Ich weiß nicht, ob ich es schon mal erwähnt habe: Auf unserer Colette herrscht absolutes Leinsamenverbot! Um es zu präzisieren und weil so etwas leicht in Vergessenheit geraten kann, es ist auf der Colette verboten, Leinsamen zu essen. Gemeint sind dabei also die ganzen Leinsamenkörner. Gegen die Verwendung und den Verzehr von Leinsamenöl ist dagegen nichts einzuwenden. Leinsamenschrot geht zur Not, aber nur, wenn die Leinsamenkörner wirklich fein geschrotet sind.
Ohne Zweifel ist der Gesundheitsaspekt von Leinsamen, ihre förderliche Wirkung auf das Verdauungssystem des Menschen, wohl bekannt und gerade auf einem Segelboot, mit viel sitzender oder stehender Tätigkeit und wenig ausschreitender Beinbewegung, mögen ganze Leinsamen, zum Beispiel dem Müsli am Morgen beigemischt, angenehm hilfreich sein.
Trotzdem, auf der Colette herrscht absolutes Leinsamenverbot! Denn gerade das, was unserem Verdauungsapparat so zuträglich ist, dass die Leinsamenkörner unverdaut, vielleicht leicht gequollen unseren Darm passieren und dabei die Darmperistaltik und gesamte Darmtätigkeit stimulieren, vielleicht sogar den Darm hilfreich reinigen, ist unserer Colette und hier im speziellen der Weiterleitung unseres Verdauten alles andere als zuträglich.
Ohne mich jetzt in den technischen Tiefen des Abwassersystems zu verlieren, nur so viel: im Bauch unserer Colette befindet sich ein großer Fäkalientank, angeschlossen an ein sinnvolles Leitungssystem von geruchsdichten Schläuchen, elektrischen und manuellen Pumpen mit sensiblen Gummilippen, Membranen und Dichtungen, Verteilerhähne, Absperr- und Auslassventile, alle natürlich auch mit Dichtungen. Auf hoher See ist der Weg des Verdauten vom WC über eine handgetriebene Pumpe, einen Verteilerhahn und Absperrhahn nach Außen. Im Hafen oder in der Ankerbucht geht der Weg ab dem Verteilerhahn über verschiedene Absperrhähne in den Fäkalientank, dessen Inhalt dann wiederum auf hoher See über eine elektrische Pumpe und verschiedene Absperrhähne und das Auslassventil nach Außen gepumpt wird. Alternativ dazu ließe sich der Inhalt auch im Hafen durch eine Absaugvorrichtung in die Decksöffnung eingeführt absaugen. Aber in Ermangelung solcher Absaugvorrichtungen in den allermeisten Häfen, in denen wir bisher waren, kam diese Technik noch nie zum Einsatz.
Die gesamte Abwassertechnik unseres Schiffes ist klug durchdacht, bestens installiert, gut gewartet und eigentlich sehr robust. Da kann es noch so dick kommen, die Pumpen pumpen alles weg. Da kann sich der Druck noch so stark aufbauen, die Dichtungen halten dicht. Da kann es noch so müffeln, der Geruch bleibt im System. Perfekt.
Fast perfekt, denn wenn die klitzekleinen Leinsamenkörnchen kommen, dann geht das fast perfekte System in die Knie. Deshalb, das Leinsamenverbot muss sein! Die kleinen Samen bleiben mit großer Innigkeit bevorzugt an den Gummilippen, Membranen und Dichtungen kleben. Mit fataler Wirkung. Zusammen mit Urinstein und anderen unschönen Dingen blockieren sie die Pumpen und Hähne und Ventile.
