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Colette-Zeit

In unserer Bugkabine fehlte uns eine Uhr. Eine zuverlässige Uhr, so dachten wir, die uns abends anzeigt, wenn wir in die Kojen gehen oder wenn wir morgens aufstehen, wäre doch sehr hilfreich. Oder auch mitten in der Nacht wäre sie wichtig, wenn wir Zeiten für die Wache eingeteilt haben, damit man zur rechten Zeit aufsteht oder wenn man nachts an ungewöhnlichen Geräuschen aufwacht oder aufgrund eines Sturmes nicht schlafen kann, wäre doch eine gute Uhr sehr hilfreich, um zu wissen, wie lange es wohl noch dauert, bis der Morgen graut.

Selbstverständlich wollten wir keine x-beliebige Uhr oder gar einen digitalen Wecker. Die Uhr musste schon zum Interieur unserer Colette passen. Also musste sie aus Messing sein. Groß sollte sie auch sein, damit die Ziffern und Zeiger auch ohne Brille zu lesen sind und schließlich wollten wir ein Ziffernblatt mit arabischen Ziffern.

Wir fanden, was wir suchten. Eine schöne Uhr. Genau das richtige. Und sie bekam einen perfekten Platz in der Bugkabine. Zentral. Gut sichtbar.

Wir freuten uns sehr über unsere hübsche Uhr. Wenigstens die ersten Wochen, bis sie anfing, etwas lax mit ihrer Zeitangabe umzugehen und ständig der amtlichen Zeit etwas hinterherzuhinken. Wir testeten die Batterie, die aber vorgab, voll zu sein. Also bauten wir die Batterie wieder ein und siehe da, die Uhr versah wieder zuverlässig ihre Dienste. Allerdings wieder nur für einige Wochen, dann hing sie der Zeit wiederum hinterher. Wir wechselten die Batterie und das Spiel wiederholte sich. Einige Wochen zeigte sie zuverlässig die Zeit an, dann begann sie wieder ihr zeitliches Eigenleben bei nachweislich voller Batterie.

Ich glaube, jeder kann nachvollziehen, dass wir nun anfingen, uns über unsere hübsche Uhr zu ärgern. So hübsch sie auch war, interessierte sie sich nicht für die amtliche Zeit, sondern nur für ihre eigene. Eine Zeit lang dachten wir an ein Umtauschen, aber irgendwie fehle uns dazu der Elan und schließlich war die Garantiezeit verstrichen. Also blieb sie und wurde zur hübschen Dekoration in der Bugkabine.

Dort hängt sie immer noch und tickt ihre eigene Zeit. Wenn ich in der Koje liege, beobachte ich so manches Mal minutenlang ihren munteren Sekundenzeiger, wie er Sekunde für Sekunde über das Ziffernblatt tickt. Und plötzlich kann es sein, dass er sich anschickt, an den Ziffern 5 oder 6 oder 7 auf der Stelle zu stehen. Es durchläuft ihn wohl ein kaum wahrnehmbares Zucken, aber er will nicht weiter. Dieser Zustand kann dann für Sekunden, manchmal aber auch für Minuten anhalten, wie es dem Sekundenzeiger eben in den Sinn kommt. Und freilich folgen ihm dann der Minutenzeiger und der Stundenzeiger. Alle bleiben auf der Stelle stehen, wie abgesprochen. Und dann, so meine ich zweifelsfrei beobachtet zu haben, gibt es Augenblicke, da rennt der Sekundenzeiger schneller als es ihm die amtliche Zeit erlauben würde. Manchmal eilt er an der 10 vorbei, manchmal an der 2 und 3. Was jetzt Minuten- und Stundenzeiger tun, habe ich noch nicht herausgefunden.

Einmal, die Uhr zeigte halb sechs, obwohl es kurz nach 23 Uhr war, bin ich wohl beim Beobachten der stehenden Zeiger eingeschlafen und just, als ich am nächsten Morgen erwachte und mein prüfender Blick auf unsere hübsche Uhr fiel, begann sie wieder mit dem Ticken. Sie zeigte immer noch halb sechs! Als ob sie mit mir geschlafen hätte.

Und einmal, als wir für mehrere Wochen nicht auf unserer Colette waren, so glaube ich, nein, bin ich mir ganz sicher, ist sie auf der Stelle verharrt, bis wir wieder an Bord kamen. Es war viertel vor sieben. Alle Zeiger standen, als wir gingen, und sie standen auch, als wir wieder kamen. Und erst als ich sie eine Zeit lang beobachte, fing der Sekundenzeiger wieder an zu laufen und mit ihm natürlich auch Minuten- und Stundenzeiger.

Mittlerweile habe wenigstens ich unsere hübsche Uhr lieb gewonnen. Mir imponiert sehr ihre anarchistische Art und Weise, mit der Zeit umzugehen. Mal geht sie schneller, mal langsamer, mal bleibt sie stehen, gerade wie es ihr gefällt. Sicherlich mag die Rotation der Erde wichtig sein, nicht aber für unsere Uhr. Da mögen amtliche Funkstellen oder Satelliten noch so viele Zeitimpulse aussenden, unsere hübsche Uhr zeigt sich davon unberührt. Ist das nicht beneidenswert!

Schon längst haben wir beschlossen, dass sie bleiben darf, dass sie uns weiterhin ihre eigene Zeit anzeigen darf. Sie ist nun unsere Colette-Zeit. Unabhängig jeglicher Zeitvorgaben. Manchmal verharren wir im Augenblick, egal wie lange. Manchmal sind wir unserer Zeit voraus oder eilen ihr davon und manchmal brauchen unsere Sekunden eben Minuten oder unsere Minuten werden zu Stunden. Auf der Colette herrscht nun komplette Zeitfreiheit!

Seit Monaten haben wir bei unserer hübschen Uhr nun schon nicht mehr die Batterie gewechselt. Selbstverständlich würde sie eine neue Batterie bekommen, falls sie stehenbleiben würde. Aber das tut sie bisher nicht. Ob die Batterie nun voll oder fast leer ist, unsere Uhr tickt wie sie will. Und mich würde es nicht im geringsten wundern, wenn sie ihre eigene Zeit auch mit komplett leerer Batterie verfolgen würde.

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