Bevor wir unseren Ankerplatz in der Bucht Ostrica verlassen, wartet der See des Flusses Krka noch mit einer Besonderheit auf: Mehrmals können wir eine Unechte Karettschildkröte beobachten, wie sie für einen kurzen Moment ihren Kopf aus dem Wasser streckt, schnell und laut vernehmlich ausatmet, Luft holt und wieder unter dem Wasserspiegel verschwindet. Die Unechte Karettschildkröte ist, wie alle Meeresschildkröten weltweit, durch ehemalige Bejagung, als Beifang bei der Schleppnetzfischerei oder durch den massenhaften Plastikmüll in den Meeren stark in ihrem Bestand gefährdet und für viele Experten ist es nur eine Frage der Zeit, bis man sie im Mittelmeer nicht mehr antreffen wird. Hier kann man nur hoffen, dass Schutzbemühungen an Stränden in der Türkei oder in Griechenland, wo sie ihre Eier ablegt, greifen, damit wenigstens möglichst viele Jungtiere vom Ei den Weg ins Meer finden, um so ihrer Art im Mittelmeer eine Chance zu geben.
Wir sind glücklich, diesen seltenen Mittelmeerbewohner nach der ersten Beobachtung in der Kvarner Bucht vor fast zwei Monaten nun ein zweites Mal gesehen zu haben.
Bei Windstille motoren wir die Krkaschlucht wieder stromabwärts auf Šibenik zu, dann an der mittelalterlichen Stadt vorbei und wieder hinaus in die Adria. Auch hier ist Wind Fehlanzeige und so fahren wir die wenigen Seemeilen zur nächstgelegenen Insel Zlarin hinüber und ankern dort vor dem gleichnamigen Dörfchen.






















In Zlarin könnte man meinen, dass das Dorf schon bessere Zeiten erlebt hat, oder einfach etwas in der Zeit stehen geblieben ist oder aber es geschafft hat, sich bis jetzt trotz seiner Nähe zu Šibenik etwas von den touristischen Massenströmen zu distanzieren. Der warme Herbst lässt die Männer im kleinen Hafen an ihren Booten werkeln, hier und da richten Ehepaare etwas am Häuschen oder im Garten, eine schwarz gekleidete Frau geht auf den Friedhof, um ein Grab zu gießen, Oliven werden geerntet oder aber, man sitzt zufrieden an den Tischen vor der Bar beim Bier oder Kaffee, schwatzt und wartet, bis der kleine Dorfladen um 17.30 Uhr öffnet. Viel gibt es dort nicht. Zigaretten, Bier, Brot, das Nötigste eben. Auch wir kaufen ein. Und siehe da, es gibt auch Wein, Milch, Brot, Kraut und abgepackten Schinken. Das Nötigste eben.














Es ist unruhig in der Bucht von Zlarin, da es einen regen Bootsverkehr hinüber nach Šibenik gibt, der bis in die Nacht anhält und am nächsten Morgen schon wieder früh beginnt. Viele Zlariner scheinen wohl in Šibenik zu arbeiten, die Fähre steuert die Insel regelmäßig mehrmals täglich an.
Aber wir werden für die Schaukelei belohnt. Als wir am Morgen mit Lucky zum nahen Badekai übersetzen, können wir einen Marmorierten Seehasen beobachten. Die braunmarmorierte, über 30 Zentimeter große Meeresschnecke schwebt förmlich mit ihren großen Fußlappen rochengleich durchs flache Wasser. An Steinen und an der Kaimauer sucht sie nach fressbaren Algen, die sie hier sicherlich zu Hauf findet.



Von Zlarin segeln wir bei schwachem Wind aus Nordwest (genau da wollen wir hin) in Richtung Kaprije. Es geht mit ein bis zwei Knoten nur ganz langsam vorwärts. Aber wir haben ja Zeit, bis Kaprije sind es nur wenige Seemeilen. Zum Mittagessen fahren wir in die Bucht Tijascica auf der Insel Tjat und machen dort an einer Boje fest. Die tief eingeschnittene Bucht bietet sicherlich bei starken Winden guten Schutz und an heißen Sommertagen mögen die hoch aufragenden Hänge mit Kiefernwäldern auch für ausgleichende Temperaturen sorgen. Uns zieht es aber weiter zu „unserer“ offenen Bucht im Süden von Kaprije. Zum einen wissen wir nicht, ob wir jetzt in der Nachsaison hier für das Festmachen an den Bojen noch bezahlen müssen und zum anderen lärmt am Ufer ein großer Bagger. Das einzige Haus an der Bucht, vermutlich das Restaurant, das im Reiseführer noch erwähnt ist, wird abgerissen.



