Seglerinnen und Segler sind an der frischen Luft. Mehr noch. Seglerinnen und Segler stehen zumeist im Wind und werden von frischer Luft permanent durchgeblasen. Deshalb müssen Seglerinnen und Segler auch nie Schwitzen.
Seglerinnen und Segler leben auf sauberen weißen Schiffen, ihre Schiffe sind immer bestens geputzt, nirgends gibt es Schmutz, nirgends können sich Seglerinnen und Segler dreckig machen.
Kurzum, Seglerinnen und Segler schwitzen nie und machen sich nie schmutzig. Außerdem haben sie ja Wasser im Überfluss um sich, mit dem sie sich ständig ausgiebig Waschen können. Deshalb sind Seglerinnen und Segler immer adrett und sauber gekleidet und ihr Outfit stahlt meist in reinem Weiß und Blau. Soweit wenigstens zeigen es die Bilder auf den Hochglanzbroschüren.
Unser Seglerdasein sieht leider etwas anders aus. Unsere Klamotten sind von der Sonne ausgebleicht und tragen Salzkrusten. Salzkrusten nicht nur vom Meerwasser, sondern auch vom Schweiß unzähliger Wenden oder vom Angstschweiß der letzten Sturmnacht. Unsere Klamotten sind mittlerweile dünn und fadenscheinig und an so manchen Stellen aufgerissen. Und unsere Klamotten sind dreckig. Der stinkende, schwarze Schlamm vom letzten Ankergrund, der an der Ankerkette klebt und sich kaum abwaschen lässt, findet problemlos den Weg an die Hose, bei Schräglage gehen Kaffee, Wein oder Saucen mit dem T-Shirt innige Verbindungen ein und nach einer Reparatur im Motorraum lassen sich Putzlappen, Hemd und Hose nicht mehr voneinander unterschieden. Ach, und wie all dieser Dreck bei uns auch noch den Weg an Handtücher, Küchentücher und sogar an die Bettwäsche findet, möchte ich jetzt besser nicht beschreiben.
Kurzum, wir schwitzen und sind schmutzig und unsere Wäsche ebenso. Unsere Wäsche – und deshalb heißt es ja Wäsche – sollte immer mal wieder gewaschen werden. Dieses „immer mal wieder“ ist dabei ein äußerst dehnbarer Begriff, wie die Farben, Flecken und Düfte unserer Kleider jedem bescheinigen können, der einigermaßen sehen und riechen kann. Auch uns. Und so fühlen wir uns eben genötigt, diesem „immer mal wieder“ nach zu kommen. Von Zeit zu Zeit müssen wir unsere Wäschen waschen!
Wenn es denn unbedingt sein muss, dann geht das auch mal ganz schnell im Waschbecken unseres kleinen Bades. Das gilt natürlich nur für kleine Wäsche: Socken, Unterwäsche, vielleicht noch T-Shirts. Und freilich geht das nur für eine Handvoll. Das ist ja schließlich auch Handarbeit. Die Wäsche im Wasser des Waschbeckens einweichen etwas Waschpulver dazugeben, einige Male kräftig rubbeln, auswaschen, fertig! Ob die Wäsche dabei sauber wird? Die Antwort ist ein klares „Naja“. Bei genügend Waschpulver und bei zurückhaltendem Auswaschen duftet sie immerhin gut – wenigstens die ersten Stunden. Einen Vorteil hat diese Form des Wäschewaschens: einen sauberen Nebeneffekt für Hände und Waschbecken.
