28.06. – 05.07.2026
Am Montag setzen Sönke und ich von Tindari auf Sizilien zu den Liparischen Inseln über. Beim Ablegen schaut ein etwa 70 cm großer Rochen bei uns am Boot vorbei. Ein seltener Anblick im Mittelmeer. Leider gelingt es nicht, ihn zu fotografieren. Aber dieses Bild wird dennoch im Gedächtnis bleiben.

Die Vulkaninseln, die langsam näher kommen, ragen mächtig und schroff aus dem Meer. Zuvorderst, von Sizilien aus gesehen, liegt die Insel Vulcano, unser erstes Ziel. Wir ankern vor dem Porto di Levante, dem Osthafen auf Vulcano. Es stinkt nach Schwefel. Vulcano ist berühmt für seine schwefelhaltigen Schlammbäder und Thermen. Gleich hinter dem Hafen gibt es die ersten Schlammbecken und wer will, kann sich für acht Euro in dem warmen, grauen, stinkenden Matsch suhlen. Soll ja heilende Wirkung haben. Uns macht es nicht an. Eher der Vulkan selbst, der 388 Meter über dem Städtchen aufragt.


In der morgendlichen Kühle machen wir uns auf den Weg. In Serpentinen führt der Wanderweg zuerst noch durch niedrige Vegetation, aber bald nur noch durch grauschwarzen Vulkanschutt. Weiter oben wird es hellgrau und staubig, dort sind es mächtige Rauch- und Feinstaubablagerungen. Dazwischen sogenannte Bomben, braunschwarze Steine, zum Teil groß wie Findlinge, die der Vulkan bei seinen Ausbrüchen aus dem Krater geschleudert hat. Wir steigen bis auf den Gipfel und können in den Krater schauen. Keine Lava, kein See, nur eine graue Fläche. Eindrucksvoll sind die Kraterhänge. Aus Löchern und Spalten dampft es. Der Vulkan schickt seine schwefelhaltigen, stinkenden Gase nach oben. Überall gibt es schwefelgelbe Ablagerungen. Wenn man hier oben steht, bekommt man eine Ahnung von der Entstehung unserer Erde. Eindrucksvoll und demütig machend.










Vor dem Porto di Levante ist viel Schiffsverkehr: Große Autofähren, Verpflegungsschiffe und ständig kleinere Fähren, die Touristen auf die Insel oder von der Insel bringen. Ob es viele Touristen sind, die gerade Vulcano besuchen? Wir können es schlecht abschätzen. Was wir aber den vielen Appartements und Hotels ablesen können, ist, dass Vulcano schon eine bessere Zeit gehabt haben muss. Viele Gebäude stehen leer, manche sind dem Verfall preisgegeben.

Der ständige Schwell, den die ankommenden und abfahrenden Schiffe verursachen, lässt uns nach Lipari weiterfahren. Nicht zur Stadt Lipari, sondern zur Südspitze der Insel. Dort haben wir schon vom Gipfel des Vulcanos eine kleine Bucht ausgemacht, die nur mit dem Boot zu erreichen ist. Allerdings kennen wohl auch andere dieses hübsche Plätzchen. Bis wir dort ankommen, sind schon einige Ausflugsboote und eine Handvoll anderer Yachten in der Bucht. Trotzdem ist es wunderschön, im 30° C warmen, kristallklaren Wasser vor der Kulisse von Vulcano zu baden.



Am Abend gehen die meisten Boote. Außer uns bleiben nur noch zwei weitere Segelyachten. Allerdings nur bis eine Stunde nach Mitternacht. Der Schwell des einsetzenden Westwindes kommt in die Bucht und lässt die Boote tanzen. Wie abgesprochen heben alle drei Yachten den Anker und fahren in die dunkle Nacht hinaus. Wir fahren nur knapp fünf Meilen weiter. Vor Canneto an der Ostküste finden wir einen sicheren und ruhigen Ankerplatz.
Wir schlafen aus und weiter geht es zum Stromboli. Der bekannteste Vulkan der Liparischen Inseln. Schon Homer erwähnt 700 v. Chr. in seiner Odyssee den aktiven Vulkan, der den Seefahrern zwischen Sardinien, Italien und Sizilien als Orientierung diente. Tagsüber steht fast immer eine Rauchsäule und Wolken über ihm und nachts leuchtet sein Gipfel und die Wolkenhaube rot auf, wenn er glühende Gesteinsbrocken ausstößt.



