Planlos um Elba

13.07. – 19.07.2026

Am Sonntagabend ist die neue Crew mit Friederike, Petra und Jürgen komplett. Wir ankern nochmals in der weiträumigen Bucht von Punta Ala und erst gegen 10:00 Uhr, nach Ausschlafen und Frühstücken, setzen wir noch am Ankerplatz Segel, heben den Anker und segeln direkt ohne Motor los, Elba entgegen. Unser genaues Ziel ist erst einmal unklar, da auch die Windverhältnisse um Elba unklar sind. Im Süden soll es in den nächsten Tagen leichten Südwind geben, im Norden ist es dagegen windstill bzw. es hat Winde aus Nord. Uns locken eher die großen Buchten im Süden, und da es nur leichten Wind geben soll, sei auch der Schwell in den Buchten gering. So machen es uns die technischen Hilfsmittel weis.

Der Wind bringt uns flott westwärts. Zwischen einem Am-Wind- und Halbwind-Kurs ist unsere Colette wiedermal ganz alleine unterwegs; ohne Autopilot oder Windsteuerungsanlage hält sie den Kurs.

Unsere Wahl fällt schließlich auf die große Bucht von Porto Azzurro, an der Ostküste Elbas direkt gegenüber von Punta Ala. Von dort lässt es sich gut nach Süden oder nach Norden starten.

Porto Azzurro ist ein nettes, kleines Städtchen. Etwas touristisch, trotzdem hübsch und beschaulich. Für uns gut zum Einkaufen, Eis essen, Bier trinken… Und trinken muss man: Beides, Luft- und Wassertemperatur, liegen über 30° C und die relative Luftfeuchtigkeit bei 100 %. Es ist schwül und schweißtreibend. Am Abend ziehen Wolken auf, aber Gewitter bleiben über dem Festland.

Am nächsten Morgen stehen am Himmel immer noch viele Wolken und es ist weiterhin sehr schwül. In der Bucht hat es leichten Wind aus Ostnordost. Also entscheiden wir uns für den Südkurs. Ein Fehler. Denn schon bald nach der Bucht von Porto Azzurro dreht der Wind auf Süd und Südwest. Uns entgegen. Wir motoren dagegen an. Dann haben wir entlang der Küste auch noch Strömung gegen uns und unangenehme, kurze, hohe Wellen. Colette kämpft sich gegenan und wir werden mächtig durchgeschaukelt.

Auf der Südseite Elbas flüchten wir deshalb in die erste große Bucht, den Golfo di Stella. Hier soll es schöne Ankerplätze wie z.B. die Baia Innamorata geben. Und wir könnten von dieser aus dem Spektakel der Fackelprozession am 14. Juli, also heute, die vom Bergdörfchen Capoliveri bis zu diesem Strand führen soll, aus erster Reihe beobachten. So stellen wir es uns gerne vor.

Leider haben aber alle Ankerplätze kräftigen Schwell. Und wenn es einen Ankerplatz gibt, der mal gegen Süden geschützt ist und damit weniger Schwell hat, ist der Ankerplatz schon von anderen belegt. Also weiter. Golfo della Lacone, Golfo di Campo, Golfo di Barba Toia, überall das Gleiche. Und damit haben wir auch schon die Südküste Elbas hinter uns…

So geht es an der Westküste nordwärts weiter. Und eigentlich sollten wir ja immer noch Südwind haben, der uns gut segeln lassen sollte. Den gibt es aber nicht, der Wind schläft ein. Wir motoren. Dann doch plötzlich Wind mit 12 Knoten von Süden. Kaum, dass wir Segel gesetzt haben – wir sind etwa auf halber Höhe der Insel nordwärts – dreht der Südwind auf nördliche Richtungen. Es ist wie verhext. Wieder machen wir den Motor an.

An der nordwestlichen Ecke Elbas haben wir dann genug. In der kleinen Bucht südlich Punta della Zanca gibt es noch einen Ankerplatz für uns. Endlich! Und hier werden wir ausgiebig für den nervigen Tag unter Motor belohnt: Der Ankerplatz vor unverbauter, felsiger Küste ist wunderschön, das Wasser glasklar und bei 28,5 °C geradezu erfrischend. Wir baden und schnorcheln.

Weit über das offene Meer liegt Korsika. Dort könnten wir von hier aus in den nächsten Tagen bei günstigem Wind schnell hinüber segeln. Manchmal lassen sich im Dunst die korsischen Berge erahnen und immer wieder ziehen große Frachtschiffe am Horizont vorbei. Gegen Abend sind nur noch eine Handvoll Segelyachten in der Bucht, um einen schon beinahe kitschigen Sonnenuntergang zu erleben.

