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Orca-Angriff

Vorneweg: Ich kann sie gut verstehen und bin auf ihrer Seite. Nicht, weil ich als Biologe schon von Berufs wegen von all den vielen, unzähligen Tierarten unserer Erde begeistert sein muss. Nicht, weil ich als Biologe mit großer Leidenschaft die vielfältigen Verhaltensmuster und das schier unerschöpfliche Verhaltensrepertoire vieler Tierarten studiert habe und nicht, weil ich über die Fähigkeit zur Kommunikation und Weitergabe von Informationen auch über Generationen hinweg bei sozial organisierten Tieren immer wieder staune. Nein, ich bin auf ihrer Seite, weil ich denke, dass sie schlicht recht haben, sich so zu verhalten, wie sie sich verhalten. Mehr noch, dass sie recht haben, sich mit ihrem Verhalten zu wehren, ich meine sogar, dass sie das Recht auf ihrer Seite haben, sich zur Wehr zu setzen.

Mitte August 2021. Wir sind in der Algarve unterwegs mit dem Ziel, ins Mittelmeer zu fahren. Von Albufeira sieht unser Plan vor, nonstop Gibraltar zu erreichen. Am Vormittag ist der Wind noch müde und wir kommen nur schleppend voran. Dann endlich frischt er auf und wir segeln mit fünf bis sechs Knoten Richtung Südosten. Die Wettervorhersage verspricht für die nächsten zwei Tage diesen günstigen Wind, der uns bis ins Mittelmeer bringen soll Dann wird der Wind drehen und die Passage durch das Nadelöhr von Gibraltar wäre für die nächsten Tage kaum machbar.

Nach Mitternacht lässt der Wind, wie vorhergesagt, etwas nach. Die Flaute soll nur ein bis zwei Stunden anhalten. Wir starten die Maschine, um in unserem berechneten Zeitfenster zu bleiben. Sternenklare, mondlose, dunkle Nacht über uns und unter uns der schwarze, 500 Meter tiefe Atlantik, vielleicht 50 Seemeilen von der spanischen Küste entfernt. Wir sitzen entspannt im Cockpit und versuchen, gegen die aufkommende Müdigkeit Radar und Autopilot zu überwachen. Der Motor bringt uns mit fast sechs Knoten vorwärts. Er tuckert ruhig und gleichmäßig, beinahe einschläfernd mit 1800 Umdrehungen. Mein Kopf wird schwerer und schwerer und für einen kurzen Moment vermischt sich Traum und Wirklichkeit: Ein kräftiges Blasen und Prusten links neben unserer Bordwand lässt mich hochschrecken. Delfine? Nein, das können keine Delfine sein. Das sind deutlich größere Tiere! Sehen können wir leider nichts, dafür ist es viel zu dunkel. Das Prusten wechselt von der Backbordseite auf Steuerbord. Orcas?

Die vielen Schilderungen von Orcaangriffen auf Yachten sind uns gut bekannt. Das Internet und die Foren der Langfahrtsegler sind seit den 2020er Jahren voll davon. Es gibt jede Menge Berichte, Fotos und sogar kleine Filme von Orcaangriffen auf Yachten mit fatalen Folgen: Schiffe mit abgebrochenen oder abgebissenen Ruderblättern oder Kielschwertern, Schiffe, die nach dem Angriff mindestens manövrierunfähig wurden und Schiffe, die nach einem heftigen Angriff nur knapp vor dem Untergang gerettet werden konnten. Mittlerweile (2023) haben es die Berichte aber auch in einschlägige deutsche Gazetten geschafft und sogar im tiefen Binnenland, im Schwarzwald, wurde darüber geschrieben.

Den Berichten zur Folge leben mehrere Schwertwalfamilien in den Sommermonaten vor der spanischen Küste zwischen Cadiz und Gibraltar und zu ihnen gehören wohl auch eine handvoll angriffslustiger Orcas. In den Herbstmonaten wandern die Schwertwale dann von Gibraltar in die nördliche Biskaya und im Frühjahr wieder zurück. Yachten, die sich in dieser Zeit auf dieser Route befinden, sollen entsprechend gefährdet sein. Zum Schutz der Sportbootfahrer vor den Orcas wurde deshalb zwischen Cadiz und Gibraltar ein größeres Gebiet für Sportboote gesperrt und zum Orcaschutzgebiet erklärt.

