Am Montag und Dienstag genießen wir nochmals das spätsommerliche Wetter in Kaprije. Wir schwitzen bei den langen Landgängen mit Lucky, sitzen nach dem Einkaufen bei einem Bier in der Sonne vor der Bar und holen uns fast einen Sonnenbrand. Natürlich gehen wir auch immer wieder baden. Und das am ersten November!
Erster November – Allerheiligen. Im katholischen Kroatien ist das ein Feiertag. Viele, vor allem junge Familien kommen morgens mit der Fähre auf die Insel, um zusammen mit ihren Eltern oder Verwandten auf dem Friedhof die blumenreich geschmückten Gräber ihrer verstorbenen Angehörigen zu besuchen. Danach geht es in die Bar oder eine Konoba oder nach Hause zu einem guten Essen. Grillduft liegt in der Luft. Allerheiligen im Spätsommer. Keine Spur von Nebel und kaltem Sprühregen, wie es wir so oft in Deutschland haben.





































Es fällt uns schwer, von Kaprije Abschied zu nehmen. Aber die täglich präziser werdende Wettervorhersage für den Freitag macht uns klar, dass es besser ist, bis dahin eine gegen Südostwinde geschützte Bucht aufzusuchen: stürmischer Wind bis Sturmstärke (über 40 Knoten) ist angesagt! Aber wir können im Augenblick höchstens erahnen, was uns die nächsten Tage erwartet. Und es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass Nebel aufkommt; zwar anfangs nur in weiter Ferne, am Nachmittag zieht er dann aber auch bis in unsere Bucht herein.




Nach einem letzten Bad heißt es dann am Mittwoch Anker auf! Noch ist es angenehm warm und bei leichtem Wind setzen wir Segel. Ziel Murter. Mike folgt uns mit seiner „Santina“, überholt uns aber schon bald, da seine Sunbeam-Yacht eine deutlich längere Wasserlinie hat und dadurch schneller segeln kann.
Wir kreuzen mit vielen Wenden gegen den Wind und erreichen nach fünfeinhalb Stunden und 22 Seemeilen Murter. Ein schöner Segeltag! Die große Bucht von Murter, in der noch bei unserem letzten Besuch vor vier Wochen viele Yachten ankerten, müssen wir uns heute nur mit Mike und zwei Motoryachten teilen. Und die zwei Motoryachten verlassen uns auch am Donnerstagmorgen. Ob sie vor dem herannahenden Sturm flüchten?