Auch am nächsten Tag bleiben wir noch lange hier in der wilden Bucht. Wir haben ja keine Eile. Für Jürgen und Petra ist es Urlaub und für uns ist nun, nach Internetrecherche und Online-Buchung, klar, wo wir unsere Colette für die ersten zwei Augustwochen allein lassen können: Unsere Wahl fiel auf Pisa. In der Marina im Fluss Arno sollte unser Schiff sicher und einigermaßen günstig liegen. In diesen zwei Wochen werden dann Lukas und ich bei Friederike zuhause sein, um unser gemeinsames Segelabenteuer, hinaus auf den Atlantik und weiter, vorzubereiten.

Noch sind wir aber auf Elba. Am Nachmittag verlassen wir unsere hübsche Ankerbucht Cala della Zanca und fahren vier Seemeilen weiter nach Marciana Marina. Also doch nicht nach Korsika. Wir haben uns überlegt, lieber Elba etwas gründlicher zu erkunden. Das alte Fischerdorf Marciana Marina liegt für uns dafür sehr günstig. Im charmanten Dörfchen lässt sich gut einkaufen, auch Wäsche waschen – aber das Wichtigste: von hier aus kann man mit dem Bus schnell und günstig nach Portoferraio fahren.

Das machen dann Petra, Jürgen und Friederike auch. Ich bleibe auf dem Schiff. Kleinere aber wichtige Reparaturen liegen an. Das Moskitonetz der Bugkabinenluke ist zerrissen und – und das ist sehr erheblich – eine Halterung für die Badeleiter ist abgebrochen und damit die Badeleiter nicht mehr zu benutzen. Das ist nicht erträglich bei diesem Wetter! Improvisation ist gefragt. Eine Schlauchschelle hilft. So müsste es halten, bis Lukas eine neue Hülse angeschweißt hat.

Portoferraio ist nicht nur die Hauptstadt Elbas, hier war auch die Residenz von Napoleon in der Zeit seiner ersten Verbannung. Die Stadt ist umgeben von massiven Steinmauern, die Zitadelle kann besichtigt werden. Wir steigen die Treppen bergan, schwitzen, müssen immer wieder im Schatten der schmalen Gässchen pausieren, in den Cafés kaltes Wasser trinken, irgendwo Wasser an einem Hahn zum Erfrischen finden. Im Museum verweilen wir länger, nicht nur, weil die Texte sehr kompliziert gehalten sind und man bei diesen Temperaturen sowieso nicht wirklich aufnahmefähig ist, sondern weil es an den geöffneten Fenstern einen kleinen Durchzug gibt. Und am Schluss sind wir froh, dass wir im klimatisierten und mit 27 Grad als kühl empfundenen Warteraum noch 20 Minuten haben, bis uns der Bus zurück bringen wird…

Vielleicht noch schöner als der Ausflug nach Portoferraio ist dann am nächsten Tag unser Ausflug zum Bergdorf Marciana auf 375 Metern über dem Meer. Mit dem öffentlichen Bus fahren, nein, rasen wir die Serpentinen hinauf. Der Busfahrer hatte wohl Rennfahrer werden wollen…

Dann wartet in Marciana das nächste Abenteuer: In einem Lift mit Stehkörben für zwei Personen fahren wir 20 Minuten hinauf zum Monte Capanne, dem mit 1.018 Meter höchsten Berg Elbas. Die offenen Gondeln schweben in luftiger Höhe zuerst über Esskastanien- und Steineichenwälder, über Pinien und Zedern, dann über Macchia mit Erdbeerbaumbäumen, Ginster und Farnen und schließlich über Felsplatten und Geröll bis hinauf zu den alpin anmutenden, vegetationsfreien, schroffen Gipfelfelsen. Nach Süden hin hängen Wolken und selbst von hier oben bleibt Korsika im Dunst verborgen.

Wir sitzen lange und genießen die Aussicht und die angenehmen Temperaturen. Wir und noch vielen andere. Meist Touristen aus nördlicheren Ländern: vorneweg aus Deutschland, dann der Schweiz, Niederlande, Belgien, England… Ach, der arme Engländer. Ein Bär von Mann, rothaarig, die Gutmütigkeit ins Gesicht geschrieben, jetzt aber auch die Trauer um das verlorene Halbfinalspiel. Ein Häuflein Elend am Berg.

Die Talfahrt wird noch abenteuerlicher, denn die Bahn will plötzlich nicht mehr. Wir stehen oben am Einstieg und können das aufgeregte Hin- und Her des Bahnpersonals gut beobachten. Lautes Telefonieren. Dann eine krächzende Durchsage: … keine Aufregung… ganz normale Servicearbeiten… Mehr verstehen wir nicht. Dann geht es Häppchenweise weiter. Fahren, stehen, pendeln, warten, fahren. Vor jedem Neustart gibt es markige Sirenentöne. Nicht gerade vertrauenserweckend. Einige Kinder in den Gondeln weinen. Manche Erwachsene sehen nicht glücklich aus, andere nehmen es gelassen oder mit Humor. Wir kommen jedenfalls heil unten in Marciana an. Auf 400 Meter ist es schon wieder schwül und heiß. Aber unter Maulbeerbäumen bei einem Glas elbanischen Biers lässt es sich prächtig aushalten.