Das wollen wir auch sehen. Wir segeln mit Groß und Genua. Manchmal brauchen wir das erste Reff, denn zwischen den Inseln und Inselchen ist der Wind sehr unstet und frischt unvermittelt mit starken Böen auf, wenn wir aus dem Windschatten der Inseln fahren.
Wir ankern bei Porto Stromboli. Mächtiger Schwell rollt die Colette hin und her. Kein Spaß! Aber wir ankern hier auch nicht zum Spaß, wir haben ja eine Aufgabe: den Stromboli und seine Eruptionen zu beobachten. Tagsüber sieht man allerdings nicht viel davon. Der Vulkangipfel hat sich in seine Wolkenhaube gehüllt. Aber man hört ihn. Mehrmals pro Stunde schickt der Vulkan lautes Donnern und Grollen ins Tal und auf das Meer hinunter, ständige Eruptionen seit vielen tausend Jahren. Trotzdem haben Menschen seine Ufer und Hänge besiedelt. Beeindruckend.
Noch beeindruckender wird der Stromboli bei Nacht. Nach dem Abendessen fahren wir zur „Beobachtungsstelle“ auf der Westseite der Insel. Hier reicht der Schuttkegel vom Gipfel bis zum Meer hinunter, hier lässt der Vulkan seine glühenden Gesteinsbrocken 924 Meter ins Meer hinab rollen. Unsere Beobachtungsstelle ist ungemütlich. Durch den Westwind haben sich ein bis zwei Meter hohe Wellen aufgebaut. Ohne Fahrt schaukeln wir wild hin und her und auf und ab. Aber es lohnt sich. Mit der Dämmerung beginnt das Farbenspiel. Bei jeder Eruption leuchtet die Wolkenkappe rot auf. Manchmal kann man unter den Wolken den Kraterrand erahnen und helles Feuer aufflammen sehen. Dann grollt es und glühende Gesteinsbrocken leuchten für Momente an der Bergflanke auf, erkalten und rollen, eine Rauch- und Dampfwolke hinter sich herziehend, zum Meer hinunter. Was für ein Schauspiel!