Die nächste Steigerung des Wäschewaschens auf dem Schiff ist die Pütz. Also der Eimer für alles. An die Pütz ist in der Regel eine lange Leine geknotet, um von Deck aus Wasser aus dem Meer schöpfen zu können, die Pütz steht bereit, wenn die Seekrankheit danach verlangt, in die Pütz lässt sich im Notfall auch die Notdurft verrichten und mit Hilfe der Pütz kann man selbstverständlich auch Wäsche waschen. Wäsche hinein, Wasser und Waschpulver dazu und an Deck stehen lassen. Den Rest macht der Wellengang. Klar, erfahrene Profis haben natürlich eine spezielle Wäsche-Wasch-Pütz, die etwas größer als die normale Pütz ist und einen verschließbaren, dichten Deckel hat. Diese Wasch-Pütz wird bei rauer See auf dem Vorschiff festgezurrt und bis sich die See wieder beruhigt, ist die Wäsche perfekt durchgewalkt. Energiesparend, ohne eigenes Dazutun, so nebenbei. Zum Schluss muss die Wäsche nur noch ausgespült werden. Fertig! Ob die Wäsche dabei sauber wird? Die Antwort ist ein klares „Ja, schon“. Freilich, die Temperatur des Waschwassers ist eben nur so hoch, wie es die Sonne in der Pütz erwärmen kann. Von einer Kochwäsche sind wir da noch weit entfernt.
Sowohl bei der kleinen Wäsche im Waschbecken, als auch der Wäsche in der Wasch-Pütz gibt es noch einen weiteren Nachteil, die Wäsche ist tropfnass, wenn sie aus dem Waschbecken oder der Pütz kommt. Es fehlt der Schleudergang. In warmen Gefilden ist das wenig tragisch. Die nasse Wäsche hängt dann für wenige Stunden über der Reling oder über irgendwelche Leinen, die über das Deck gespannt sind und trocknet fix. Ist die Lufttemperatur aber niedrig und die Luftfeuchtigkeit hoch, kann sich der Trocknungsvorgang ätzendlang hinziehen.
So, ab jetzt erzähle ich vom Luxus des Wäschewaschens. Wir haben auf unserer Colette eine kleine Waschmaschine! Immerhin drei Kilo Wäsche kann sie aufnehmen, und wir können vom Schonwaschgang bis zur Kochwäsche unterschiedlichste Programme wählen. Zum Schluss steht das Schleudern. Das ist schon sehr perfekt! Ob die Wäsche dabei sauber wird? Die Antwort ist ein klares „Ja!“. Allerdings braucht unsere kleine Waschmaschine reichlich Strom und 230 Volt. Das heißt die Sonne muss die Batterien kräftig geladen haben, der Inverter muss seine Dienste tun, oder aber wir brauchen den Generator, wenn wir nicht am Landstrom hängen. Und unsere kleine Waschmaschine braucht beim Schleudern auch zumeist unsere tatkräftige Unterstützung. Sie rüttelt und schüttelt sich beim Schleudern so dermaßen heftig, dass sie droht aus ihrer Halterung zu springen. Es bleibt uns dann nur, sie in unsere Arme zu nehmen und uns mit ihr durchrütteln zu lassen.
An dieser Stelle sei bemerkt, dass wir für die bis hierher vorgestellten Waschvorgänge stets biologisch abbaubares Waschmittel benutzen. In unsere Waschmaschine stecken wir Waschnüsse vom Waschnuss- oder Seifenbaum. Ihre natürlichen Saponine machen eine solide Arbeit, allerdings fehlt ohne zugesetzte Duftstoffe und Bleichmittel der Perwoll- oder Persileffekt. Duftstoffe lassen sich ja noch über ein paar Tropfen Lavendelöl ersetzen, aber Bleichmittel nicht. Die Wäsche vergraut zusehends.
Und drei Kilo Wäsche ist dann halt auch nicht so arg viel. Bei Bettwäsche kommt man da schnell an seine Grenzen.
Deshalb gibt es zu unserer kleinen Waschmaschine noch eine Steigerung des Wäschewaschens: der Waschsalon! Hier stehen jetzt große und ganz große Waschmaschinen bereit, riesige Wäscheberge in sich aufzunehmen. Oft werden die Waschmaschinen zentral mit Waschmittel aus einem Tank versorgt. Hier sind dann die Perwoll- und Persileffekte garantiert. Und hier erübrigt sich dann auch die Frage, ob die Wäsche dabei sauber wird. Sie wird!
