ein neoklassisches sizilianisches Lama
Vorbemerkung:
Das neoklassische sizilianische Lama ist eine Sonderform des klassischen griechischen Dramas. Die Intension eines neoklassischen sizilianischen Lamas ist es, einen sizilianischen Tag voll umfänglich in all seinen vielfältigen Facetten zu erfassen, zu beschreiben und dabei die lamaturgischen Höhepunkte des Tages besonders zu würdigen. Das neoklassische sizilianische Lama gilt als besonders gelungen, wenn es sein Publikum quasi in die Handlung mit aufnimmt, es also dazu animiert, die zwingenden Höhepunkte der einzelnen Akte für sich zu verinnerlichen, ja am besten gleich während des Schauspiels, parallel zur Handlung, für sich selbst umzusetzen. Da sich das neoklassische sizilianische Lama in der Regel über viele Stunden hinzieht, ist es dem geneigten Publikum bestens möglich, diese Umsetzung, die Transkription des Schauspiels auf das eigene Ich, so zu sagen sofort zu verwirklichen.
Das neoklassische sizilianische Lama folgt dem klassischen Aufbau des griechischen Dramas mit einer Gliederung in drei Akten. Der oder die Protagonisten (Helden) führen durch das Lama, die im Konflikt mit dem Antihelden den lamaturgischen Schwerpunkt bilden. Komische Figuren, können, müssen aber nicht dabei sein. Wie im klassischen Drama führen in der Regel auch im neoklassischen sizilianischen Lama die Dialoge durch das Schauspiel, im Unterschied zum klassischen Drama kann aber das Bühnenbild zwischen den Akten stark variieren.
Im vorliegenden Lama „Siestanotte“ sind die Bühnenbilder der drei Akte folgenden, real existierenden Orten angelehnt: 1. Akt Bucht Capo Passero, 2. Akt Bucht Baia Arcile. 3. Akt Bucht von Taormina. Die Zuschauer sitzen quasi im Meer vor der Bucht, vor ihnen das weit offene Bühnenbild.
Die jeweiligen Handlungen der einzelnen Akte sind ebenfalls den oben genannten Orten entnommen und beruhen auf intensiven Beobachtungen und Recherchen.
Die im vorliegenden Lama „Siestanotte“ gewählte Form der schlichten Kommunikation ist ein besonderes Stilmittel, um so wenig wie möglich von der lamaturgischen Handlung und den prägenden Bühnenbildern abzulenken.
Protagonisten und Antiheld führen als eindeutig erkennbare Figuren durch die Handlung, wobei der Antiheld, so viel sei schon vorab verraten, in drei unterschiedliche Rollen schlüpft.
Fußnote:
Der Begriff „Lama“ für das neoklassische sizilianische Lama ist eine neoklassische Wortzusammenführung von „Lang“ und „Drama“, um so dem langen, sich über Stunden hinziehenden Bühnenstück gerecht zu werden. Der Erklärung, wie sie in so manche Literaturführer Eingang gefunden hat, „Lama“ würde für lahmes, langweiliges Drama stehen, ist, und das sei hier mit Nachdruck angemerkt, schlicht falsch.
Siestanotte
ein neoklassisches sizilianisches Lama in drei Akten
1. Akt
Bühnenbild:
Ein im sarazenischen Baustil errichtetes Hotel, etwa 30 Meter über dem Meer vor Felsen und Strand. Rechts neben dem Hotel eine nicht sehr alte, aber schon wieder zerfallene Thunfischfabrik, links neben dem Hotel Felsen, eine Straße und ein schmaler Fußweg, die zum benachbarten Ort führen.
Handelnde Personen:
Mann
Frau
Mädchen
Junger Mann
Kinder
Hotelangestellter (HA)
Handelnde Tiere:
Ziegen
Brieftauben
Handlung:
Mann tritt aus der großen, zentral gelegenen Türe des Hotels auf die Terrasse, die gerade vom Hotelangestellten gefegt wird.
Mann: Guten Morgen!
