Einen Espresso, also eine kleine Tasse mit schwarzem, italienischen Cafe, den liebe ich, seit ich ihn in einem italienischen Ristorante nach einer Pizza das erste Mal getrunken habe. Dieser kleine Cafe ist der perfekte Abschluss nach jedem guten Essen, die Abrundung, das i-Tüpfelchen, eine Wohltat für den Magen, und ich kann ihn zu jeder Tages- oder Nachtzeit trinken.
Ganz anders der Kaffee.
Für mich hat Kaffee nie eine wichtige Rolle gespielt. Als Kind mochte ich ihn überhaupt nicht. Und noch als Erwachsener zog ich bei Kaffee und Kuchen eine heiße Schokolade dem besten Kaffee vor. Als Kind war er mir zu bitter und später, als ich als Jugendlicher begann, den Duft des Kaffees zu mögen und erste Tassen mit reichlich Milch und Zucker trinken konnte, bekam er mir meistens nicht. Ich spürte eine innere Unruhe, bekam Schweißausbrüche und kalte Hände. Dieses Unwohlsein steigerte sich vor allem beim Sonntagnachmittagskaffee zu merkwürdigen Spitzen: Ich musste gar keinen Kaffee mehr trinken, es reichte der Duft nach Kaffee, der gedeckte Kaffeetisch, mehr noch, der schiere Gedanke an Kaffee und Kuchen reichte aus, in mir diese innere Unruhe auszulösen. Ich konnte kaum noch ruhig sitzen, mir wurde unwohl, ich schwitzte und wusste mit meinen kalten Händen nicht wohin. Als ob mein Körper im pawlowschen Sinne konditioniert worden wäre. Wurde er vielleicht auch.
Das Phänomen verfolgte mich über viele Jahrzehnte und manchmal kann es sein, dass es mich für einen Moment auch heute noch erfasst, wenn ich sonntagnachmittags an eine schön gedeckte Tafel mit Kaffee und Kuchen geladen werde. Heute kann ich dagegen vorgehen und mir sagen: Alles ist gut, dieser Kaffee ist kein deutsches Kaffeeprodukt der Marke „Dröhnung“ und, das Wichtigste, nach dem Kaffeetrinken gibt es keine stressige Reise irgendwo hin. Denn, und dazu habe ich einige Zeit der Erkenntnis gebraucht, war es bei mir über Jahre so, dass ich nach dem Sonntagnachmittagskaffee im Elternhaus Abschied nahm, um dann, als 17jähriger, zu meiner Schulstadt und später zu meiner Universitätsstadt zu fahren. Als jugendlicher Schüler nahm ich für die 100 Kilometer zwischen Elternhaus und Schülerwohnung selten den teuren Zug, sondern trampte, und später bildeten wir Fahrgemeinschaften. Stressig war es aber doch jedes Mal: Die eine Welt mit Freunden und Familie verlassen, packen, nichts vergessen, rechtzeitig irgendwo ankommen, sich dort wieder auf die dortigen Freunde, die dortigen Aufgaben und Vorhaben einlassen…
Dieser Wechsel, der sich über viele Jahre Sonntagnachmittag für Sonntagnachmittag, meist bei Kaffee und Kuchen, in mir vollzog, hinterließ seine Spuren. Die innere Unruhe, die sich dabei jedes Mal in mir aufbaute und ausbreitete und sich erst wieder legte, wenn ich von zuhause weg in meinem zweiten Zuhause angekommen war, setzte sich wohl tief in meinem Unterbewusstsein fest. Der Grund war der Orts- und Lebenswechsel, der Kaffee war eher Zufall, der es vielleicht noch verstärkte. Jedenfalls die Konditionierung gelang perfekt und Kaffee und Kuchen am Sonntagnachmittag war mir über sehr lange Zeit verleidet.
Und später, im Arbeitsleben? Wurde da die Konditionierung nicht immer wieder erfolgreich aufgefrischt? War es nicht sehr oft so, dass nach einem schönen Wochenende, weit weg von Arbeit und Arbeitsdruck am Sonntagnachmittag, sich wieder der Montag ankündigte? War es nicht oft so, dass schon am Sonntagnachmittag der Kopf sich wieder mit dem Montag und all seinen Aufgaben, Problemen und den vielen Terminen der kommenden Woche beschäftigte? Am Sonntagnachmittag, bei Kaffee und Kuchen, konnte ich es jedes Mal aufs Neue spüren.