Oft ist allerdings der Weg zum Waschsalon ein Problem und dann im Waschsalon der Kampf um eine Waschmaschine. Nur selten gibt es Marinas, die einen Waschsalon auf ihrem Gelände haben. So zum Beispiel in der großen Marina im spanischen La Linnea bei Gibraltar. Der Waschsalon steht dort nur für die Crews bereit, die in der Marina festgemacht haben. Und das sind viele. Entsprechend bilden sich vor den Waschmaschinen Schlangen und „Wartegemeinschaften“. Aber es mag erstaunen: Komplett fremde Menschen fühlen sich im Waschen vereint und zuerst zaghaft, schüchtern und zurückhaltend werden Wascherfahrungen und Wascherlebnisse ausgetauscht. Aber es braucht nicht lange, bis bereitwillig intimste Wascherlebnisse von Wäscheberg zu Wäscheberg gehen: verlorene Socken, verfärbte T-Shirts, rosa Unterhosen, vergessene Büstenhalter… Und bald entwickeln sich wahre Waschsalonfreundschaften! Die Crew von Schiff A darf dann uneingeschränkt die dreckige und stinkende Wäsche von Schiff B in die große Trommel packen, die Crew von Schiff C überwacht den Waschvorgang für Schiff A und B und die Besatzung von Schiff B verteilt schließlich die Wäsche auf die Schiffe A, B und C. Gibt es einen größeren Vertrauensbeweis? Solche Freundschaften können schließlich über viele Marinas hinweg um die ganze Welt halten.
Aber das sind freilich die Ausnahmen. In der Regel sind die Waschsalons irgendwo in der Stadt und man schleppt seine riesigen Taschen mit stinkenden Klamotten 20, 30 Minuten durch unbekannte Gassen. Im Waschsalon selbst wartet man in sich gekehrt und andächtig still über seinem Wäscheberg thronend, bis endlich eine Waschmaschine frei wird. Dabei beobachtet man unauffällig aus dem Augenwinkel, wie die anderen die Waschmaschine bedienen, um dann, wenn man selbst an die Reihe kommt, sich nicht als Waschsalonunerfahrener outen zu müssen. Ach und prompt versagt jetzt der Schließmechanismus der Waschmaschinentür, oder das Waschmittel fehlt oder die Münzen bleiben im Schlitz stecken. Dann bleibt einem nichts anderes übrig, als sich jetzt unsicher, radebrechend in der fremden Sprache, bei einem Mitwascher oder beim Personal des Waschsalons Hilfe zu holen. Und freilich: alle Köpfe im Waschsalon gehen hoch, schauen auf dich und deinen Wäscheberg und so mancher schüttelt missgelaunt und ungeduldig seinen Kopf.
Trotz alle dem, ich mag Waschsalons. Der über Wochen angehäufte schmutzige und stinkende Wäscheberg ist in ein zwei Stunden sauber. Und wenn ich will und es mein Budget hergibt, dann kann ich die Wäsche auch noch in den Trockner stecken und schließlich eine flauschig weiche, wohlduftende, saubere Wäsche wieder mit an Bord nehmen.