Wir sind noch weit von diesem Sperrgebiet entfernt und haben unsere Route auch bewusst so gelegt, dass wir das Gebiet weit draußen auf offener See passieren. Trotzdem erscheint es uns sehr wahrscheinlich, dass die nächtlichen Besucher Orcas aus diesem Schutzgebiet sind. Ob sie wohl zu der gefährlichen, angriffslustigen Gruppe gehören?

Der Verhaltenscodex der Arbeitsgruppe „Iberian Orca“ zur Vermeidung von Orcaangriffen gibt bei Kontakt mit Orcas vor:

1. sofort Motor aus!
2. Autopilot aus!
3. Ruder loslassen!
4. Leise sein!

Kurz, sich „tot“ stellen! Bevor ich aber dazu komme, den Autopiloten und den Motor auszuschalten, rummst es schon gewaltig. Der Schreck fährt uns in alle Glieder und wir halten den Atem an. Ein Tier muss von hinten mit viel Kraft gegen unser Heck und unser Ruder gestoßen sein! Unsere Colette ist ein solides Stahlschiff, das solche Kollisionen gut aushalten kann. Trotzdem verharren wir mit ungutem Gefühl die nächsten Minuten beinahe regungslos im Cockpit. Wir trauen uns nicht einmal zu flüstern. Den Autopiloten habe ich jetzt ausgeschaltet und der Motor dreht im Leerlauf. So ganz „tot“ stellen möchte ich uns nicht, um manövrierfähig zu bleiben. Unser Schiff treibt nun ruhig durch die Wellen und scheint so für die Wale nicht mehr interessant zu sein. Wir hören sie noch ein paar Mal atmen, dann sind sie weg. Der nächtliche Spuk hat keine fünf Minuten gedauert, uns erschient es aber wir eine kleine Ewigkeit.

Mittlerweile sind die vielen Orca-Attacken gut dokumentiert und viele Experten versuchen sich in Erklärungen. Es sind Erklärungsversuche, Spekulationen, erste Theorien. Wie alle Experten stets beteuern, sei aber der Grund für dieses auffällige Verhalten nach wie vor unklar. Als Auslöser wurde schon jugendlicher Spieltrieb diskutiert oder starker Stress durch den wieder zunehmenden Unterwasserlärm nach der Coronapandemie, Racheattacken nach unerlaubten Angriffen von Fischern auf Orcas und so manch andere Idee.

Ich bin kein Meeresbiologe oder Experte für Schwertwale, sondern nur ein einfacher Wald- und Wiesenbiologe. Deshalb werde ich all diese Expertenmeinungen nicht in Frage stellen. Aber eine Frage stelle ich mir doch. Warum wird folgender Erklärungsversuch nicht mehr diskutiert, der mit dem Beginn der Orca-Attacken für kurze Zeit irgendwo im Internet zu lesen war? Leider habe ich mir damals die Quelle nicht notiert. So klar und schlüssig erschien mir die Begründung, dass ich mir darüber gar keine weiteren Gedanken machte.

Orcas sind sozial organisierte Herdentiere, die im Familienverband zusammenleben, gemeinsam jagen und ausgeklügelte Jagdstrategien benutzen. Dazu „sprechen“ sich die intelligenten Tiere untereinander ab und diese Jagdtradition, aber auch andere Erfahrungen, können die Tiere innerhalb der Gruppe und auch über Generationen weitergeben. Darüber sind sich alle Experten einig. Auch darüber, dass die verschiedenen Orcagruppen sich oft auf eine Hauptbeute spezialisieren. Bei den besagten Schwertwalen vor Portugal und Spanien sind es Thunfische. Denn Thunfische haben ihr großes Laichgebiet im Mittelmeer. Wie die Ocas, die ihnen folgen, ziehen die Thunfische dann über die Herbst- und Wintermonate in den Atlantik hinaus und weit in die nördliche Biskaya, um bis zum nächsten Sommer wieder in die Straße von Gibraltar zurück zu kehren. Das wissen natürlich auch schon seit Jahrhunderten spanische und portugiesische Thunfisch-Fischer (und auch solche anderer Nationen), die zwischen Gibraltar und Galizien in großem Stil dem Thunfisch nachstellen. Und wen wundert´s, dass die einstmals als unermesslich groß erscheinenden Thunfischbestände mittlerweile massiv ausgedünnt sind.