Noch ist es schön warm. Wir fahren mit Lucky an Land. Der freut sich an den Wegen und Gassen, die wir hier vor Wochen schon oftmals gegangen sind. An jedem Baum und Busch muss er ausgiebig schnuppern. Was sich in den letzten vier Wochen in der Hundewelt von Murter wohl so alles getan hat? Lucky scheint begeistert. Wir weniger, da wir durch das dauernde und gewissenhafte Schnuppern Lucky’s bei unserem Spaziergang nur langsam vorwärts kommen.
Murter hat sich seit Anfang Oktober verändert. Am Marktplatz gibt es keine Stände mehr, an der Hafenpromenade sind alle Souvenirläden geschlossen und so manche Konoba hat zu. Die Bojen und Leinen, die in der Bucht die Badebereiche ausweisen, sind aus dem Wasser genommen, Duschen und Umkleidekabinen am Ufer abgebaut, Liegen und Bänke weggeräumt. Zum Glück sind da noch die Kinder, die auf dem Spielplatz oder in den Gassen kurzhosig und mit T-Shirt spielen. Sonst könnte man meinen, der Winter sei schon da.
Wir kaufen ein und richten dann Colette für die kommende Nacht und machen sie für den nächsten Tag sturmfest. Sturm? Die Nachmittagssonne scheint warm vom blauen Himmel, an dem sich nur einige Schleierwolken verdichten. Noch einmal springen wir ins Wasser. Ob es für dieses Jahr das letzte Bad war?
Am Abend gehen wir mit Mike eine Pizza essen. Auf der zeltartig geschützten Terrasse der Pizzeria sind schon die Heizpilze gerichtet. Der Sturm soll auch einen Temperatursturz bringen. Und tatsächlich, als wir die Pizzeria verlassen und mit dem Dingi wieder zu unseren Schiffen übersetzen, sind wir froh um die Jacken und schlagen schon mal den Kragen hoch. Aber noch ist es friedlich. Nur ein sanfter Wind bläst aus Südost.
Gegen vier Uhr in der Frühe werden wir wach als die ersten heftigen Böen über die Bucht jagen und unser Rigg erzittern lassen. Der Wind heult in den Wanten und das Windrad surrt mächtig. 20 Knoten zeigt der Windmesser, kein Grund zur Sorge. Im Bauch unserer Colette ist es gemütlich und in der Koje noch angenehm warm.
Kurz vor sieben hätte uns der Alarm unserer Ankerwache geweckt, wenn wir nicht schon wach gewesen wären. Wind und Böen haben kräftig zugelegt. 30 Knoten. Unsere Ankerkette mit ca. 50 Meter ist nun gestreckt und Colette hat, wie uns der Ankeralarm meldet, den Radius des eingestellten Schwoikreises erreicht. Jetzt kommt es darauf an, dass der Anker hält. Und er hält. Auch als die Böen sich auf knapp 40 Knoten hochschaukeln. Colette schwoit an der Kette hin und her, die Festmacherleinen zwischen Ankerkette und Klampen knarzen, das Windrad surrt laut, aber am lautesten ist das Heulen des Sturmes in den Wanten. Dann setzt auch noch der Regen ein und prasselt auf unser Deck und den Zeltstoff unserer Kuchenbude. Wir beobachten Windmesser, Ankerwache und Thermometer: Über 30 Knoten Wind, aber unsere Colette liegt mal wieder sicher. Die Luft hat 18 Grad, das Wasser 21.




So könnten wir den Sturm gut aussitzen. Könnten wir. Allerdings soll der Wind über Nacht auf Nordost und Nord drehen und noch stärker werden. Bei Nordwind, das wissen wir mittlerweile aus eigener Erfahrung, wird es in der Bucht von Murter ungemütlich, weil dann die Wellen in die Bucht laufen und das Schiff mächtig zum Schaukeln bringen.
Wir studieren die Wetterkarten und finden eine erstaunliche Lösung. Über die gesamte Adriaküste Kroatiens sollen in der Nacht von Freitag auf Samstag und vor allem am Samstag Sturmböen aus Norden mit Spitzengeschwindigkeiten bis über 50 Knoten hinweg jagen. Überall, mit einer Ausnahme: Um Zadar zeigen die Wetterkarten ein „Sturmloch“ mit Windstärken zwischen „nur“ 20 und 30 Knoten. Und dort hat es auch gegen Nord geschützte Buchten.



Wir beraten uns mit Mike und beschließen, die 20 Seemeilen nach Norden zu fahren. Dann reden wir uns noch ein, dass wir mit den vorhergesagten 20 bis 30 Knoten Rückenwind aus Südost bestens nach Norden segeln können und die Meldungen zu Niederschlägen und Gewitter („die sind doch höchstens nur irgendwo über dem Festland“) ignorieren wir geflissentlich.
Gegen 13.00 Uhr gibt es eine Regenpause und für einen Moment blickt sogar die Sonne zwischen den Wolken hindurch. Guten Mutes holen wir den Anker ein und fahren zur Bucht hinaus. Mike folgt uns. Außerhalb der Bucht empfangen uns niedrige, aber kurze Wellen mit Schaumkronen und moderater Wind. Wir gehen auf Nordkurs und setzen nur die Kutterfock für den achterlichen Wind, da so bei plötzlichen Böen oder Halsen kaum etwas passieren kann und im Notfall wäre sie auch schnell wieder eingerollt. Die Kutterfock bläht sich bei dem kräftigen Rückenwind gut auf und zieht uns mit fünf Knoten an den kleinen Inseln vorbei. Da es zwischen den Inseln eng und zum Teil recht flach ist, lassen wir zur Sicherheit den Motor mitlaufen, um im Notfall schnell manövrieren zu können. Alles klappt gut. Die kräftigen Böen fahren immer wieder ins Segel und treiben unsere Colette vorwärts. Hinter der Inselpassage machen wir den Motor aus.




