Wer, wie ich, noch den Brockhaus seiner Eltern bemüht und nicht nur bei Wikipedia nachliest, der findet unter Pubertät folgenden Eintrag: [lat.] die, Entwicklungsphase des Menschen zwischen Kindheit und Erwachsensein. Beginn und Ende der Pubertät liegen in Mitteleuropa bei Mädchen etwa zwischen dem 11. und 15./16. und bei Knaben etwa zwischen dem 12. und 16./17. Lebensjahr. Außer durch die Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale ist die Pubertät besonders durch Veränderungen hinsichtlich des Körperwachstums gekennzeichnet. Die körperliche Entwicklung in der Pubertät ist mit der geistigen Entwicklung zur sozialen selbständigen Individualität verbunden. Auf Grund des Spannungsverhältnisses zwischen physiologisch bedingten Körperveränderungen und sozial noch nicht geordnetem Geschlechtsleben, ist die Pubertät auch eine Phase sozialer und psychischer Unausgeglichenheit. Im Verhalten zeigen sich leicht hervorrufbare, starke Erregtheit, Gefühlsambivalenz und Gefühlsübersteigerung, Protesthaltung (vor allem gegen Erwachsene) und soziale Orientierungsschwierigkeiten.
So also fasst der Brockhaus eine Entwicklungsphase des jungen Menschen zusammen, über die man mittlerweile regalweise wissenschaftliche Abhandlungen und mehr oder weniger gute Ratgeber für Jugendliche und Eltern finden kann. Eine Entwicklungsphase, die in heutiger Zeit (vielleicht auf Grund der vielen Ratgeber) immer mehr Eltern beschäftigt, belastet und zu großen Zerwürfnissen in Familien führen kann. Unbenommen, die Pubertät ist eine schwierige Phase. Schwierig für die Jugendlichen und schwierig für die Eltern. Als Erwachsener tut man gut daran, wenn sich die eigenen Kinder in dieser Phase befinden, sich immer mal wieder an seine eigene Jugend zu erinnern, an seine Probleme und die Auseinandersetzungen mit seinen eigenen Eltern. Zurück erinnernd mag man sich vielleicht eingestehen, wie verletzend, wie bösartig manches Verhalten gegenüber den eigenen Eltern war, wie unnötig und eigentlich nicht so beabsichtigt. Aber auch an Fehler der Eltern mag man sich erinnern, die man selbst jetzt nicht zu wiederholen braucht.
Für meinen Vater war die Pubertät eine Frage der Zeit. „Kommt und geht. Wenn man keine Zeit für sie hat, vergeht sie schneller“, sagte er dazu knapp. Denn er hatte keine Zeit für seine Pubertät. Mit 14 Jahren verließ er als Sohn einer kinderreichen Bauernfamilie die Schule, um bei andern Bauern als Knecht zu arbeiten. Für pubertätsbegründete Gefühlsambivalenz und Gefühlsübersteigerung gab es da kaum Möglichkeiten und es blieb keine Zeit, und spätestens die Schergen Hitlers, die übers Land zogen, um die jungen Männer zum Kriegsdienst zu rekrutieren, nahmen ihm die letzte Möglichkeit zur Pubertät. Eine Protesthaltung gegenüber den Erwachsenen hätte hier schnell zum eigenen Verderben geführt. Von jetzt auf gleich war er gezwungen, erwachsen zu werden.
Die Pubertät ihrer eigenen Kinder begleiteten meine Eltern eher distanziert. Ohne viel Aufhebens. „Kommt und geht. Wenn man keine Zeit für sie hat, vergeht sie schneller“ und dabei waren sie bemüht, ihre Kinder irgendwie sinnvoll zu beschäftigen oder ermöglichten, dass sie sich in einem Verein engagieren konnten.
Als wir unsere Colette kauften, wurde unser Sohn gerade 14 Jahre alt. Zwischen seinem Kopf und dem Cockpitdach war noch reichlich Platz und ohne große Mühe konnte er in den letzten Winkel der Bilge schlüpfen. Unsere Colette war für ihn vom ersten Moment an ein großes Abenteuer, sein Abenteuer! Und das nicht nur im Sinne von Bootfahren und Segeln, sondern genauso gut im Sinne von Basteln, Werkeln und Reparieren. Heute, mit fast 19 Jahren ist er hochgewachsen und muss den Kopf unter dem Cockpitdach einziehen. Aber noch immer zwängt er sich in alle Winkel des Bootes und sein Entschluss steht schon lange fest, eine Lehre zum Bootsbauer zu machen. Die Erfahrung mit unserem Schiff während der letzten Jahre war dafür sicherlich prägend.
Also mit der Pubertät Glück gehabt? Ja! Uneingeschränkt ja. Wir nahmen uns die Zeit dazu und hatten eine großartige Beschäftigung mit einem gemeinsamen Ziel: Ein in die Jahre gekommenes Schiff wieder flott zu bekommen, um damit vielleicht um die Welt segeln zu können.
