die Angelschnur sehen konnten? War der Köder klein, packten kleine Fische zu. Babyfische mit traurigen Kulleraugen, die wir schnellstmöglich wieder ins Meer zurückwarfen. Kurzum, es gab keinen frischen Fisch, in die Pfanne kam Fisch aus der Dose!
So, jetzt könnte unsere Anglergeschichte wieder zu Ende sein. Ist sie eigentlich auch, wenn sie nicht noch eine ganz andere Wendung genommen hätte. Seit unseren Versuchen mit dem Ködern ist die Angel wieder an Deck und ab und an nehme ich sie auch in die Hand. Angelhaken und Schwimmer habe ich längst abgemacht und wieder einen Blinker montiert. Und an so manchen Abenden stehe ich nun an Deck, werfe meine Angel aus, hole den Blinker wieder ein, um ihn erneut auszuwerfen. Werfen – Plop – Spulen. Werfen – Plop – Spulen. „Ich gehe auf Thun“, sage ich dann, wenn jemand wissen will, was ich gerade mache. Werfen – Plop – Spulen. Keine Sorge, ich fange nichts, auch wenn ich schon einige Blinker verloren habe. Es ist mittlerweile gar nicht mehr mein Ziel, einen Fisch zu fangen und eigentlich möchte ich auch nichts fangen. Die armen Fische. Mir reicht das Werfen – Plop – und Spulen. Dabei kann ich zufrieden über das herrliche Meer schauen, mich in Gedanken und im endlosen Blau verlieren…
Heute regnet es. Eine Seltenheit in diesem heißen und trockenen Sommer 2022. Vielleicht sollte ich nachher noch die Angel auswerfen. Wenn es regnet, heißt es, beißen sie. Mal sehen.