Vor wenigen Tagen sind wir in der Normandie angekommen. In Boulogne-sur-mer haben wir festgemacht, um auf besseres Wetter zu warten. Wir schlendern über den Markt und sofort hat uns Frankreich eingefangen. Wie so oft. Wie bei so vielen Urlaubstagen in Frankreich: Im Nu sind wir wieder von diesem Land begeistert, das sich in den vielen Marktständen und in der Vielfalt der Angebote widerspiegelt. Alleine das Obst und Gemüse: Pfirsiche, Pflaumen, Nektarinen, Melonen, Tomaten, Zucchini, Auberginen, Bohnen, Rote Beete, Mohrrüben… Natürlich alles passend zur Jahreszeit und allermeist direkt vom Erzeuger aus der Region.
Überhaupt, die Region steht auf jedem französischen Markt im Vordergrund. Hier mit speziellen Marmeladen, Likören, Blumengebinden…, dann selbstverständlich mit fangfrischem Fisch, Krabben, Hummer, direkt aus dem Meer vor der Haustüre. Und am nächsten Stand Wurstspezialitäten, Fleisch vom Rind und Schwein ebenso wie vom Hühnchen oder Karnickel.
Die Krönung für mich sind dann aber auf allen französischen Märkten jedes Mal die Stände mit Käse. Ganz Frankreich breitet sich jetzt vor mir aus: hier, in Boulogne-sur-mer, ist natürlich zuerst der Camembert und der Livarot aus der Normandie zu nennen. Daneben Ziegen- und Schafskäse, natürlich in verschiedenen Reifestadien, ebenfalls direkt aus der Region. Dann Mimolette aus dem Hinterland von Calais, Brie aus der Pariser Gegend, Banon, der Ziegenkäse aus der Provence, Morbier aus dem Jura, ebenso natürlich der Comté, Tomme de Savoie und andere Bergkäse aus der Alpenregion, Roquefort aus Roquefort, dann Schafskäse aus den Pyrenäen, Munsterkäse aus den Vogesen, Epoisses aus der Bourgogne, dann wieder Ziegenkäsespezialitäten aus dem Loiretal, ach, und die Auvergne mit Saint-Nectaire, Salers, Cantal, Bleu d´Auvergne…
Es gibt kein Halten und ich schmelze dahin wie Camembert in der Sonne. Jedes Käsestückchen, das vor mir auf der Auslage des Marktstandes liegt, ist ein Gaumenschmaus, eine Superlative des Genusses, immer wieder eine Neuentdeckung für meinen Geschmackssinn, ein wiederkehrendes Erlebnis seit meiner Kindheit.
Und meine Kindheit ist nun auch schon einige Tage her. Aber ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als es all diese französischen Käsespezialitäten bei uns noch nicht zu kaufen gab oder wenigstens für unsere Familie nicht erschwinglich waren. Trotzdem, ein- oder zweimal im Jahr kamen wir in den Genuss dieser verlockenden Köstlichkeiten. Immer dann, wenn unsere französischen Freunde aus Lothringen zu uns zu Besuch kamen oder wir sie in Frankreich besuchten. Diese innige Freundschaft zu einer französischen Familie ging auf die Nachkriegszeit zurück, als der Chor meines Vaters den Austausch zu einem französischen Chor suchte, um die Idee eines friedvollen Europas mit Leben zu füllen. Diese großartige Idee und die Freundschaft, in die wir Kinder erst viel später hineingeboren wurden, war uns Kindern damals wahrscheinlich kaum bewusst, eher schon selbstverständlich. Wir freuten uns jedes Mal sehr auf den französischen Besuch, denn die zwei, drei Tage waren immer wie ein kleines Fest mit viel Lachen, Singen und mit gutem Essen. Und wie selbstverständlich, der Abschluss und die Krönung jeden Essens bildete natürlich französischer Käse!
Französischer Käse wäre aber nicht halb so gut, wenn er nicht einen kongenialen Partner hätte: französisches Baguette. Echtes, traditionelles französisches Baguette mit kräftiger Kruste und innen weich und luftig. Selbstverständlich kein Baguette vom Discounter, sondern ein Baguette vom Bäcker von nebenan, der sein Brot noch mit dem Wissen seiner Vorväter, mit dem richtigen Mehl, den richtigen Temperaturen von Wasser und Raumluft, mit der richtigen Knet- und Falttechnik und vor allem mit viel Zeit bäckt. Es ist jammerschade, dass immer mehr Bäcker in Frankreich aufgeben oder aufgeben müssen, da sie sich gegen die großen Ketten nicht behaupten können oder aber keine Nachfolger finden. Zugegeben, ihre Arbeit ist schwer, mühevoll und vor allem muss sie zur unchristlichen Zeit, nachts und am frühen Morgen, gemacht werden. Aber das Resultat, ein frisches Baguette, noch warm, außen knusprig, innen weich und dieser vollendete Geschmack nach sommergelben Weizenfeldern, leicht nussig, würzig, erdig, aschig, vielleicht mit einem winzig kleinen Hauch von Anis… Großartig!