Trotzdem, Pubertät ist Pubertät und für viele Eltern ist es, und auch für Friederike und mich war es, manchmal schwer den „stacheligen Kaktus zu umarmen“. Das Privileg der Jugend ist es, sich mutig und ohne Zaudern in neue Ideen zu stürzen. Projekte anzufangen, ohne nach dem Ausgang zu fragen. Kein Privileg sollte es aber sein, Projekte anzufangen und unfertig oder gar als Scherbenhaufen zurück zu lassen. Ein Privileg der Jugend ist auch, obgleich es auf den ersten Blick seltsam erscheinen mag, ihr Erfahrungsmangel, denn negative Erfahrungen lassen uns Ältere oft zaudern. Ihr Privileg kann es aber nicht sein, sich Erfahrungen nicht anzuhören oder alle Ratschläge Älterer auszuschlagen. Ein weiteres Privileg der Jugend ist es, zu diesem Mut und der Offenheit für Neues auch noch mit Lernfähigkeit und schneller Auffassungsgabe ausgestattet zu sein. Ihr Privileg kann es aber nicht sein, ständig und unbeirrt alles besser wissen zu wollen. Hier waren Streitpunkte vorprogrammiert.
Auch bei unserem gemeinsamen Projekt, unserer Colette. Anfänglich war klar, der Vater weiß wie es geht, der Vater hat Recht! Aber halt nur anfänglich. Denn eigentlich war es ja unser Freund Peter, der wusste, was alles zu ersetzen, auszutauschen oder neu zu installieren war und der wusste, wie alles gemacht werden musste. Lukas und ich waren gute Handlanger und Arbeiter. Anfänglich. Bald wurde aber deutlich, dass Lukas ein viel besserer Handlanger und auch ein eigenständig Arbeitender war. Es war eine Freude zu sehen, mit welchem Geschick und mit welcher Selbstverständlichkeit er mit den verschiedensten Werkzeugen und Maschinen hantieren konnte, wie schnell er Aufgabenstellungen verstand und umzusetzen wusste. Allerdings konnte es dann auch passieren, dass er über das Ziel hinausschoss und getragen von seinem Können Dinge entschied und umsetzte, ohne dies zuvor mit Peter oder mir abgestimmt zu haben. Es dauerte also nicht lange, dann hatten wir zwei Chefs und nur noch einen Handlanger an Bord. Wenn ich mich dann ärgerte, dann lachte Peter mit dem Satz: „Lass ihn machen, aus Fehlern lernt man am meisten!“ Er hatte ja recht. War es wirklich so schlimm, wenn wir dann eben das ein oder andere Stromkabel oder die ein oder andere Wasserleitung zweimal verlegen mussten, Nieten wieder aufbohrten, um sie besser zu nieten, Antennenverbindungen mehrmals tauschen und viele andere Dinge zwei- oder gar dreimal machen mussten bis es endlich passte und Peter zufrieden war. Trotzdem, in dieser Zeit war ich dann oft am Bruddeln und schimpfte mit meinen Sohn, der dann entsprechend schroff, uneinsichtig und beleidigt reagierte, was mich noch mehr auf die Palme brachte.
Im Nachhinein und mit zeitlichem Abstand betrachtet gebe ich heute gerne zu, dass mein Ärger oft übertrieben und vielleicht auch ungerecht war, denn mir misslang mindestens genauso viel wie meinem Sohn, eher mehr. Vielleicht lag mein Ärger schlicht daran, dass der alte Vater erkennen musste, dass sein kleiner Junge sich anschickte, ein junger Mann zu werden, der vieles besser und schneller konnte als er selbst. Bei allem Ärger, den ich verspürte, war ich schon damals und bin es heute noch viel mehr, mächtig stolz auf meinen Sohn!
Nur bei einer Sache kamen und kommen wir bis heute nicht zusammen: Dinge bis zum Ende fertig zu bringen und dazu gehört auch das Aufräumen. Es ist immer wieder beeindruckend, mit welcher Energie, welcher Ausdauer und Geduld und mit welcher handwerklichen Intelligenz Lukas Probleme angeht und schließlich löst. Da wird mit größter Mühe und über mehrere Tage am elektronischen Bordnetz gebastelt, Plotter, Radargerät und Autopilot miteinander verbunden und kaum, dass es funktioniert, fällt bei ihm im übertragenen Sinne der Hammer. Wandvertäfelungen werden nicht mehr angeschraubt, Werkzeuge bleiben liegen, von Schachteln, Verpackungsmaterial und Handbüchern (die er ja eh nicht braucht), ganz zu schweigen. Das Genie ist fertig, das Aufräumen interessiert nicht mehr, das ist dann eben die Arbeit des Handlangers.
Wann beginnt die Pubertät und wie lange geht sie? Auf diese Frage gibt der Brockhaus nur eine ungefähre Antwort: zwischen dem 11. und 17. Lebensjahr. Deutlicher beschreibt er dagegen die auffälligen Verhaltensmuster: „leicht hervorrufbare, starke Erregtheit, Gefühlsambivalenz und Gefühlsübersteigerung, Protesthaltung (vor allem gegen Erwachsene) und soziale Orientierungsschwierigkeiten“, wie sie der Brockhaus beschreibt, waren bei unserem Sohn zum Glück wenig ausgeprägt und sind bei ihm jetzt mit seinen 18 Jahren nicht mehr festzustellen. Endete die Pubertät demnach mit dem 18. Lebensjahr?