Kaprije empfängt uns am späten Nachmittag mit schräg stehender Sonne und blauem Himmel. Es ist fast windstill, Luft- und Wassertemperaturen liegen bei 22 Grad. So können wir die nächsten Herbsttage hier gut aushalten, denn das Wetter soll wenigstens eine Woche lang so bleiben. Über dem Balkan hat sich ein kräftiges Hoch festgesetzt: Stabiles, angenehmes Herbstwetter ist die Folge!
Wir verbringen die Tage auf Kaprije wie wir es immer machen. Auf langen Spaziergängen schlendern wir durch die wilden oder verwilderten Olivenhaine, bestaunen die unzähligen Steinmauern, die vielen Schmetterlinge, beobachten Gottesanbeterinnen, sammeln Erdbeerbaumfrüchte oder sitzen einfach nur so auf einer Steinmauer in der Sonne und genießen, wie wir unsere Zeit verbummeln.
Trotz Nachsaison sind in dieser Woche bis zu sechs Yachten in der Bucht. Aber es sind keine Charteryachten wie im Sommer, sondern es sind Bootseigner wie wir, die Zeit haben und die Ruhe suchen. Slowenen, Tschechen, Österreicher und noch ein Deutscher, Mike, der vor zwei Wochen auch schon einige Tage hier geankert hat. Die anderen Bootsbesatzungen haben alle keinen Hund und sind schon deshalb nicht so oft an Land wie wir. Meistens treffen wir auf unseren Landgängen keine Menschenseele. Außer den Motoren von selten vorbeifahrenden Schiffen oder von Flugzeugen ist kein technischer Lärm zu hören. Kein Straßenlärm von Autos, Lastwägen oder Motorrädern wie in Šibenik oder auf der Krka. Kaprije ist autofrei! Kein Lärm von Maschinen oder Menschen, dazu ist das kleine Dörfchen auch zu weit weg. Nur selten gelangen gedämpfte Stimmen von einem Nachbarboot zu uns herüber oder wir hören ein Platschen, wenn ein Bootsnachbar ins Wasser springt. Ansonsten ist es ruhig und die wenigen herbstlichen Vogelrufe und das sanfte Plätschern der kleinen Wellen am Bootsrumpf oder am nahen Ufer verstärken noch die angenehme Stille.































Wir gehen nicht nur bei Tage auf Naturerkundung, sondern auch bei Nacht. Leise paddeln wir mit dem Dingi zum steinernen Steg am Ufer hinüber. Bei jedem Paddelschlag erscheinen im Wasser für knappe Sekunden blassgrün leuchtende Ornamente, wabern, verschmelzen, verblassen, bis das Paddel erneut durch das Wasser gezogen wird. Neongrün fluoreszierendes Mikroplankton ist für das kleine Spektakel im Wasser verantwortlich – Meeresleuchten. Die anderen, dauerhaft im ruhigen, glatten Wasser leuchtenden Punkte sind die Sterne, die sich im Wasser spiegeln.
An Land ist der Wassersaum unser Ziel. Dort, wo zwischen den Felsen in kleinen und großen Gumpen und Buchten das Wasser steht oder leicht von der Dünung bewegt wird, herrscht bei Nacht reges Leben: kleine Fischchen haben hier ihre geschützte Kinderstube. Größere Fische jagen aber urplötzlich hindurch. Ob sie die kleinen Fische jagen oder ob sie das Flachwasser zur Eiabgabe nutzen, können wir nicht beobachten. Dazu sind sie für unsere Hand, die den Schein unserer Taschenlampe lenkt, viel zu schnell.
Auch die kleinen, bis zu fünf Zentimeter großen Felsengarnelen sind blitzschnell hinter Steinen verschwunden, wenn sie sich von uns entdeckt fühlen. Oft sitzen sie aber minutenlang auf den Steinen und vertrauen ihrer Tarnung. Die schwarzen, feinen Streifen auf ihrem beinahe durchsichtigen Körper lässt sie perfekt mit der Umgebung verschmelzen. Nur ihre Stielaugen reflektieren das Licht der Taschenlampe und verraten uns ihren Standort. Aber das wissen sie nicht. Noch vorsichtiger sind Taschenkrebse und Borstenkrabben. Wenn sie das Licht der Lampe streift, sind sie im Nu unter Steinen verschwunden.
Da tun sich Seeschnecken, Seeigel, Seesterne, Seegurken und Seeanemonen schwerer. Sicherlich nehmen auch diese Tiere das Licht der Taschenlampe wahr. Aber sie könnean nicht und wollen auch nicht flüchten. Sie vertrauen auf ihre Stacheln, Nesseln oder klebrigen Schleimfäden. All diese Waffen brauchen sie aber bei uns nicht zum Einsatz bringen. Wir wollen sie ja nur für einen Moment bewundernd beobachten und über die Vielfalt staunen: Napfschnecken, Turbanschnecken, Purpurschnecken, Schwarze Seeigel, Violette Seeigel, Dornenseestern, Röhrenseegurke, Variable Seegurke, Wachsrose und Pferdeaktinie. Und als krönenden Abschluss sehen wir direkt beim Dingi einen großen Tintenfisch mit dem Namen Gewöhnliche Krake. Gewöhnlich ist das alles für uns nicht!







Wie schön und vielfältig die Natur doch ist. Begeistert paddeln wir zur Colette zurück, um all unsere Beobachtungen in das kleine Büchlein einzutragen, in dem ich regelmäßig Tierarten, die uns seit Lübeck, seit dem Beginn unserer Reise, begegnet sind, mit Ort und Datum festhalte.
Das Büchlein füllt sich – natürlich abhängig von unseren bescheidenen Artenkenntnissen und den Inhalten der Bestimmungsbücher an Bord oder den Hilfen, die das Internet bietet. Aber füllt es sich wirklich? Wie viele Tierarten hätte ich schon notieren können, wenn wir vor 50, 100 oder noch mehr Jahren diese Reise unternommen hätten? Wie gravierend ist der menschgemachte Artenschwund der letzten Jahre? Wenn man Reiseberichte früherer Naturkundler liest, kann man eine Ahnung davon bekommen.
Wir schütteln diese trüben Gedanken wieder ab und blicken hinaus auf das endlos weite, jetzt tief schwarze Meer und hinauf zu den unzähligen Sternen. Wie wunderschön unsere Erde mit all ihren Geschöpfen ist! Und sie ist für all ihre Geschöpfe, sie ist für uns alle im weiten Weltall die Einzige!