HA: nickt.
Mann: ein wunderschöner Morgen heute morgen!
HA: nickt.
Mann geht nach rechts auf eine Treppe, die nach unten zu einem Swimmingpool führt. Mann verschwindet hinter einem Busch, hinter dem sich (vermutlich) eine Dusche und eine Liege verbergen.
Frau in rotem Kleid tritt durch die Seitentüre des Hotels auf die Terrasse, gefolgt von einem 14jährigen Mädchen in weißem Kleid, das ein Handy in der Hand hält.
Frau: Guten Morgen!
HA: Nickt.
Frau Ein wunderschöner Morgen heute morgen!
HA: Nickt.
Frau: Haben Sie meinen Mann gesehen?
HA: Nickt.
Er zeigt auf die Treppe.
Mädchen spielt mit dem Handy.
Mädchen: Kichert.
Frau: Danke!
Auf dem Vorsprung unter dem Dach des Hotels gurren zwei Tauben. Schließlich fliegt eine weg. Frau geht zur Treppe. Mädchen bleibt auf der Terrasse und spielt mit dem Handy.
Mädchen: Kichert.
Kinderlachen ist aus dem Hotel zu hören. Es klingelt. Der Hotelangestellte zieht ein Handy aus der Tasche.
HA: Nickt.
Frau geht die Treppe hinunter und tritt hinter den Busch.
Frau: Gehst du joggen?
Mann: Ja.
Frau: Nimm genügend Wasser mit. Es ist heiß.
Mann: Ja.
Frau: Und sei rechtzeitig vor dem Essen zurück.
Mann: Ja.
Mann tritt vor den Busch und geht eine weitere Treppe hinunter. Die Treppe ist rechts und links von einer Mauer begrenzt. Sie endet an Felsen, einige Meter vom Strand entfernt und ist von einem großen, eisernen Tor verschlossen.
Mann klettert über die Mauer und joggt dann querfeldein durch eine kleine Ziegenherde in Richtung Fußweg. Die Ziegen springen erschrocken zur Seite. Mann joggt nach rechts in Richtung Ort.
Frau geht wieder ins Hotel zurück. Das Mädchen folgt ihr.
Mädchen: Kichert.
HA: Nickt.
Das Szenenbild bleibt lange Zeit so stehen. Der Hotelangestellte fegt, eine Taube fliegt zum Dachvorsprung.
Nach zwei Stunden kehrt der Mann gemächlichen Schrittes zurück, klettert über die Mauer, geht langsam die Treppe nach oben und verschwindet hinter dem Busch.
Mann: Pruh, äh, oh, uh, ah!
Er ist ein bekennender Lautduscher.
Mann geht nach oben zur Terrasse und verschwindet im Hotel. De Hotelangestellte blickt ihm nach.
HA: Nickt.
Im ersten Stock öffnet sich ein Fenster. Ein junger Mann blickt heraus.
Junger Mann: Zeit für die Siesta.
HA. Nickt.
Der Hotelangestellte geht ins Hotel und der junge Mann schließt den Laden vor dem Fenster.
Ende des ersten Akts.
2. Akt
Die Siesta ist bald vorbei. Das Bühnenbild hat sich komplett verändert.
Bühnenbild:
Ein gepflegter Rasen unter Palmen und Eukalyptusbäumen. Im Rasen vor dem Kiesstrand sind einige Sitzbänke und Liegestühle aufgestellt. Rechts befinden sich einige wenige Häuser einer Ferienanlage, links nicht sehr alte aber schon wieder zerfallene Schuppen für Boote, kaputte Jollen und einem alten Seekajak. Rund um die Rasenanlage sind Schilder aufgestellt: Hunde verboten!
Rechts im Hintergrund neben der Bucht sieht man den rauchenden Ätna.
Handelnde Personen:
Mann
Frau
Mädchen
Junger Mann
Kinder
Ferienanlagenangestellter (FA)
Handelnde Tiere:
Hund
Kühe
Handlung:
Die Siesta ist zu Ende. Ein junger Mann mit Hund kommt aus einem Haus der Ferienanlage und geht über die Rasenfläche Richtung Kiesstrand. Ein Ferienanlagenangestellter harkt in der Rasenfläche.
