07.06. – 14.06.2026
Meine erste längere Solofahrt – von Bar in Montenegro nach Brindisi in Italien – wird zu einem schönen Erlebnis. Die Abfahrt beginnt allerdings bürokratisch. Sehr bürokratisch. Ich muss in Montenegro, das ja noch nicht Mitglied in der EU ist, ausklarieren. Und dazu muss ich, so die Vorschriften, mit Colette zum Q-Kai fahren. Der ist nur wenige hundert Meter von meinem Liegeplatz in der Marina von Bar entfernt und ich weiß jetzt schon, dass weder Polizei noch Zoll mein Schiff in Augenschein nehmen werden, sondern ich nur viele Zettel mit Stempeln und Unterschriften bekommen werde. Trotzdem: Colette muss an den Q-Kai.

Also verlege ich am Sonntagmorgen gegen 9.30 Uhr an den Q-Kai. Sabine und Raphael, ein nettes französisches Paar, die mit ihrem Katamaran nach Griechenland wollen, helfen mir beim Anlegen und dann machen Sabine und ich den Gang durch die Ämter. Die Polizistin schickt uns zuerst zum Hafenmeister. Der hat sein Büro allerdings in der Stadt, fußläufig 10 Minuten – ob der aber Sonntagmorgens offen hat? Hat er eigentlich nicht. Aber er ist da und öffnet uns. Glück gehabt.
In 10 Minuten sind vier Bogen Papier ausgefüllt, unterschrieben und abgestempelt. Dann geht es zurück zur Polizei. Die hat, wie auch der Zoll, 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche Dienst. Allerdings scheint der Computer am Sonntagmorgen Pause machen zu wollen. Die Polizistin entschuldigt sich mehrmals für die unzuverlässige Technik, aber nach einer Stunde haben wir auch da die nötigen Stempel und Unterschriften. Dann noch schnell zum Zoll, Unterschrift, Stempel, fertig.
Jetzt kann es losgehen. In der großen Bucht vor Bar richte ich Colette und mich für die Überfahrt: Fender und Leinen verstauen, Großsegel und Genua setzen. Um 11.00 Uhr mache ich den Motor aus. Über 100 Seemeilen liegen vor mir, der Wind bläst sanft aus West, soll später auffrischen und auf Nordwest drehen, ich will nach Südwest, also alles bestens für meine Überfahrt.


Es kommt dieses Mal wie vorhergesagt und je nach Windstärke macht Colette zwischen 3 und 6 Knoten Fahrt. Wie angenehm! Die Segel stehen gut, der Autopilot hat kaum was zu tun und ich muss nur ab und an die Segel etwas trimmen, wenn die Windrichtung sich ändert. Ich sitze im Cockpit oder manchmal auch im Bugkorb und genieße. Lange Zeit bin ich weit und breit das einzige Schiff, dann kreuzt eine Motoryacht auf ihrer Fahrt nach Griechenland meinen Weg, sonst nichts.

Noch ist die Sonne eine Handbreit über dem Horizont, trotzdem richte ich mich schon für die Nachtfahrt. Die Schwimmweste habe ich, wenn ich alleine fahre, sowieso schon an, um mich immer einzupicken, also mich mit der Sicherungsleine irgendwo einzuhängen, lege Stirnlampe, Pullover und Mütze zurecht, koche noch einen Tee und lege mir etwas zu essen ins Cockpit. Ich bin beschäftigt, trotzdem schaue ich immer wieder über die weite, blaue Wasserfläche um mich herum. Und das ist gut so: nur wenige hundert Meter weg von meiner Backbordseite springt ein großer Wal komplett aus dem Wasser! 19.15 Uhr, Position N 41°29,7 und E 18°33,0 bei 1000 Meter Wassertiefe. Das kann ich später melden. Leider zeigt er sich kein zweites Mal und so kann ich auch kein Foto machen. Ob es ein Buckelwal war? Buckelwale springen gänzlich aus dem Wasser, andere Wale eher nicht. Aber Buckelwale sind in der Adria sehr selten. Vielleicht kann ich später mehr erfahren.

Die Nacht bleibt ereignislos. Ach, ganz falsch! Eine mondlose Nacht auf dem Meer wartet mit einem grandiosen Sternenhimmel auf. Die Milchstraße ist gut auszumachen, Sternschnuppen und unzählige Sterne sind zu sehen. Über den Horizont verschwimmen Meer und Himmel zu einer Einheit und ich fühle mich als ein winziges Teil im grandiosen, unendlichen Universum. Daran ändern zum Glück auch die vielen Satelliten von Elon Musk nichts, die sich überall durch dieses Sternenmeer bewegen. Aber sie nehmen einem etwas die Illusion, dass man hier draußen komplett allein wäre…
Das tun denn dann auch die Frachter, Fischer und Kreuzfahrtschiffe, die mit jeder Seemeile, die ich mich auf Italiens Küste zubewege, mehr werden. AIS und Radar verschaffen mir aber einen guten Überblick und lassen mich auch immer wieder beruhigt schlafen. 20 Minuten, dann klingelt der Wecker. Dann Radar und AIS checken, die Segel, den Wind, den Kurs, einen Blick rings herum und dann kann ich wieder 20 Minuten schlafen…
Um 9.00 Uhr passiere ich die Außenmole von Brindisi. Nach 22 Stunden berge ich jetzt die Segel, um unter Motor in das große Hafenbecken von Brindisi hineinzufahren.