22:00 Uhr. Nordwestwind mit 17 bis 20 Knoten. Wir setzen Groß und Genua, Kurs 15 Grad, Italien entgegen. Knapp 80 Seemeilen liegen bis Maratea vor uns. Nach 20 Stunden sollten wir dort sein.
Sind wir auch. Allerdings können wir nur die erste Hälfte der Strecke segeln. Mit dem Sonnenaufgang schläft der Wind ein. Ab da müssen wir motoren.
In Maratea haben wir wieder eine Aufgabe: einen neuen Propeller für den Außenborder zu kaufen. Beim alten Propeller hat die Gummibuchse um die Wellenaufnahme eine Unwucht bekommen, so dass der Außenborder keine Leistung mehr bringen kann. So mussten wir seit einer Woche alle Strecken in Dingi paddelnd zurücklegen.
In Maratea gibt es einen Shipchandler. Das Geschäft ist allerdings nicht an dem Strand der hübschen, kleinen Bucht, vor der wir geankert haben, sondern auf der anderen Seite des Bergsporns bei der Marina, unterhalb der beeindruckenden Christusstatue. So paddeln wir am Abend mit dem Dingi an den Strand und machen uns auf den Weg. Das Geschäft hat offen. Schon mal gut. Der Besitzer, Michele, sitzt davor und plaudert mit Nachbarn. Auch gut. Aber noch besser, er will uns auch einen Propeller verkaufen. Das geht allerdings nicht so schnell. Der etwas beleibtere Mann mit langen, grauschwarzen, nach hinten gekämmten und geölten Haaren nimmt uns mit in seinen dunklen Laden. Die Regale, der Fußboden und die Verkaufstheke sind übervoll mit Nützlichem und Unnützem des Wassersports. Für uns erscheint alles als großes Chaos, für Michele ist aber wohl alles in bester Ordnung. Zufrieden pfeifend, unseren alten Propeller in seiner Hand, die reichlich mit silbernen Ringen und Armreifen geschmückt ist, balanciert er durch all die vielen Dinge zu seiner Theke, um dort Ordner und Kataloge umzuschichten. Dann hat er den richtigen Katalog gefunden. Er vergleicht mehrmals die Nummern im Katalog mit der auf unserem Propeller, sichert sich nochmals über Zahlenangaben in seinem Tablet ab und schiebt uns dann vor sich her aus dem Laden hinaus. Ja, den Propeller hat er. Aber nicht hier in seinem Laden. In seinem Magazin! Und schon sitzt er auf seinem Roller und verschwindet. Es dauert. Wir trinken nebenan ein Bier, bis er mit dem Propeller wieder kommt. Stolz auf seinen Laden und sein Magazin überreicht er den Tedesci den Propeller zu einem stolzen Preis.
So, jetzt wird es gleich spannend, aber noch wissen wir es nicht. Auf dem Rückweg kaufen wir noch nötige Lebensmittel ein und eine Pizzeria am Wegesrand lockt uns, um bei einer Pizza und einem Glas Wein den Kauf des Propellers gebührend zu würdigen. Bis wir endlich am Strand beim Dingi ankommen ist es tiefste Nacht. Das wäre kein Problem. Problematisch ist allerdings, dass der Westwind ziemlich aufgefrischt hat und hohe Wellen auf den Strand rollen. Wir tragen das Dingi ans Wasser. Unsere Einkäufe haben wir sicherheitshalber in den Rucksäcken auf unserem Rücken. Der weiße Schaum der brechenden Wellen umspült unsere Beine bis zu den Oberschenkeln. Jetzt muss es schnell gehen. Die nächste Welle scheint niedriger und günstig. Wir schieben das Dingi durch die Welle. Trotzdem steigt das Dingi vorne in die Höhe, dann hinten. Wir hängen schiebend am Dingi und versuchen einzusteigen. Sönke zuerst, während ich noch das Schlauchboot festhalte. Sönke ist drin. Eine Menge Wasser auch. Für mich reicht es nicht mehr. Die nächste Welle ist wieder hoch und zieht mir die Füße unter den Beinen weg. Ich hänge am Dingi während Sönke mit dem Paddel versucht, uns im Wasser zu halten, damit das Dingi nicht mit der nächsten Welle wieder an den Strand geschleudert wird. Ich unterstütze mit den Füßen. Drei, vier Paddelschläge und Fußstöße und wir sind im tiefen Wasser. Ich allerdings schwimmend, mit dem Rucksack auf dem Rücken. Der ist zum Glück wasserdicht. Dann endlich kann ich mit Sönkes Hilfe an Bord klettern.

