Wir liegen im Hafen von Kalamata sozusagen mitten in der Stadt – ideal, um uns wieder mit Lebensmitteln zu versorgen und Wäsche zu waschen. Friederike wünscht sich, dass ich mich dafür auch von meiner Skippermütze trenne, die sicherlich seit Lübeck, also seit Beginn unserer Reise, keine Waschmaschine mehr gesehen hat. Ich gebe unwillig nach, denn meine Skippermütze ist mir heilig.
Schließlich habe ich sie im Hafen von Stralsund gefunden. Das graue Basecap hing dort an einem Zaunpfahl – dreckig, speckig und vergessen. Es hing nahe der Kaimauer, an der wir notgedrungen festmachen mussten, weil unser Motor einen Totalschaden hatte. Es hing dort, nur zwei Tage nachdem mir meine alte Skippermütze bei der Einfahrt zwischen den Inseln Hiddensee und Bock von einer unerwarteten Böe vom Kopf gefegt und in der Ostsee versenkt worden war. Ein blödes Missgeschick. Vielleicht sogar ein böses Vorzeichen?
Jedenfalls war die Mütze futsch – und am nächsten Morgen auch der alte Motor unserer Colette. Wir wurden daraufhin in den Hafen von Stralsund geschleppt, und da hing sie: meine neue Skippermütze. Sie hing am Zaun und wartete auf mich. Und was soll ich sagen: Seit diesem Zeitpunkt, seit ich sie zu meiner Skippermütze gemacht habe, hatte unsere Colette keinen nennenswerten Schaden mehr. Nicht, dass ich abergläubisch wäre, aber meine Skippermütze ist mir heilig. Und ich glaube, den allermeisten Skippern geht es genauso.
Bevor ich nun aber noch weiter dem Geheimnis der Skippermütze – eigentlich müsste es ja Skippermützen heißen, denn die meisten Skipper, die ich kenne, haben mindestens zwei davon – auf den Grund gehe, möchte ich klarstellen, was ich unter einem Skipper verstehe. Doch noch vor dieser Klarstellung muss ich mit großem Nachdruck betonen, dass ich unter dem Begriff „Skipper“ selbstverständlich alle Skipperinnen miteinschließe.
Denn wenn ich in den Jahren, die ich nun mit meinem Segelschiff unterwegs bin, eines gelernt habe, dann dies: Die allermeisten Skipperinnen sind die besseren Skipper. In der Regel sind sie viel feinfühliger im Umgang mit ihrem Schiff, dem Motor oder den Segeln. Das hilft sowohl zu einem angenehm runden Lauf der Maschine als auch zu einem perfekten Trimm der Segel. Auf einem Schiff mit einer Skipperin geht es zumeist deutlich ruhiger zu, die Anlegemanöver in engen Marinas sind entspannter, und auf dem Wasser müssen sie sich nicht – wie ihre männlichen Kollegen – mit jedem Schiff, das in ihre Nähe kommt, ein Rennen liefern.
Wenn ich also nachfolgend von Skippern rede, sind Skipperinnen ausdrücklich miteingeschlossen. Ich könnte selbstverständlich auch durchweg von Skipperinnen sprechen und die Skipper darunter subsumieren. Aber in Anbetracht dessen, dass es nach wie vor deutlich mehr Skipper als Skipperinnen gibt (was nun für Frauen durchaus ein Ansporn sein mag, Skipperinnen zu werden), bleibe ich bei der männlichen Form.
Was also ist für mich ein Skipper?
Ein Skipper ist die Person, die für eine bestimmte Zeit für ein Schiff und seine Besatzung die volle Verantwortung übernimmt. Dabei ist es für mich unerheblich, ob der Skipper einen Bootsführerschein oder ein Kapitänspatent besitzt oder nicht. Es ist ebenso unerheblich, ob er Eigner des Schiffes ist oder nicht. Es zählt allein die Verantwortung. Dem Skipper ist die Verantwortung für Schiff und Besatzung übertragen. Er allein entscheidet – und muss auch für seine Entscheidungen geradestehen.
Ein Kapitän muss das freilich auch. Aber ein Kapitän hat eben ein Kapitänspatent. Deshalb ist er Kapitän und nicht „nur“ Skipper.
Nun mögen es mir die vielen Freizeitkapitäne nachsehen, die mit weißer oder blauer Kapitänsmütze mit hartem Schild unterwegs sind, dass ich sie weder zu den Kapitänen zähle noch sie so recht der Gruppe der Skipper zuordnen kann. Und damit bin ich unweigerlich wieder bei der Skippermütze.
Nach meiner Erfahrung trägt ein Skipper immer eine Skippermütze. Immer! Die Skippermütze und der Kopf des Skippers bilden eine Einheit. Untrennbar verbunden. Die Skippermütze hält auch bei stärkstem Sturm auf dem Kopf des Skippers und bleibt dort, egal ob er zum Essen geht, Landgang macht oder seine Koje aufsucht. Die Skippermütze bleibt auf dem Kopf!
