Hochwasser

Schon am Sonntag war die Wettervorhersage für die nächsten Tage sehr beunruhigend und am Montag verdichtet sich die Unwetterprognose: Ein heftiger Jugo, Wind aus Südosten, soll am Dienstag in Sturmstärke über die Adria hinweg fegen, draußen, auf dem offenen Meer zwischen Italien und Kroatien, zwischen 40 bis 60 Knoten erreichen und bis zu vier Meter hohe Wellen in Richtung Norden schicken. Wir wissen, dass wir im kleinen Hafen von Veli Iž bei Jugo gut geschützt liegen, trotzdem vertäuen wir auf dem Deck alles, was irgendwie vom Wind losgerissen, schlagen oder über Bord geweht werden könnte. Etwas sorgenvoller werden wir aber am Montagabend, als uns Igor bittet, unser Dingi, das hinter der Colette an Land, also auf der Pier, liegt, anzubinden. Es könnte Hochwasser geben. Dann lesen wir noch, dass die Stadt Venedig eine hohe Sturmflut erwartet und deshalb seine Hochwasserschutztore schließt. Wir haben Neumond und da ist selbst in der Adria Ebbe und Flut mit über einem halben Meter Wasserschwankung zu spüren. Entscheidend für die befürchtete Sturmflut ist aber der heranbrausende Jugo, der die Wassermassen des Mittelmeers in die Adria presst und am nördlichen Ende, also in Venedig, den Wasserspiegel auf 1,70 Meter über Normal ansteigen lässt.

In der Nacht auf Dienstag spüren wir die Böen, die unsere Colette mit 30 Knoten erfassen und durchschütteln. Halb so schlimm. Im Schutz der Inselberge wird die Windstärke gebrochen und die Wellen aus Süden laufen kaum in die nach Norden offene Bucht von Veli Iž.

Wir staunen aber nicht schlecht, als wir am Dienstag in einer Regenpause mit Lucky von Bord wollen. Die Kaimauer steht 20 Zentimeter unter Wasser! Zum Glück haben wir gute Gummistiefel, ansonsten würden wir, wie Lucky, nasse Füße bekommen. Wir machen einen Spaziergang um das Hafenbecken. Überall hat das Hochwasser die Kaimauer und die dahinter liegende Straße überspült. An manchen Häusern in der ersten Reihe werden die Haustüren mit Plastikplanen abgedichtet, Vorgärten, Parkplätze und Sitzbänke stehen unter Wasser. Ein älterer Herr, der uns unterwegs begegnet, meint kopfschüttelnd, er sei auf Veli Iž geboren, aber so etwas hätte er noch nicht erlebt. Wir spazieren weiter und staunen, vor allem am Ende der Bucht, wo die Wellen gegen die Außenmole branden.

Der Jugo geht so schnell, wie er kam. Am Mittwoch ist der Spuk vorbei. Dafür wird es bitter kalt. Das Thermometer fällt am Abend auf drei Grad. Es riecht nach Schnee und in der klaren Luft sehen wir die weißen Berge des Velebit.

Verrückt, am Donnerstag ist es bei Sonnenschein fast windstill und wir können im T-Shirt an Deck arbeiten. Das Wetter ist ideal, um die nassen Vorsegel zum Trocknen aufzuziehen und danach abzuschlagen. Das Großsegel muss warten, denn schon die zwei großen Segelsäcke mit Genua und Kutterfock nehmen in der Colette viel Platz weg. Den fünf Meter langen Segelsack des durchgelatteten Großsegels können wir erst unter Deck verstauen, wenn wir das Schiff über Weihnachten verlassen.

Ansonsten setzen wir unsere Winterarbeiten fort. Wir schleifen, streichen, putzen, reparieren. Unter anderem putze ich mal wieder Fäkalienpumpe und Dreiwegeventil. Mein Lieblingsgeschäft. Nicht, dass sie nicht funktionieren würden, aber ich möchte sie gut gewartet einwintern, denn hier in der Marina brauchen wir unsere Bordtoilette nicht. Und schließlich habe ich die Hoffnung, dass gut gefettete Pumpen und Ventile dann vielleicht „wie geschmiert“ laufen, wenn sie im nächsten Jahr wieder zum Einsatz kommen. Wir werden sehen, die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Das Leben der Menschen auf Veli Iž ist immer noch von der Olivenernte geprägt. Tag für Tag – mit Ausnahme der Sturmtage – machen sich Männer und Frauen auf den Weg zu ihren Olivenhainen, um die reifen Oliven zu pflücken. Tag für Tag kommen Männer an die Kaimauer, um Meerwasser in Kanister abzufüllen, um damit die gesammelten Oliven zu wässern und Tag für Tag werden Kisten oder Fässer, randvoll mit Oliven, zur Dorfpresse gebracht. Wenn die Pressung gut ist, dann liegt die Öl-Ausbeute bei 15 oder 16 % des Gewichts der abgelieferten Oliven. Bei beispielsweise 100 kg gepressten Oliven können bis zu 16 Liter Olivenöl gewonnen werden. Um aber 100 kg Oliven zu pflücken, braucht man einige Stunden.

Davon können wir uns selbst überzeugen. Ute, bei der wir am Donnerstagabend zu einem vorzüglichen Hühnersüppchen eingeladen waren, nimmt uns am Samstag mit zu Freunden, die noch mitten in der Olivenernte sind. Friederike und ich dürfen beim Pflücken mithelfen. Wenn wir beide – zugegebenermaßen unerfahrenen Olivenpflücker – nach drei Stunden 10 kg zusammenbekommen haben, dann nur, weil wir unsere gepflückte Olivenmenge sehr wohlwollend schätzen.

Also, es ist mühsam, scheint aber von den „Ižern“ (den Bewohnern von Veli Iž) trotzdem gerne gemacht zu werden. Jedenfalls sind alle wochenlang damit beschäftigt und jede Familie, alle Olivenhainbesitzer und -besitzerinnen, sind mächtig stolz auf ihre Oliven und ihr eigenes Olivenöl. Jeder hat das Beste, auf jeden Fall bestes Olivenöl, leider aber allermeist nur für den eigenen Gebrauch. Außer Tipps, wo wir eventuell gutes Olivenöl von der Insel kaufen können, haben wir noch nichts bekommen.

Halt, stimmt nicht ganz. Es ist hier Tradition, die abgeschlossene Olivenernte auch zu feiern. Dazu gehört, dass die Frau des Hauses einen guten Kuchen backt und an Erntehelfer, Freunde und Nachbarn verteilt. So bekommen wir von Igor vier Kuchenstücke an Bord gebracht. Mit besten Grüßen seiner Mutter, zum Abschluss ihrer Olivenernte. 200 kg Oliven hatten sie gepflückt und etwa 30 Liter Öl bekommen. Sie sind zufrieden. Die Olivenmenge war dieses Jahr aufgrund des trockenen Sommers nicht so hoch, dafür aber die Ölproduktion ergiebig. Aber das Wichtigste, die Qualität sei dieses Jahr besonders gut. Bestes Olivenöl eben.

Mit Hühnersüppchen und Kuchen lässt es sich in Veli Iž bestens aushalten. Aber auch die eigene Küche kann sich sehen lassen. Friederike bekommt von einem Fischer direkt vom Boot fangfrischen Makrelen-Tunfisch (oder Unechter Tunfisch) angeboten. Zweieinhalb Kilo für umgerechnet fünf Euro. Was für ein tolles Festtagsessen!

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