Wer jetzt denkt, es gäbe zu diesen Waschsalons keine Steigerung mehr, der irrt. Die Krönung des Wäschewaschens, über die ich zum Abschluss berichten möchte, braucht allerdings eine gehörige Portion Mut und uneingeschränktes, bedingungsloses Vertrauen. Das gelingt natürlich nicht immer und schon gar nicht überall. Ich durfte das bisher nur in Eulalia auf Ibizza und bei Linda in Vela Luka erleben. Bei der Krönung des Wäschewaschens gibt man seine Taschen mit der dreckigen Wäsche ab, um sie später fix und fertig abzuholen. Das ist großartig. Aber nochmal, das verlangt viel Mut und Vertrauen. Kleider machen Leute, Klamotten erzählen Geschichten und Wäsche gibt Geheimnisse preis, schmutzige Wäsche allemal. Wer das nicht glauben mag, der sammle seine Wäsche über viele Wochen und schaue dann seine Wäsche Stück für Stück durch. Flecken und Gerüche sprechen Bände und Abgründe tun sich auf. Ich möchte jetzt nicht ins Detail gehen. Bleiben wir an der Oberfläche. In die unergründlichen Tiefen der Wäsche mag das Waschmittel vordringen. Allerdings geht zuvor die Wäsche durch die Hände einer völlig fremden Person. Ihr offenbarst du alle Geschichten und Geheimnisse deiner Wäsche und damit von dir selbst. Bedingungslos und ungeschönt. Hier lässt du im wahrsten Sinne des Wortes alle Hüllen fallen. Das erfordert reichlich Mut und großes Vertrauen! Ach, wie befreiend ist es aber, wenn man diesen Schritt wagt, wie wohltuend.
In Eulalia ist es eine nette, ältere, etwas rundliche Frau, die mir meine großen Taschen mit Wäsche abnimmt. Vom ersten Moment an hat sie meine Sympathie. Sie ist bestimmt die fürsorgliche, liebenswerte Oma einer großen spanischen Familie. Und sicherlich ist sie bestens vertraut mit allen Höhen und Tiefen des Wäschewaschens. Ihr ehrliches Lächeln macht sie sofort zur Mitwisserin und zur Vertrauten meiner Wäsche, ihr kleiner Salon zur Kammer, die alle Geheimnisse in sich behalten wird. Links vor dem Tresen werden meine Taschen zu anderen gestellt und ordentlich beschriftet. Hinter dem Tresen drehen große Waschmaschinen zuverlässig ihre Trommeln und daneben stehen ein Heißmangelgerät und ein Bügelbrett. Als ich am nächsten Tag meine Wäsche abhole, traue ich meinen Augen nicht. Fein säuberlich zusammengelegt und frisch gebügelt sitzt meine Wäsche auf dem Tresen!
In Vela Luka ist es Linda, die uns unsere Wäscheberge abnimmt. Die bildhübsche junge Kroatin hat sich mit ihrem Waschsalon selbständig gemacht. „Für die Kinder“, sagt sie, die im Waschsalon auf dem Boden spielen. Linda hat vielleicht noch nicht die enorme Erfahrung wie die liebenswerte Oma in Eulalia, vermutlich kennt sie noch nicht alle Tiefen des Wäschewaschens. Für einen Moment sind wir unsicher, will uns unser Mut verlassen. Ob wir ihr unsere Schmutzwäsche wirklich übergeben sollen? Aber ihr helles Lachen, ihre Freundlichkeit und ihre Unbekümmertheit wischen unsere Bedenken weg. Wir werden der jungen Frau vertrauen und unsere Wäsche wird ihr helfen, weiter in die Tiefen des Wäschewaschens vorzudringen. Wir reichen unsere Wäsche über den Tresen. Wohl wissend über all die schreckliche Flecken, absonderlichen Gerüche und fadenscheinigen, löchrigen, zerrissenen Kleidungsstücke.
Linda gibt uns keinen Abholtermin. Ihr Service ist ein Anruf auf dem Handy. Obwohl Linda weiß, dass wir mit dem Segelschiff hier sind und deshalb zur Gruppe der wohlhabenden Menschen zählen müssten, macht sie für uns einen überraschend günstigen Preis. Vielleicht hat ihr der Zustand unserer Wäsche zugeflüstert, dass wir nicht zu den reichen Bootsbesitzern gehören. Als wir unseren wohlduftenden, zusammengelegten und gebügelten Wäschestapel in Empfang nehmen, ist es mir jedenfalls für einen Augenblick so, als ob sie mir wissend und in tiefen Geheimnissen verbunden zuzwinkern würde.