Eine einzige Ausnahme mag es geben: Wenn der Skipper mit dem Kopf unter Wasser muss. Dann nimmt er die Mütze widerwillig ab, nur um sie nach dem Tauchgang sofort wieder aufzusetzen.
Ein Skipper ohne Mütze ist nicht vorstellbar. Ein Skipper ohne Mütze ist eigentlich kein Skipper. Und umgekehrt gilt: Eine Skippermütze ohne Skipper ist auch keine Skippermütze, sondern nur eine gewöhnliche Mütze.
Die Skippermütze selbst ist – betrachten wir sie einmal losgelöst vom Kopf des Skippers – stets alt, gebraucht, ausgebleicht und verschwitzt. Das und nur das ist das unumstößliche Markenzeichen einer Skippermütze. Es gibt keine neuen Skippermützen! Davon völlig unabhängig ist der darunter befindliche Kopf. Der könnte theoretisch jung, unverbraucht und neu sein. Könnte. Ist er aber meist nicht. Denn zumeist sind auch die Köpfe unter den Skippermützen alt, gebraucht, vielleicht nicht ausgebleicht, aber oft verschwitzt.
Fragt man nun einen altgedienten Skipper, warum alle Skipper Mützen tragen, kommt die Antwort prompt: „Zum Schutz!“
Zum Schutz vor der Sonne oder vor Kälte. Zwei Aufgaben, die nicht unbedingt dieselbe Mütze erfüllen kann. Deshalb besitzt ein Skipper gern zwei Mützen: ein Basecap und eine gestrickte Wollmütze. (Ich übrigens auch. Meine Wollmütze hat mir meine Mutter vor über 40 Jahren gestrickt.)
Das lange Schild des Basecaps – selbstverständlich kräftig gebogen – schützt die Augen vor greller Sonne. Die Kappe selbst schützt das Haupthaar (falls noch vorhanden) und das Darunterliegende vor den negativen Auswirkungen intensiver Sonneneinstrahlung. Die Wollmütze schützt ebenfalls Kopf und Hirn, ihre Hauptaufgabe ist jedoch der Schutz vor Kälte.
Da die meisten Skipperwollmützen so bemessen sind, dass sie zwar den Kopf, nicht aber die Ohren bedecken (so auch meine), besitzen viele Skipper noch eine dritte Skippermütze in petto (ich ebenfalls): eine große Wollmütze, die sich weit über die Ohren und tief über Stirn und Nacken ziehen lässt.
Zugegeben: Mit dieser großen Wollmütze zeigen sich Skipper eher ungern. Dafür muss schon der 50. Breitengrad überschritten sein und Eisberge die Route kreuzen. Bis dahin bleibt sie im Schrank. Der Skipper ist schließlich ein Skipper – ein hartgesottener Seemann und kein Warmduscher.
Umgekehrt bleibt die kleine Wollmütze, sofern sie die einzige ist, selbstverständlich auch bei 30 oder 40 Grad Umgebungstemperatur auf dem Kopf. Da gehört sie hin. Ein Skipper hat immer seine Skippermütze auf dem Kopf. Egal, wie heiß es ist. Ein Skipper ist ja schließlich kein Warmduscher!
Ach übrigens: Ich habe noch eine weitere Kopfbedeckung an Bord, mit der ich mich allerdings ungern sehen lasse – meinen alten Skihelm. Ehrlich! Wer bei wildem Seegang unter Deck schon einmal Reparaturen im engen Motorraum erledigen musste, weiß, wovon ich spreche. Unter Deck gibt es unzählige Kanten und Ecken, die nur darauf warten, den Kopf zu treffen.
Doch zurück zur Skippermütze. Und damit zum eigentlichen Geheimnis der Skippermütze und ihrer Besitzer.
Skipper sind auch nur Menschen – meist Männer, wie wir wissen. Und Menschen und Männer sind eitel! Es ist schlimm genug, dass sich der Skipper gelegentlich auch ohne Skippermütze im Spiegel sehen muss. Aber diesen Anblick auch noch anderen zuzumuten? Auf keinen Fall!
Oder wissen Sie, geneigter Leser, wie es unter einer Skippermütze nach wochenlanger Seefahrt aussieht? (Bei manchen stellt sich dieses Bild übrigens schon nach wenigen Stunden ein.) Sie wissen es nicht? Sie wollen es auch nicht wissen.
Im besten Fall sind die Haare auf dem ungewaschenen Kopf nur wirr. Oft sind sie jedoch strähnig, lang, ungeschnitten und vielleicht sogar unansehnlich fettig. Und bei vielen Skippern fehlen sie ganz. So will man sich nicht zeigen. Das passt einfach nicht zu einem braun gebrannten, von Wind und Wetter gegerbten, markanten Gesicht. Fettige Strähnen, die an einer beginnenden Glatze kleben, sind einen Skippers nicht würdig.
Die Antwort des altgedienten Skippers war also zutiefst ehrlich.
Warum tragen alle Skipper eine Mütze?
„Zum Schutz!“
Nachtrag
Meine Skippermütze findet in Kalamata den Weg in die Waschmaschine – und ich den Weg zum Friseur. Danach sehen wir beide aus wie neu.
Aber nur für wenige Tage.