Sie können sich kilometerlang durchs Land ziehen, Linien, riesengroße oder ganz kleine Rechtecke, Quadrate, selten auch Kreise bilden, können manchmal mächtig dick sein, als ob sie Überreste von gewaltigen Trutzburgen seien, dann wieder filigran, schmal, halb verfallen, überwachsen oder soeben neu aufgesetzt: die unzähligen, in der Summe sicherlich zigtausend Kilometer langen Steinmauern in Kroatien. Ich kenne kein anderes Land, in dem annähernd so viele Steinmauern aufgesetzt worden wären, als hier in Kroatien, oder wenigstens in dem Teil von Kroatien, den ich kenne, nämlich die dalmatinische Küste mit ihren vielen Inseln und Inselchen. Und auf all diesen Inseln, und mögen sie noch so klein sein, ist eine Steinmauer oder sind wenigstens Reste von Steinmauern zu finden.
Zugegeben, ich kenne auch kein anderes Land, dass auch nur annähernd einen so steinigen, von weißen Kalkfelsen und Kalksteinen geprägten Boden hat wie Kroatien. An machen Stellen ist der Boden so dick von Kalksteinen übersät, dass die rote Erde kaum noch in Erscheinung tritt. Und ja, wenn man diese rote, nährstoffarme, von Kalksteinen übersäte Erde landwirtschaftlich bebauen will, dann muss man ihr erst einige Quadratmeter bebaubare Fläche abgewinnen, in dem man sie von möglichst vielen Kalksteinen befreit. Was für eine Arbeit, die Steine per Hand aufzulesen, am Rande des Gartens oder des Feldes auf Steinhaufen oder sogenannten Leseriegeln abzulegen, um in dem kargen Boden vielleicht etwas Gemüse oder Getreide anzubauen oder einen Olivenhain anzulegen. Über viele Jahrhunderte sind so große Steinhäufen und Steinriegel entstanden, warum aber die Steinmauern?
Steine gab es und gibt es in Kroatien also an jeder Stelle im Überfluss. Und selbstverständlich sind deshalb hier auch die Häuser, Ställe, Unterstände und eben auch Zäune aus Stein gebaut. Wenn es etwas einzufrieden galt und gilt, wurden und werden dazu Steine benutzt. Der Zaun für den Schafpferch oder für die große Schafweide ist aus Stein, ebenso der Zaun um den Garten, der die Wildschweine von einem ungebetenen Besuch abhalten soll. Steinmauern um einzelne Olivenbäume schützen vielleicht vor zu heftigem Wind oder vor Austrocknung und Steinmauern vor der Küste vor starkem Wellenschlag.
Steinmauern wurden aber auch aufgesetzt, um Besitzgrenzen aufzuzeigen. „Bis hier her geht mein Grundstück, mein Besitz!“ Steinmauern sind schwer verrückbar und die Grundstücksgrenzen scheinen damit für die Ewigkeit festgelegt. Ach, und wie viel Streit es wohl um solche Steinmauern gab und gibt? Streit innerhalb von Familien, zwischen Familien, Nachbarn, Dörfern und Regionen. Und wie oft wurden wohl solche Mauern wieder eingerissen und neu aufgesetzt?
Dann wiederum gibt es Steinmauern, die keine Grenze darstellen, nicht abhalten wollen oder ausgrenzen. Im Gegenteil. Es sind meist breite Steinmauern, die als Wege aufgesetzt sind, um zwischen dem steinigen, felsigen Land bequemer von einem Ort zu einem anderen zu kommen. Steinmauern, die verbinden.
Zu guter Letzt gibt es noch Steinmauern, die etwas anzeigen oder an etwas erinnern wollen. Steinmauern, die kleine Türme bilden oder Steinmauern, in die kleine Schreine mit Heiligenfiguren eingelassen sind oder Steinmauern, die in Form von großen, liegenden Kreuzen an eine schreckliche Katastrophe erinnern.
Steinmauern sind in Kroatien landschaftsprägend, allgegenwärtig und zeigen auf, wo überall Menschen gewirkt haben. Selbst auf scheinbar menschenleeren Inselchen geben sie Zeugnis von der schöpferischen Hand des Menschen, auch wenn die Steinmauern schon halb verfallen und überwachsen sind.
Wer wohl die Menschen waren, die all diese Mauern aufgesetzt haben? Denn allen Steinmauern ist eines gleich: jeder einzelne Stein wurde von Hand aufgesetzt. Für jeden einzelnen Stein hat sich eine Frau, ein Mann oder ein Kind bücken müssen, um den Stein aufzuheben, jeder einzelne Stein wurde dann zur Mauer getragen und jeder einzelne Stein schließlich von Hand in die Mauer gesetzt. Kein Tier, keine Maschine kann hier die Menschenhand ersetzen.
Wie viel Leid es wohl bei dieser Arbeit gab? Wie viel Tränen in so einer Steinmauer stecken?Schmerzende Rücken, gequetschte Finger oder gebrochene Zehen? Und wie viel schmerzende, gequetschte und gebrochene Seelen? Wenn man nur unter größter Mühe der Natur ein paar Quadratmeter abtrotzen konnte, um gerade so ein karges, entbehrungsreiches Leben führen zu können.
Oder wie viel Lachen! Wenn man vielleicht glücklich und mit einem Lied auf den Lippen die Steinmauer um seinen gerade erworbenen, eigenen Besitz aufgesetzt hat?
Und wie viele Erinnerungen diese Steinmauern bergen mögen. Erinnerungen an die Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern, die einst die Mauer aufsetzten, Erinnerungen an Streitigkeiten, die hoffentlich mittlerweile friedlich gelöst sind. Erinnerungen an besondere Ereignisse, gute wie schlechte.
Und wie viele Geheimnisse all die vielen Steinmauern in sich tragen. Geheimnisse, weil sich an die Zeit und an die Menschen, die sie aufgesetzt haben, schon längst niemand mehr erinnern kann.
Wie viele Geschichten all die Steinmauern erzählen könnten. Hunderte, Tausende – so viele, wie sie an Kilometern lang sind…