Das französische Baguette muss zum französischen Käse oder der französische Käse zum Baguette erfunden worden sein. Der zurückhaltende, gute Brotgeschmack bringt die vielfältigen Geschmacksnuancen zur Vollendung.
Fast. Nicht ganz.
Mit zunehmendem Alter durfte ich noch eine weitere französische Köstlichkeit kennenlernen, die mir in meiner Kindheit verwehrt blieb und die für mich den französischen Dreiklang perfekt macht: Französischer Wein und hier insbesondere der Rotwein. Ach, was für eine schlechte, oberflächliche und unpassende Aussage: „französischer Rotwein“. Als ob es nur einen Rotwein gäbe, nur eine Weinsorte für das ganze Land. Hunderte gibt es davon. Mehr noch. Frankreich kann mit mindestens so viel Rotweinsorten aufwarten wie Käsesorten. Welche Region Frankreichs hat kein eigenes Anbaugebiet? Bordeaux, Medoc und Languedoc kennt jeder. Auch das Loiretal, die Provence, das Rhônetal oder Frankreichs Südwesten stehen für Spitzenweine. Die Namen der Rebsorten, die diese Weine tragen, klingen wie Musik: Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon, Merlot, Pinot Noir, Syrah, Malbec, Gamay, Cinsault, Grenache noire, Mourvèdre, Pinot Meunier… und wie und in welchem Verhältnis sie in welchem Wein verwendet werden, bleibt das Geheimnis der Kellermeister.
Aber in Frankreich müssen es beileibe nicht die Spitzenweine sein, die weltweit begehrt, gehandelt und auch Spitzenpreise erzielen. Ich glaube, fast jeder Wein in Frankreich, der auch von den Franzosen selbst getrunken wird, schmeckt, denn ein Franzose kann gar keinen schlechten Wein trinken. Und für mich heißt es dann noch: je regionaler umso besser!
Und nun der absolute Höhepunkt: Baguette, Käse und der passende Rotwein dazu. Himmlisch. Ich glaube, daher rührt der Spruch: leben wie Gott in Frankreich! Wenn Baguette und Käse schon zusammen hervorragend sind, dann bringt jetzt der samtige, vielleicht taninhaltige, leicht nach Brombeeren, schwarzen Johannisbeeren oder Walderdbeeren schmeckende Rotwein die absolute Vollendung. Wahrer Genuss. Ein Gaumenspiel. Suchtgefährdend. Ich könnte mich davon wochenlang ernähren.
Ach, und wie verführerisch lockend sich die drei ergänzen. Es will kein Ende nehmen. Hat man noch ein Stückchen Käse auf dem Teller, verlangt es sicherlich noch nach einem Stück Baguette. Geht der Käse im Teller zur Neige, aber noch ist Wein im Glas, dann muss man wieder zur Käseplatte greifen – und wie selbstverständlich auch nach dem Baguette. Ein Stück Baguette alleine verlangt wiederum nach Wein und Käse. Und immer so fort. Obwohl ich jetzt schon viele Jahre Erfahrung habe, erliege ich immer wieder diesem Dreiklang und könnte so Stunde um Stunde weiter essen. Nicht viel. Immer nur ein kleines (B)bisschen. Da geht es nicht ums satt werden. Satt bin ich schon längst. Es geht einzig um das überwältigende Geschmackserlebnis, um die Freude, um den Genuss.
Wir beenden den Rundgang über den Markt. Im Rucksack stecken Obst und Gemüse, eine gute Salami, ein Gläschen Honig und natürlich Käse. Käse aus der Normandie: ein Leib Camembert, genau im richtigen Reifestadium, ein Stück alter Livarot und dazu noch namenlose Schafs- und Ziegenkäse vom nahen Bauernhof. Aus dem Rucksack ragen zwei dunkel gebackene, kräftige Baguette. Die Spitzen fehlen. Wie meist, wenn ich ein Baguette kaufe, kann ich nicht widerstehen und muss schon gleich nach dem Kauf das gute Brot probieren. Auf dem Rückweg entdecken wir noch einen Weinhändler. Obwohl die Normandie eher für Cidre und Calvados bekannt ist, gibt es hier regionalen Wein. Wir nehmen eine Flasche mit.
Der Dreiklang kann beginnen.