Jetzt ist es amtlich und offiziell bekannt gegeben, ab Oktober werde ich wieder für einige Zeit, vielleicht bis zum Ende der Legislaturperiode der derzeitigen Landesregierung, an meine alte Wirkungsstätte zurückkehren und wieder Leiter des Nationalparks Schwarzwald werden. Wenn mein Kollege, mit dem ich als Doppelspitze den Nationalpark aufbauen durfte, in seinen wohlverdienten Ruhestand geht, wünscht sich das Ministerium, dass ich nochmals meine Erfahrung einbringe und den eingeschlagenen Weg der Parkentwicklung und Zusammenarbeit mit der Region um den Nationalpark soweit begleite, dass eine jüngere Kollegin, ein jüngerer Kollege die Geschicke des Parks gut weiterführen kann.
Die Frage, warum ich dieser Bitte nachkomme, möchte ich hier nicht tiefer erläutern. Vielleicht, weil ich tatsächlich den Kolleginnen und Kollegen im Nationalpark und den Menschen in der Region helfen kann, den Park weiter zu entwickeln. Vielleicht aber auch, weil ich einfach nur schlecht „nein“ sagen kann und den verantwortlichen Personen im Ministerium gerne etwas zurückgeben möchte, die mir vor Jahren das Vertrauen schenkten und mir die Leitung des Nationalparks übertrugen. Ein Traumjob für einen Wald- und Wiesenbiologen! Und die mir danach keine Steine in den Weg legten, als ich meinen Traumjob frühzeitig aufgeben wollte, um meinen Lebenstraum, mit dem Segelschiff die Welt zu erkunden, zu erfüllen.
Wie dem auch sei. Ich weiß um das Privileg, das großartige Lebensgeschenk, dass ich zwischen meinem Traumjob und der Erfüllung meines Lebenstraumes hin und her wechseln kann.
Ab Oktober muss also unsere Colette irgendwo im Mittelmeer warten, bis wir wieder zurückkommen, und ihren Bug aus dem Mittelmeer heraus und über den Atlantik lenken werden. Mit diesem Ziel vor Augen lässt es sich im schönen Schwarzwald sicherlich zufrieden arbeiten und bevorstehende Aufgaben und Probleme lösen.
Aber was haben mir die drei Jahre Auszeit und die lange Segelreise durch Ostsee, Nordsee, europäischen Atlantik und Mittelmeer noch ins Gepäck gelegt, das ich nun in den Schwarzwald mitbringen kann? Zum einen eine große Portion mediterraner Gelassenheit, die der strengen und oftmals hektischen deutschen Arbeitswelt nur gut tun kann. Zum anderen drei Erkenntnisse, oder besser gesagt, die Vertiefung dreier Erkenntnisse, die wir alle schon längst haben oder wenigstens haben könnten – eine schöne, eine banale und eine traurige – und daraus abgeleitet eine Schlussfolgerung und vielleicht noch eine Erkenntnis.
Die erste Erkenntnis: Unsere Welt ist wunderschön! Ob Meere, Küsten, Gebirge, Wälder oder Wüsten mit ihrer bunten, vielfältigen und artenreichen Tier- und Pflanzenwelt, ebenso wie die großartigen Leistungen menschlichen Handelns in Architektur, Kunst und Handwerk. Unsere Welt ist so überwältigend schön, dass man nur sprachlos staunen kann und mit großer Demut dankbar sein muss, ein Teil dieser Welt sein zu dürfen.
Zweite Erkenntnis: Die banalste, aber wichtigste, wir haben nur eine davon! Wir haben nur diese eine und einzige Welt.
Die dritte und traurigste Erkenntnis: Die Spezies Mensch in ihrer schieren Masse und mit ihrer rücksichtslosen, ungebremsten Sucht nach Macht, Reichtum und Bequemlichkeit – und eben nicht nach Frieden, Zufriedenheit, Nachhaltigkeit und glücklichem Leben – sind dabei, im Eiltempo diese einzigartig schöne Welt zu zerstören!