Jetzt bin ich zum vierten Mal in Brindisi, aber zum ersten Mal alleine. Ich steuere den Nordkai an. Ein Engländer, der hier schon liegt, hilft mir beim Anlegen, dann bin ich aber noch lange beschäftigt, meine Fender so einzusetzen, dass Colette an den gut gemeinten, aber für kleine Schiffe sehr unvorteilhaften Gummipuffern an der Kaimauer keinen Schaden nimmt. Ich lasse mir dazu reichlich Zeit, denn ich muss hier zuverlässig gut liegen. Schließlich werde ich nun über eine Woche hier sein, bis Helga und Leo an Bord kommen.

Eine Woch Zeit für Putzen, Wäsche waschen, kleinere Reparaturen machen… Aber zuerst muss ich ja einklarieren. Ich habe die gelbe Flagge gesetzt, um anzuzeigen, dass ich aus einem Nicht-EU-Staat komme. Dann funke ich den Hafenmeister an. Mehrmals. Bekomme aber zuerst keine Antwort, dann eine, die mich im Unklaren lässt, ob ich überhaupt gemeint bin, da er meinen Schiffsnamen nicht wiederholt. Also funke ich nochmals. Wieder erfolglos. Am Kai fahren immer wieder Schiffe der Hafenbehörde, der Polizei und der Guardia di Finanza vorbei, am Kai selbst patrouillieren Autos der regionalen Polizei und der Carabinieri, aber niemand schein sich für mich zu interessieren. Am nächsten Tag hole ich meine gelbe Flagge ein. Irgendwie bin ich wohl stillschweigend einklariert worden.
Brindisi ist aus meiner Sicht keine Touristenstadt. Brindisi ist eine Hafenstadt für Frachter, Fischer, große Fähren und für die Marine. Sicherlich hat Brindisi als Hafenstadt eine lange Geschichte, von den Griechen über die Römer und die Normannen bis heute und ja, Brindisi hat eine sehenswerte Kirche, in der immer geheiratet wird, wenn wir dort vorbeischauen und Brindisi hat eine lange, sehr lebendige Hafenpromenade, mit Bars, Restaurants und Livemusik. Aber viel mehr ist es aus meiner Sicht nicht. Vielleicht gibt es in Brindisi aber etwas, was ich nicht weiß, denn auch in Brindisi legen große Kreuzfahrtschiffe an.



Was ich aber weiß ist, dass in 30 Zugminuten von Brindisi entfernt Lecce liegt, das Florenz des Südens, die mittelalterliche Barockstadt Karls V., das kulturelle Zentrum Apuliens. Also mache ich einen Ausflug mit dem Zug nach Lecce. Dort treffe ich dann auch alle modernen Kreuzfahrer! Unzählige Gruppen werden durch die Stadt geführt, zur Kathedrale, zur Basilika, zur Kirche sowieso, zum freigelegten römischen Amphitheater, zur Festung des Karls V. Was für eine wichtige und reiche Stadt muss Lecce im Mittelalter gewesen sein. Prachtgebäude und barocke Fassaden reihen sich aneinander, die barocken Ausschmückungen in den Altären der Kirchen übertreffen sich.








Noch heute ist Lecce Hauptstadt der Provinz Lecce, Bischofssitz und Universitätsstadt und bildet einen deutlichen Kontrapunkt zum ländlichen Umland, das sich mir auf der Zugfahrt von Brindisi nach Lecce zeigt: Getreidefelder, Wein und Olivenbäume. Dass die Produktion von Olivenöl ein wichtiger Wirtschaftsfaktor der Provinz Lecce ist, wird auf den ersten Blick deutlich. Dass aber das Xylella-Bakterium in den letzten Jahren die Olivenbäume befallen hat und zu Ernterückgängen von über 90 % führte, muss ich nachlesen. Was für eine dramatische Situation für eine sowieso schon arme Gegend.
In Brindisi merkt man davon nichts. Der Markt und die vielen kleine Geschäfte bieten bestes Olivenöl, Wein, Gemüse, Obst, Käse, Wurst…, alles aus der Region. Erschwinglich und so gut!
