Durch die Straße von Messina

22.06. – 28.06.2026

Die Straße von Messina ist ein Mythos. Und viele, die im Mittelmeer auf Langfahrt gehen, möchten hier durchfahren und jeder, der hier durchfahren will, hat entsprechend Respekt vor der Meerenge, die schon Odysseus zum Verhängnis wurde. An der engsten Stelle, zwischen Capo Peloro und Torre Cavallo, sind es gerade mal 1,5 Seemeilen, die Sizilien vom Festland trennt. Hier wird das Wasser vom Ionischen Meer ins Tyrrhenische Meer gepresst und nach dem Gezeitenwechsel in die entgegengesetzte Richtung. Dabei kann ein Tidenstrom von bis zu vier Knoten entstehen und wenn der Wind, der sich hier ebenfalls durch die Meerenge mit beidseits hohen Bergen zwängt, gegen den Strom steht, bilden sich unangenehme steile Wellen.

Damit nicht genug. An den Grenzzonen des Stroms bilden sich Strudel und kabbeliges Wasser und an der sizilianischen Uferseite drohen auch noch Untiefen. Das Küstenhandbuch der britischen Admiralität warnt noch heute: „die Strömungen und Verwirbelungen, die schon in der Antike gefürchtet waren, lassen beim Befahren der Straße von Messina erhöhte Aufmerksamkeit ratsam erscheinen…“. Und Homer hat hier die Meeresungeheuer Scylla und Charybdis verortet. Charybdis, auf der sizilianischen Seite, die alle drei Stunden das Meer in ihren tiefen Schlund zieht und dabei alle Boote in der Nähe verschluckt und nie mehr ausspuckt, und auf der anderen Seite die grässliche, sechsköpfige Scylla, die von ihrer Höhle aus mit ihren langen Hälsen ins Meer langt und sich Matrosen aus vorbeifahrenden Schiffen greift.

Odyssseus wurde von Circe vor der Meerenge und den Ungeheuern gewarnt und er wählte daraufhin die Seite der Scylla, denn es erschien ihm besser, einige seiner Männer zu verlieren, als die gesamten Schiffe.

Auch wir wählen diese Seite – aber aus einem ganz anderen Grund: von Süden und von der Stiefelspitze Italiens kommend fährt man in ein Verkehrstrennungsgebiet ein, das den Schiffsverkehr von Süden nach Norden auf der östlichen Seite festlegt.

Aber erst müssen wir dorthin kommen. Am Montag sind wir noch in der Bucht von Le Castella und damit knappe 100 Seemeilen von der Meerenge entfernt, die wir gerne am Mittwoch, da sollen Strom und Wind schwach sein, passieren möchten. Wir teilen uns die Strecke so ein, dass wir am Montag 55 Seemeilen von Le Castella bis Siderno fahren und am Dienstag 35 Seemeilen bis Bovo Marina. An beiden Tagen haben wir nur wenig Wind, so dass wir lange Passagen unter Motor fahren müssen. Oder wir machen eine Kombination aus Motor und Segel, um ein wenig Diesel zu sparen. À propos Diesel. Gut, dass ich in Montenegro nochmals getankt habe, in Italien ist der Liter Diesel etwa einen Euro teurer!

Wir starten am Montag schon morgens um drei und fahren aus der Nacht in den Morgen hinein. Um diese Zeit sind die Temperaturen noch sehr angenehm und wir haben in den ersten Stunden sogar etwas Wind. Der zweite Vorteil, wir kommen in Siderno so früh an, dass wir noch bei Tageslicht ankern können. In Siderno müssen wir einkaufen. Das reicht allerdings am Montag nicht mehr, dafür am Dienstagmorgen. Geht aber schnell und unkompliziert. Schon um 10:30 Uhr heißt es dann wieder Anker auf und weiter nach Westen. Über den hohen Bergen, die sich im Hinterland von Kalabrien auf über 2.000 Meter aufschwingen (dort gibt es sogar Skigebiete), türmen sich mächtige Gewitterwolken. Blitz, Donner, dort regnet es auch, wir bleiben von dem allen verschont.

In Bova Marina finden wir einen wunderschönen Ankerplatz mit Blick auf den Ätna (oder die Etna, wie die Italiener sagen). Der Vulkan ist allerdings eine Diva und zeigt sich kaum. Zu viele Wolken. So ist es leider auch noch am nächsten Morgen. Leo und ich paddeln mit dem Dingi um 5:00 Uhr extra an Land, um mit dem Sonnenaufgang im Rücken Colette vor dem Ätna fotografieren zu können. Das Bild klappt, allerdings bleibt der Vulkan verborgen.