Marciana ist ein kleines, altes Bergdorf, das auf die Gründung durch die Römer zurück geht und eine der ältesten dauerhaft bewohnten Ortschafen Elbas ist. Hier oben waren die Menschen vor den Überfällen von Piraten oder Soldaten anderer Länder einigermaßen sicher. Zum Schutz der Bevölkerung bauten die Herrscher von Pisa im 12. Jahrhundert sogar ein Kastell. Von was die Menschen damals lebten? Öl, Wein, Zitrusfrüchte, Mandeln… Heute ist es der Tourismus, der das Dorf am Leben hält: Souvenirläden, Kunsthandwerk, Bars und gute Restaurants. Dass wir hier oben aber Morgenabend zum Essen gehen werden, wissen wir freilich noch nicht, als wir vor der verschlossenen Tür des Slow-Food-Restaurants mit grandioser Aussicht hinaus aufs Meer und hinunter zur Bucht von Marciana Marina stehen.

Die Nacht wird wieder unruhig. Schwell gibt es wie auch schon in den beiden Nächten zuvor. Colette liegt sicher am Anker, auch wenn sie rollt und tanzt. Ich schlafe mittlerweile an Deck. Zum einen ist hier die Wärme und Schwüle der Nacht zu ertragen, zum anderen habe ich die anderen Schiffe um uns besser im Blick. Und das ist gut so. Es ist eng am Ankerplatz. Zweimal zu eng. Wir müssen Nachbarn, die nach uns gekommen sind, bitten, ihre Position zu ändern. Und auch an anderen Stellen werden Ketten eingeholt und immer wieder neue Ankerpositionen gesucht. Zum Glück gibt es keine Kollisionen. Die Skipper sind alle aufmerksam. Aber entsprechend kurz und schlaflos sind die Nächte.

Die Nacht von Samstag auf Sonntag soll angenehm ruhig werden. Ein Grund, nochmals hier zu bleiben. Ein zweiter: wir sind mittlerweile die Platzältesten, alle weiteren Ankerer müssen sich an uns ausrichten. Ein dritter: wir wollen heute Abend essen gehen und ein vierter: auf dem Dorfplatz von Marciana Marina findet heute Abend ein Konzert statt. Wir haben einen Plan. Wenigstens für diesen Samstag. Wir waschen zwei Ladungen Wäsche und entgegen anderer Meldungen im Internet wird unser Geld vom Automaten nicht ersatzlos geschluckt, die Wäsche wird sauber. Und wir füllen unsere Vorräte nochmals auf, morgen ist Sonntag und die Läden geschlossen.

Das Fischrestaurant am Hafen ist allerdings schon komplett ausgebucht. Unsere zweite Wahl ist das Restaurant oben in Marciana. Der Bus hinauf braucht keine 20 Minuten und kostet nur 1,70 €. Problematischer ist allerdings die Rückfahrt. Letzte Talfahrt 20:55 Uhr. Das Restaurant öffnet um 19:00 Uhr. Also bleiben uns keine zwei Stunden. Das Personal zeigt sich sehr verständnisvoll. Die Zeit reicht für Vorspeise (Oktopussalat oder Bresaola mit Zitronenricotta), Primi Piatti (Paccheri d´Elba oder Kastatiennudeln mit Wildschweinragout), eine Fischplatte mit Kartoffeln, Tomaten und Oliven für vier Personen zum Hauptgang und sogar noch für einen Nachtisch (Panna cotta oder Mascarponecreme). Alles schmeckt vorzüglich!

Der Bus kommt pünktlich, und pünktlich sitzen wir dann auch auf dem Marktplatz sozusagen in erster Reihe. Das Konzert des Trio delle Meraviglie kann beginnen. Eigentlich sind es nicht drei, sondern vier Musiker, die mit Schlagzeug, zwei Akustikgitarren und einer Bassgitarre auf der Bühne sitzen. Und dann legen sie los. Über zwei Stunden ohne Pause. Sie spielen die größten Hits der Rock- und Pop-Ära und sie spielen und singen gut. Sehr gut. Jung und alt sind begeistert bis gerührt, wenn sie Stairway to heaven von Led Zeppelin oder Bohemien Rhapsody von Queen anstimmen. Und wieder mal bin ich begeistert, zu was Menschen im Stande sind und muss heimlich meine Tränen aus den Augen wischen. Es ist eben nicht nur Krieg und Zerstörung, was die Menschheit im Geschichtsbuch der Welt hinterlässt. Vor der Bühne tanzt eine 70jährige Frau perfekt und ausgelassen. Sie motiviert und zieht andere mit. Kinder, Jung und Alt, tanzen, klatschen, lachen, sind eins in der Musik, von ihr gefangen und begeistert. Wie schön!

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