Vielleicht sollten wir die Frage nach der Dauer der Pubertät, also nach der Dauer des Erwachsenwerdens, anders stellen: Ab wann und wie lange haben die Eltern ein Problem damit, dass ihre Kinder erwachsen werden? Bei unserem 14jährigen Sohn hatten wir noch kaum ein Problem damit, dass er erwachsen werden wollte. Mit 15, 16 und 17 Jahren dagegen eher. Da entwickelte sich ein junger Mensch mit klarer und starker eigener Persönlichkeit. Mit Zielen, Weltanschauungen, Wünschen. Mit eigenem Können und eigenen Schwächen, vor allem mit eigenen Interessen. Jetzt möge man sagen, wenn die Eltern Glück haben, dann ist die Schnittmenge zwischen ihrer Welt und der Welt des jungen Heranwachsenden groß. Ich weiß nicht. Ich denke vielmehr, dass Eltern Glück haben, wenn ihr Kind eine eigene, gute Persönlichkeit entwickelt. Und wenn sie noch mehr Glück haben, dann können die Eltern diese Persönlichkeit voll und ganz akzeptieren und schließlich zufrieden loslassen. Wie lange haben also Eltern ein Problem damit, dass ihre Kinder erwachsen werden? Ich glaube so lange, bis sie endlich loslassen können!
Für mich als Vater war der Prozess des Loslassens die lange Zeit, die ich brauchte um erkennen zu können, erkennen zu müssen – nein, eigentlich erkennen zu dürfen, dass mein Sohn mit all seinem Wissen, seinem Können und mit all seinen Schwächen gelernt hat, souverän auf eigenen Beinen zu stehen. Unwichtig dabei ist für mich als Vater – und das musste ich lernen – dass seine Ziele und Interessen in keiner Weise mit meinen übereinstimmen müssen.
Umso größer ist heute meine Freude, dass es doch erstaunlich viele Ziele und Interessen gibt, die uns verbinden. Die Grundlage dazu hat sicherlich unsere Colette gelegt. Wie oft haben wir die Köpfe zusammengesteckt, um die vielen kleinen und großen Reparaturen und Verbesserungen für unser Schiff zu planen. Immer wieder, immer wieder von neuem und immer weiter. Dann die Überlegungen, wie wir diese Pläne kostengünstig und möglichst in eigener Arbeit umsetzen können. Zur großen Freunde meines Sohnes und zur heimlichen Freude bei mir selbst ist dabei zuhause unsere Hobbywerkstatt ständig gewachsen und mit professionellem Werkzeug ausgestattet worden. Wie viele Tage, lange Abende oder Wochenenden haben wir gemeinsam in unserer Werkstatt zugebracht, um Holzteile für den Salon, die Pantry oder das Cockpit zu restaurieren oder neu zu bauen. Und unzählige Stunden waren wir gemeinsam auf unserer Colette, haben geschraubt, geschliffen, geflext, gestrichen. Das verbindet. Wir haben dabei im Laufe der Zeit unsere Rollen gefunden und akzeptiert. Gemeinsam als Planende, Lukas als Macher und ich eben als Handlanger. Und stets hatten wir dabei das gemeinsame Ziel vor Augen. Unsere Colette wieder hochseetüchtig zu machen, um mit ihr um die Welt segeln zu können.
Erstaunlicher Weise haben wir bei all unseren Plänen und unserem gemeinsamen Ziel aber immer vermieden, ein gemeinsame Weltumseglung zu planen. Fest stand schon bald, dass wir uns gemeinsam die Schären Schwedens ansehen wollen. Das haben wir gemacht. Fest stand dann auch bald, dass wir die Colette über die Biskaya in Richtung Portugal bringen wollen. Auch das haben wir gemacht. Zusammen waren wir als gutes Team fünf Monate unterwegs. Haben die raue Nordsee und den schwierigen Ärmelkanal sicher befahren. Waren voll Vorfreude auf die Biskaya und hatten große Freude, als wir die Biskaya überquerten. Stolz und zufrieden kamen wir in Nordspanien an. Seither wissen wir, dass wir, unsere Colette, wir beide und Lucky, bestens funktionieren, uns blind und ohne viel Worte aufeinander verlassen können.
Trotzdem, die Planung zu einer gemeinsamen Weltumsegelung haben wir bis heute nicht ausgesprochen. Vielleicht empfanden wir das und empfinden wir das bis heute als zu gewagt. Vielleicht sind wir für so ein großartiges Unternehmen doch zu verschieden. Und vielleicht denkt auch jeder von uns, dass er dieses große Abenteuer mit der Liebe seines Lebens machen möchte. Wenigstens für mich steht dieses Ziel fest. Wenn ich eine Weltumsegelung machen werde, dann mit Friederike. Wenn sie will.
Und Lukas? Genau das würde ich ihm wünschen.