Mittwoch. Heute soll es also durch die Straße von Messina gehen. Wir starten in Bova Marina um 6:00 Uhr. Wind: Fehlanzeige. Also Motor an. Drei Stunden brauchen wir, bis wir das Capo dell‘Armi erreichen. Jetzt geht es nach Norden. Gegen 9:30 Uhr soll der Strom in unsere Richtung kippen. Noch haben wir die Strömung gegen uns. Colette quält sich. Strom gegen uns. Und Wind! Der sollte ja laut Vorhersage schwach sein. Aber was ist in der Meerenge schon schwach. Mit über 25 Knoten bläst er uns auf die Nase. Der Motor dreht mit 2.000 Umdrehungen pro Minute, aber Colette schafft nur 3,5 Knoten.

Dann, endlich, kippt der Strom. Jetzt nehmen wir trotz Gegenwind Fahrt auf. 5 Knoten, 6 Knoten, ich kann den Motor drosseln. Der Strom schiebt uns. Vor uns ist noch ein Frachtschiff, Segler kommen uns auf unserer Fahrrinne entgegen (sie kommen wohl aus einem der Hafenstädte am Festland), auf der anderen Fahrrinnenseite passiert ein großes Kreuzfahrschiff und Fähren kreuzen ständig die Meerenge. Scylla und Charybdis sehen wir nicht, dafür fordert der Verkehr unsere volle Aufmerksamkeit. Dann kleine Strudel am Kehrwasser des Stroms, kabbeliges Wasser und durch!

Wir ankern vor dem malerischen Städtchen Scilla. Wunderschön. Leo zaubert wieder ein gutes Essen aus der Pantry. Zufrieden sitzen wir im Cockpit und genießen. Wir haben die Meerenge geschafft! Von Brindisi bis hierher sind wir in wenigen Tagen über 300 Seemeilen gefahren und jetzt sitzen wir vor dieser tollen Kulisse. Klar, dass wir am Abend noch durch das Städtchen bummeln und am Strand, mit Blick auf Colette vor untergehender Sonne, noch ein Bier trinken.

Am Samstag steht Crewwechsel an. Leo und Helga wollen nach Palermo und Sönke kommt mit dem Flieger nach Palermo. Also verlassen wir am Donnerstagmorgen Scilla in Richtung Palermo. Vor der Meerenge sind Schwertfischfänger in ihren klassischen Booten unterwegs. Sie sind nicht zu übersehen. Hoch über Deck auf der Spitze eines Gittermastens sitzt der Kapitän und lenkt sein Schiff auf der Suche nach den großen Fischen, die tagsüber wohl gerne an der Wasseroberfläche dösen und gut auszumachen sind. Dann nähert sich das Schiff den Fischen und von einem extrem langen Ausleger am Bug des Schiffes schlägt der Harpunist zu. Zuerst das Weibchen. Denn Schwertfische sind in Paaren unterwegs und das Männchen bleibt wohl, wenn das Weibchen gefangen wird, an der Oberfläche in der Nähe, da er sein Weibchen sucht. Umgekehrt würde sich das Weibchen beim Verschwinden des Männchens wohl in der Tiefe des Meeres in Sicherheit bringen. Seit Jahrhunderten sind die Schwertfisch-Fischer mit solchen Schiffen unterwegs. Allerdings, die Schiffe werden immer größer, schneller, moderner – und die Bestände der Schwertfische vermutlich immer geringer.

Kein Wind. Bis Palermo wären es über 100 Seemeilen. Nach zähen 35 Seemeilen erreichen wir den Golf von Tindari. Schnell sind wir uns einig: wenn das Wetter und die Windverhältnisse so bleiben, dann bleiben wir vor dem Örtchen Olivieri vor Anker. Der Ankerplatz ist gut, das Wasser mit knapp 30 Grad sauber und einladend und von Olivieri lässt sich Palermo problemlos mit dem Zug erreichen.

Ein Tag zum Einkaufen und Baden und für Helga und Leo zum Packen. Am Samstagmorgen um halbsieben geht es zum Bahnhof. Danke ihr zwei. Es waren zwei dicht gedrängte, erlebnisreiche Wochen. Danke, dass ihr mich die 360 Seemeilen von Brindisi bis hierher begleitet habt!

Dann bleiben mir ein paar Stunden zum Wäsche waschen, Motor und Schiff checken, Wasser machen, etwas putzen – und um 18:00 hole ich Sönke vom Strand ab. Zwei Wochen wird er an Bord bleiben. Unser Ziel, die Liparischen Inseln, die wir von unserem Ankerplatz aus schon schemenhaft erkennen können, und dann weiter Richtung Elba.

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