Natürlich ist mir auch das dringende Bedürfnis, morgens zum Frühstück Kaffee trinken zu müssen, um für den Tag wach zu werden, gänzlich fremd. Mein morgendlicher Kaffee führt zur Belustigung bei all denen, die mich damit erwischen. Ein „Boden-seh-Kaffee“ sei es, heißes Wasser mit einer eingeweichten Kaffeebohne, der zweite Aufguss! Und in der Tat habe ich, seit ich mit Friederike zusammenlebe, morgens ihren schon gebrauchten Kaffeefilter auf meine Tasse gesetzt und nochmals mit heißem Wasser übergossen. Dazu etwas Milch und fertig.
Dass andere Menschen Kaffee, vor allem morgens die erste Tasse, zum Leben brauchen, habe ich freilich bei einigen meiner Mitmenschen beobachten können. Am ausgeprägtesten war es vielleicht bei meinem Zimmerkameraden bei der Bundeswehr. Wir hatten das gemeinsame Stockbett, ich lag oben, er unten. Er musste unten liegen, denn ohne das folgende Morgenritual hätte er nicht aufstehen können: Noch am Abend rückte er den Stuhl ganz nahe an sein Bett, darauf stand die mit viel Kaffeepulver und wenig Wasser präparierte Kaffeemaschine nebst Tasse, selbstverständlich eingesteckt und zur sofortigen Arbeit bereit. Beim allmorgendlich dröhnenden Ruf „Kompanie aufstehen“ und beim schrillen Klingen der angeschlagenen Glocke suchte seine Hand bei geschlossenen Augen und komplett verschlafenem Verstand den Schalter der Kaffeemaschine. So wie andere morgens den Wecker ausmachen, schaltete er die Kaffeemaschine ein. Der angenehme, kräftige Kaffeeduft verbreitete sich schnell in unserem Zimmer. Er konnte aber erst seine Augen öffnen, nachdem er die erste Tasse getrunken hatte. Und erst nachdem die zweite Tasse genug Koffein in seine Adern gebracht hatte, war er dann zu mehr zu gebrauchen und konnte aufstehen.
Hier auf der Colette gehört mittlerweile eine gute Tasse Kaffee auch zu meinem morgendlichen Ritual. Nicht, dass mein Körper eine Tasse Kaffee zum Wachwerden brauchen würde. Davon bin ich weit entfernt. Und für die allermeisten mag es immer noch ein „Boden-seh-Kaffee“ sein, den ich trinke. Aber ich freue mich schon beinahe gierig auf meinen Morgenkaffee, wenn ich den Wasserkessel auf den Gasherd stelle. Dann öffne ich die Kaffeedose und der unvergleichliche, unverwechselbare, aromatische Kaffeeduft steigt mir in die Nase. Zusammen mit dem Geruch des gerade ausströmenden und entzündeten Gases entwickelt sich jetzt eine Duftmischung, die es nur auf der Colette gibt. Cafe-Colette. Und diese Duftmischung ist dabei, meinen Körper und meine Seele neu zu konditionieren. Eine Konditionierung, die ich gerne mit mir geschehen lasse. Eine Konditionierung auf ein entspanntes, behagliches Wohlbefinden hier auf der Colette!
In dem Maße, wie ich den Duft nach Kaffee und Propangas im mich einatme, breitet sich eine wohlige Wärme und Zufriedenheit in mir aus, noch lange bevor ich die erste Tasse Kaffee getrunken habe. Beim Aufgießen durchdringt schließlich das heiße Wasser langsam das Kaffeepulver, der aromatische Kaffeeduft wird nochmals stärker und ebenso mein Wohlbefinden. Zusammen mit einem Tröpfchen Milch genieße ich dann meine morgendliche Tasse Kaffee an Deck und schaue hinaus auf das weite Meer oder in die friedliche Ankerbucht oder in den geschäftigen Hafen. Still und glücklich kann ich jetzt meinen Cafe-Colette trinken, ganz ohne Stress, Hetze oder andere lästige Gedanken und Störungen. Schluck für Schluck genieße ich meinen Kaffee und erlebe dabei etwas sehr Kostbares, was ich hier auf meinem Schiff habe: Zeit!
Als ob ich hier an Deck meines Schiffes gleichzeitig mit meiner Tasse Cafe-Colette auch meine Zeit in den Händen halten würde. Ein unbeschreiblich gutes, erfüllendes Gefühl. Ich glaube, ich bin schon längst süchtig danach.