Mike hat uns schon längst überholt. Er fährt die Inselpassage unter Volldampf, um mit seinen 2,25 Meter Tiefgang gut manövrierfähig zu bleiben. Sieben bis acht Knoten kann er unter Maschine fahren. Entsprechend schnell ist er schon weit vor uns und wir sehen ihn nur noch schemenhaft in eine dunkelgraue, fast schwarze Wolkenwand hineinfahren. Dann meldet er sich über Funk: „Hier regnet es in Strömen. Segeln macht für mich keinen Sinn. Ich fahre unter Motor mit Höchstgeschwindigkeit durch!“
Wir bleiben unter Segel. Mit der Geschwindigkeit von fünf Knoten sind wir zufrieden. So wären wir in vier Stunden in der Bucht von Sukošan, unserem heutigen Ziel. Aber jetzt werden wir erst mal nass werden. Klatschnass. Trotz der Ostsee erprobten Schwerwetterkleidung. Wir machen unsere Positionslichter und das Radar an und fahren in die schwarze Wand hinein. Es beginnt nicht langsam, sondern sofort und wolkenbruchartig. Der Regen peitscht von hinten kommend über das Deck und unter das Dach des Cockpits. Schon längst haben wir den Niedergang zugemacht. Lucky liegt alleine und recht gelassen auf der Couch im Salon – immerhin ist es dort trocken und warm. Sein Vertrauen in die Colette scheint mittlerweile grenzenlos.




So wie der Regen zunimmt, fegen auch immer stärkere Böen über uns hinweg. Böen mit heftigen Winddrehern. Vorsichtshalber starten wir den Motor. Zur rechten Zeit. Denn der Wind dreht sich nun komplett und bläst plötzlich mit 30 Knoten von vorne. Wir rollen die Kutterfock ein. Der Regen peitscht uns jetzt ins Gesicht, so dass wir die Augen zusammen kneifen müssen. Trotzdem sehen wir irgendwo vor uns einen Blitz zucken. Da meldet sich auch schon Mike: „Schlechte Nachricht, ihr fahrt in ein kräftiges Gewitter hinein. Die gute Nachricht, wenn ihr durch seid, lässt der Gegenwind wieder nach und dreht zurück!“
Wir bekommen das ganze Schlechtwetterprogramm: Blitze, Donner, Starkregen und kräftigen Wind von vorne, der uns zeitweise nur noch mit dreieinhalb Knoten vorwärts kommen lässt. Das ganze Getöse kann aber unsere Colette nicht aufhalten. Wir schieben uns Meile für Meile durch. Nach einer knappen Stunde haben wir die Gewitterzelle hinter uns. Wir sind froh, völlig durchnässt, frieren, denn das Thermometer ist auf 12 Grad gefallen, und freuen uns, nachher mit Lucky im warmen Salon einen heißen Eintopf essen zu können.

Die großen Regenmengen haben unser Dingi, das wir hinter uns herziehen, in kürzester Zeit gefüllt. Das Wasser schwappt schon beinahe über sein Heck. Ich schöpfe es leer, damit es, falls es nochmals so heftig regnen sollte, wieder Wasser aufnehmen kann.



Es regnet aber nicht mehr. Hinter der Gewitterfront reißt sogar der Himmel auf und während wir neben Mike in der Bucht von Sukošan ankern, färben fahlweiße Sonnenstrahlen die schwarzen Gewitterwolken kaltorange und violett. Was für ein Schauspiel!





Die Nacht wird ruhig(er). Am Morgen wecken uns aber auch heute wieder Böen zwischen 20 und 30 Knoten, in Spitzen bis fast 40. Es ist draußen kalt – der Thermometer zeigt nur noch 8 Grad an – und es regnet. Bei diesem Wetter will kein Hund vor die Tür. Lucky auch nicht. Wir igeln uns in unserer Colette ein, kochen, essen, lesen und schreiben: Abschied vom Sommer!