Und mich würde es nicht wundern – wie damals in dem Bericht zu lesen – wenn die intelligenten Meeressäuger den Zusammenhang zwischen abnehmender Beute und stetig mehr werdenden Booten (ob Fischerboote oder Segelyachten) herstellen könnten. Und was läge aus Sicht der Orcas näher, als ihre rarer werdende Beute, den schwindenden Thunfisch, zu verteidigen und mögliche Nahrungskonkurrenten anzugreifen?

Wenn es stimmt, dass Schwertwale große Beute oder große Nahrungskonkurrenten, wie z. B. andere Wale, in die Flossen beißen, um sie manövrierunfähig zu machen, dann, so denke ich, ist es nicht mehr weit hergeholt, wenn die schlauen Meeressäuger in die Ruderblätter oder Kielschwerter von Booten beißen. Und der Erfolg gibt ihnen schließlich umgehend recht: die attackierten Schiffe bleiben manövrierunfähig liegen und die Tiere lassen von ihrem Angriff ab.

Bei dieser Theorie bleibt allerdings offen, warum die Orcas vornehmlich Segelyachten attackieren. Ein Blick auf Schiffsrümpfe mag eine Erklärung liefern. Bei Segelyachten sind im Verhältnis zur Bootsgröße Kiel und Ruderblatt deutlich größer als bei Motorbooten. Außerdem liegen Kiel und Ruderblatt zumeist frei und ungeschützt und sind deshalb ein viel leichteres und für Orcas gefahrloseres Ziel als bei Motorbooten. Aber vielleicht berichten Fischer auch deutlich weniger gerne von Orcaangriffen. Verständlicherweise. Denn sie berichten auch ungern von ihren manchmal illegalen Methoden, wie sie die Meeressäuger von ihren Fischzügen fernhalten.

Jüngst wurde auch berichtet, dass sich die Thunfischbestände vor der Iberischen Halbinsel wieder etwas erholt hätten? Hm? Ist das so, oder sollen nur die Fangquoten erhöht werden? Und falls die Thunfischbestände sich tatsächlich leicht erholen, was wir uns ja alle wünschen würden, reicht dann dieser marginale Populationsanstieg auch aus, um von den Orcas registriert werden zu können?

In der Fachwelt wird derzeit heftig diskutiert, wie die Orcaangriffe eingeschränkt oder verhindert werden können. Von Geräten, die Töne in einem Frequenzbereich aussenden, den Schwertwale nicht mögen, über Sand, den man vor den Tieren ins Meer kippen soll (auch Diesel oder Altöl soll helfen), bis hin zum Abschuss der „Problemorcas“. Ach, was für altbekannte Verhaltensmuster der Spezies Mensch, wenn es darum geht, unliebsame Wahrheiten mit der Kopfwehtablette zu therapieren, anstatt dem eigentlichen Übel auf den Grund zu gehen. Die Thunfischbestände sind weltweit auf einem Tiefpunkt, gleichzeitig nimmt weltweit die Fischerei immer noch zu. Und auch der Verkehr von kleinen Sportbooten und großen Schiffen ist stetig am Steigen. Um die Iberische Halbinsel wird deutlich, dass dort der Lebensraum der Orcas und die Zahl ihrer Beutetiere seit Jahrzehnten mehr und mehr schwindet. Jetzt wehren sich die intelligenten Meeressäuger. Und der Mensch denkt an Abschuss, anstatt ihre Lebensräume und ihre Beute zu schützen. Wie verquer!

Wie eingangs schon gesagt: als Biologe, mehr noch, als ein Lebewesen dieser einen Welt, kann ich die Orcas bestens verstehen und bin auf ihrer Seite. Freilich würde ich mir als Segler wünschen, wenn die schlauen Tiere jetzt noch lernen würden, zwischen Thunfisch-Fischerbooten und harmlosen Yachten zu unterscheiden. Wobei sich dann aber schnell die Frage stellt, wer ist harmlos und wer nicht? Der Fischer oder der, der gegrillten Thunfisch, Thunfischnudeln, Thunfischsalat oder Thunfischpizza essen möchte?

Wer am Thema interessiert ist, kann auch hier weiter nachlesen: https://www.spektrum.de/news/orca-angriffe-wale-die-yachten-rammen/2029864#. Und hier: https://www.orcaiberica.org/

Das lizenzfreie Bild wurde freundlicherweise von gsbarber auf Pixabay zur Verfügung gestellt.

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