Es ist schon lange nicht mehr Fünf vor Zwölf. Der große Zeiger der Weltenuhr ist schon längst hinter die Zwölf gerückt. Wer Augen hat, muss nur hinschauen und kann es überall sehen. Die weltweite Vermüllung mit Plastik und anderem Zivilisationsschrott ist nur die Spitze des Eisbergs. Dahinter steht eine zügellose Ausbeutung der weltweiten Ressourcen, eine himmelschreiende Umweltbelastung durch Giftstoffe und Treibhausgase und eine immense Vernichtungsmaschinerie an Lebensräumen und Leben. Umweltzerstörung, Vergiftung, Klimawandel und Artenschwund greifen wie Zahnräder ineinander und beschleunigen rasant die Zerstörung vieler, für uns überlebenswichtiger Ökosysteme. Wegschauen geht schon lange nicht mehr, denn die Zerstörung unserer Welt aufgrund der maßlosen Gier nach Macht, Reichtum und Bequemlichkeit führt unweigerlich zu so großen sozialen Ungerechtigkeiten, so dass schließlich Flüchtlingsströme und Kriege auch nicht vor der scheinbar heilen Welt der Mächtigen und Reichen anhalten werden.
Düstere Aussichten, für die es nur eine Schlussfolgerung geben kann: diese Entwicklung muss schleunigst gestoppt werden. Nicht Übermorgen und nicht morgen, sondern heute! Dann kann die die Spirale der negativen Entwicklung wenigstens gebremst und vielleicht noch aufgehalten werden. Die Weltengemeinschaft bemüht sich. Hoffentlich kommen ihre Bemühungen nicht zu spät oder sind zu langsam. Denn in all den Ländern, die wir bereist haben, wächst – um bei dem Bild des Müllbergs zu bleiben – der Müll. Das Erreichen von wichtigen Klimazielen oder die Reduzierung von Umweltgiften oder gar der Stopp des Artenschwundes stehen selten im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Handelns. In vielen Ländern mögen diese Ziele für den Großteil der Bevölkerung wohl wünschenswert sein, die sie aber aufgrund von Armut und Unwissenheit kaum mit den lebenswichtigen Bedürfnissen des täglichen Lebens in Einklang bringen können. Aber immerhin, überall steigt die Zahl derer, die sich für Umweltschutz engagieren. Ein Hoffnungsschimmer!
Ein weiterer Hoffnungsschimmer und vielleicht eine weitere gute Erkenntnis, bei der es allerdings abzuwarten gilt, ob sie von Dauer ist: In allen bereisten Ländern sind kleinere und große Schutzgebiete eingerichtet, die wie Oasen dem Erhalt und der Erholung unserer ausgebeuteten und geschundenen Welt dienen können. Hier ist, wenigstens in den meisten Schutzgebieten, bis jetzt der Abbau von natürlichen Ressourcen verboten und die Land- oder Meeresnutzung mal mehr, mal weniger streng geregelt. Aber immerhin geschützt. Und immerhin, die Weltengemeinschaft möchte bis zum Jahr 2030 30 % unserer Welt unter Schutz stellen. Gut so, auch wenn 50 % freilich besser wären.
Auch unser, weltweit gesehen winzig kleiner, Nationalpark Schwarzwald ist Teil dieser großen Schutzgebietsgemeinschaft. Und wie alle Schutzgebiete hat er neben dem Erhalt von besonderen Lebensräumen mit ihren typischen Tieren und Pflanzen, eine weitere, wichtige Aufgabe: für den Schutz von Klima, Natur und Umwelt zu werben! Natur- und Umweltschutz sind keine Naturwissenschaft oder gar Naturgesetz. Natur- und Umweltschutz sind Teil eines gesellschaftspolitischen Aushandlungsprozesses. Menschen entscheiden über die Ziele des Natur- und Umweltschutzes. Wenn wir unsere einzigartige und schöne Welt retten wollen, dann müssen möglichst viele Menschen von der Schönheit dieser Welt begeistert und von den notwendigen Zielen und von der Erfüllung der davon abgeleiteten Aufgaben überzeugt werden. Auch im Schwarzwald!