Colette hüpft, rollt und schwankt unaufhörlich. Um uns entladen sich Gewitter und der Westwind und die Gewitterböen schicken immer höhere Wellen in die Bucht. Weit über zwei Meter hoch. An Schlaf ist jetzt nicht mehr zu denken. Ab halbzwei sitzen wir im Cockpit und beobachten angespannt die grellen Blitze, die hohen Wellen und das Haltevermögen unseres Ankers. Die Blitze bleiben zum Glück weit genug weg, die hohen Wellen lassen unser Schiff mächtig rollen, stampfen und an der Ankerkette zerren. Aber der Anker hält. Wieder einmal können wir uns auf ihn verlassen. Dann setzt kräftiger Regen ein. Die Gewitter ziehen ab, nur die hohen Wellen bleiben. Mit dem Morgengrauen lässt der Regen nach. Vorsichtig nehmen wir den Anker hoch, wobei die Ankerkette bei den Wellen immer wieder stark unter Spannung kommt. Glücklich verlassen wir die Bucht, die uns zur Falle hätte werden können.
Dann ein schönes Segeln bis zur 26 Seemeilen entfernten Bucht „Baia del Buon Dormire“, die als schönste Bucht Italiens gilt. Wieder mal ein Superlativ, „die schönste Bucht…!“ Schön und sehr weitläufig ist sie auf jeden Fall. Über viele hundert Meter erstreckt sich türkisblaues Wasser über hellem Sand vor einer grandiosen Felsenküste. Kalkkarstgestein mit Höhlen und schroffen, senkrechten Felswänden. Hier sollten wir einige Tage bleiben können. Aber wir haben eine nächste Aufgabe: Bis zum nächsten Wochenende wollen wir auf der Höhe von Elba sein. 300 Seemeilen in einer Woche!



Nachtrag: Der Propeller von Michele passt. Unser Dingi ist wieder einsatzbereit!
Und ein weiterer Nachtrag:
Um Mitternacht von Samstag auf Sonntag, wir liegen schon in den Kojen, da wir am Sonntagmorgen gegen 5 Uhr in Richtung Amalfi aufbrechen möchten, werde ich von einem lauten Schlag geweckt. Ich stürze nach oben. Ein zweiter Schlag! Vor unserem Bugkorb liegt ein knapp 20 Meter lange, 40 Tonnen schwere Motoryacht. Sie hatte etwa 100 Meter vor uns an einer Boje festgemacht, die allerdings das Gewicht der Yacht bei Böen mit 25 bis 30 Knoten nicht halten konnte. Die Motoryacht riss die die Boje heraus und trieb los. Breitseits bis zu unserem Bug. Dort wurde sie heftig gestoppt!

Auf der Yacht ist es dunkel. Ich schreie und versuche das schwere Schiff von uns wegzudrücken. Dann kommen endlich zwei junge Burschen an Deck. Ob unser Anker nicht gehalten hätte, wollen sie wissen. Ich lache nur kurz bitter auf. Unser Anker hält gerade unsere Colette und die schwere Motoryacht, da sich die Leine der Boje mit unserer Ankerkette verheddert hat! Für Minuten hält unser Anker beide Yachten. Die Motoryacht legt sich dabei nun seitlich zur Colette und zieht nach hinten.
Die beiden Burschen auf der Yacht sind hilf- und ratlos. „Start your engine!“ rufe ich ihnen zu. Aber sie wissen nicht wie. Der Eigner und Skipper sei noch an Land, sie würden ihn aber gerade anrufen.
Mittlerweile hat Sönke unseren Motor gestartet. Sanft fährt er nach vorne und ich hole zwei Meter der Ankerkette ein. Das genügt, dass die Motoryacht frei kommt. Sie schiebt an uns vorbei. Ihr Anker bleibt dabei noch an unserer Reling hängen und verbiegt eine Relingstütze. Dann treibt sie ab. Kurze Zeit später kommt ein Dingi zur Yacht gefahren. Endlich startet ihr Motor und sie fährt zum Bojenfeld zurück. Dann kommt der Eigner mit seinem Dingi zu uns. Morgen wollen wir den Schaden an der Colette begutachten. Seine Versicherung würde alles regeln.
Am nächsten Morgen sehen wir, was passiert ist: Der Bugkorb ist minimal nach hinten verschoben, der Holzsitz im Bugkorb futsch. Die Relingstütze auf der Steuerbordseite ist ebenfalls stark verbogen. Dann gibt es noch einen daumennagelgroßen Lackschaden am Rumpf. Mehr ist es nicht. Trotzdem, Material und Arbeitszeit, so die erste Schätzung unseres Bootsbauers, werden sich auf über 2.000 € belaufen. Ob wir das jemals bekommen werden? Ich habe da meine Zweifel…


Und schließlich ein dritter und letzter Nachtrag:
Wir ankern vor Amalfi. Wie spektakulär!!