Ich weiß, von was ich rede. Über die Jahre zusammengerechnet war ich mittlerweile sicherlich Tage beschäftigt, all diese sensiblen Pumpen und Dichtungen auszubauen, zu zerlegen, zu reinigen, wieder zusammenzubauen, um sie wieder einzubauen. Das ist in einem Satz kurz gesagt, aber im wahren Leben eine Schei…-Arbeit. Zum einen ist es im Bauch unserer Colette eng und verwinkelt, Rohrschellen und Schläuche sitzen selbstverständlich fest und lassen sich nur mit entsprechendem Kraftaufwand öffnen und schließlich ist im System immer und überall ein Rest unserer ehemaligen Nahrung, der mir dann über die Finger schwappt. Vom schwefelig stinkenden Geruch ganz zu schweigen. Jetzt kommen wieder die guten Ratschläge, ich sollte doch Gummihandschuhe tragen. Mach das mal, wenn es gilt, kleine Schräubchen zu öffnen, an Stellen, wo man eigentlich drei oder vier Hände bräuchte, aber kaum Platz für eine Hand ist. Ach, dann sollte ich doch wenigstens eine Atemschutzmaske tragen. Naja, die Maske, die diesen Gestank abhalten soll, muss, glaube ich, noch erfunden werden. Und im Übrigen, wer schon mal den Kopf in einem Bilgenfach hängend mit Atemschutzmaske und Brille gearbeitet hat, der weiß, dass das kaum gehen kann. Mit der guten Atemschutzmaske, also die mit zwei Geruchsfiltern an der eng sitzender Gummimaske, passt der Kopf schon mal kaum in die Bilge. Und falls doch ist im Nu die Brille beschlagen oder verrutscht. Nein, das Los des Skippers ist es in solchen Fällen standhaft, mutig und entschlossen das Unvermeidliche zu tun. Wenn die Entscheidung getroffen ist, dann gibt es nur eines: (fast) die Augen zu und durch. Heldenhaft. Wie die Erfahrung zeigt, hilft dabei auch Fluchen nichts, nur schnelles Arbeiten und hoffen, dass sich keine Komplikationen einstellen. Und die stellen sich ein: Das Schräubchen, oder schlimmer, die gesamte Rohrschelle rutscht in die Tiefe der Bilge und lässt sich nicht mehr bergen oder der Dichtungsring geht diesen Weg oder fällt in den kleinen Eimer, der zuvor das Fäkalienwasser aufgefangen hat, oder der kleine Eimer stand knapp neben dem Schlauch und hat das Fäkalienwasser eben nicht aufgefangen, das dafür nun in der Bilge schwappt. Ach, und die Krönung, nach dem Ausbauen, dem Reinigen und wieder Einbauen ist, wenn die Pumpe, der Hahn oder die Schlauchschelle nicht mehr dicht sind und die ganze Arbeit wiederholt werden muss.
Ich bin mit diesen Erfahrungen nicht alleine. Ich glaube, jeder ernstzunehmende, verantwortungsvolle Skipper könnte davon berichten und die gesammelten Erlebnisse würden Bücher füllen. Allerdings gibt es Themen, über die schnackt man in Skipperrunden bei einem Glas Bier gerne und über andere eben weniger gern. Erst nach dem fünften Bier mag dieses Thema zur Sprache kommen und die Gefahr ist dann hoch, dass nach dem Genuss von weiteren Bieren der Diskussionsinhalt zum Zeitpunkt des fünften Bieres wieder vergessen wird. Aber spätestens, wenn man sich wieder in die Bilge zwängen muss, um die Fäklienpumpe auszubauen, wird man sich daran erinnern, dass andere Skipper das gleiche Schicksal ereilt. Ein Trost, aber keine echte Hilfe.
Es hilft auch nichts, nicht zu reagieren und Probleme im Fäkaliensystem zu ignorieren. Meistens kündigen sich nämlich diese Probleme an. Vielleicht geht die Handpumpe schwerer oder der Ton der Elektropumpe ändert sich. Mag sein, es müffelt leicht oder an einem Absperrhahn bildet sich ein kleines Tröpfchen, weil eine Dichtung nicht mehr dicht ist usw. Dann ist es in der Regel nicht mehr lange, bis der Verteilerhahn oder die Pumpe eben gar nicht mehr geht und dann kann es sehr unangenehm werden.
So saßen wir bei 35° C Außentemperatur für eine Woche auf einem bis zum Rand gefüllten Fäkalientank, weil die elektrische Pumpe streikte. Das Ergebnis der Gärung im Tankesinneren war deutlich durch die Entlüftung zu riechen und wir erinnerten uns der Geschichte des toten Wals, ich glaube es hat sich irgendwo in Japan zugetragen, der auf einem LKW liegend, von Gärungsprozessen im Walinneren schon mächtig aufgebläht vom Hafen zur Untersuchung zur nahen Universität gefahren werden sollte. Er erreichte die Universität nicht. Wenigstens nicht im erhofften Zustand, denn er explodierte auf halber Strecke und verteile sich im großem Umkreis. Dieses Schicksal blieb uns erspart. Aber ohne in Japan dabei gewesen zu sein möchte ich behaupten, dass die Geruchsentfaltung aus unserem Fäkalientank der des explodierenden Wals schon recht nahe kam.
Fazit: Beim Abwassersystem eines Schiffes muss die Skipperin ihre Frau, der Skipper seinen Mann stehen. Da gibt es kein Abwarten, kein Vertun. Was gemacht werden muss, muss gemacht werden. Und, die kluge Bootsbesatzung baut vor. Ich sage nur: Leinsamenverbot. Auch auf die Gefahr hin, dass ich damit diesen kleinen, helfenden Körnchen etwas unrecht tue und sie alleine für etwas verantwortlich mache, das sicherlich auch von anderen kleinen Partikelchen mit ähnlichen Eigenschaften verursacht wird. Das Leinsamenverbot bleibt bestehen. Gefolgt vom Verbot für Flohsamen, Senfsamen, Sesam, Sesamwecken, Körnerbrötchen…