Junger Mann: Guten Nachmittag!
FA: Nickt.
Junger Mann: Ein wunderschöner Tag heute!
FA: Nickt.
Hund macht sein Häufchen auf den gepflegten Rasen.
FA: Nickt.
Junger Mann geht zum Strand und wirft einen Stock ins Wasser, den der Hund schwimmend holen muss.
Eine Kinderschar kommt über den Rasen gerannt und springt dann ins Meer.
Kinderschar: Lachen.
Ein schwarzer SUV eines deutschen Autoherstellers fährt vor. Ein Mann, eine Frau in rotem Kleid mit einem Buch in der Hand und ein Mädchen in weißem Kleid mit einem Handy in der Hand steigen aus und gehen zu den Liegestühlen auf dem gepflegten Rasen.
Mädchen: Schaut, da sind Kühe!
Und tatsächlich grast links neben dem Bühnenbild eine Herde Kühe.
Mann: Eine ganze Herde!
Mädchen: Kichert.
Frau zum Ferienanlagenangestellten: Da sind ja Kühe!?
FA: Nickt.
Mädchen: Kichert.
Mann: Ein schöner Nachmittag heute!
FA: Nickt.
Mädchen: Kichert.
Frau: Vergesst nicht, Wasser zu trinken. Es ist sehr heiß heute!
Mann: Ja.
FA: Nickt.
Der junge Mann geht mit dem Hund zur Ferienanlage zurück.
Das Szenenbild bleibt lange Zeit so stehen. Der Ferienanlagenangestellte harkt den Rasen. Der Mann ist im Liegestuhl eingeschlafen, die Frau liest im Liegestuhl und das Mädchen spielt mit dem Handy im Liegestuhl.
Nach zwei Stunden weckt die Frau ihren Mann.
Frau: Zeit, zurück zu fahren, um uns für das Abendessen zurichten!
Mann: Ja.
Mädchen: Kichert.
Mann, Frau und Mädchen gehen zum Auto und fahren weg.
Der junge Mann mit Hund kommt wieder aus der Ferienanlage, sie gehen über den gepflegten Rasen.
Junger Mann: Ein schöner Abend heute Abend!
FA: Nickt.
Hund macht sein Häufchen auf den gepflegten Rasen.
FA. nickt.
Ende des zweiten Akts.
3. Akt
Die Sonne ist untergegangen und die Dämmerung schon weit fortgeschritten. Das Bühnenbild hat sich abermals komplett verändert.
Bühnenbild:
Eine große Bucht mit Straßen und einer Bahnlinie. Oben am Berg im Städtchen viele Hotels und Restaurants. Straßen, Hotels, Restaurants und Kirchen sind nett beleuchtet. Rechts ist ein Bahnhof, in dem eine Endlosschleife die gerade gültigen Maßnahmen der Coronaprävention erklärt, rechts ist eine nicht sehr alte aber schon wieder zerfallene Hotelanlage.
Links im Hintergrund neben der Bucht sieht man den rauchenden Ätna.
Handelnde Personen:
Mann
Frau
Mädchen
Junger Mann
Kinder
Restaurantangestellter (RA)
Handelnde Tiere:
Keine
Handlung:
Vor einem noblen Restaurant stehen ein Mann in feinem Anzug, eine Frau mit weißem Kleid und Sandalen mit hohen Absätzen und ein Mädchen in rotem Kleid, bauchfrei, heftig geschminkt, mit einem Handy in der Hand.
Vor dem Eingang zum Restaurant steht etwas gelangweilt ein Restaurantangestellter
Mann: Guten Abend!
RA: Nickt.
Mann: Können wir hier für drei Personen einen Tisch bekommen?
RA: Nickt.
Frau: Lächelt freundlich.
Mädchen: Kichert.
FA: Nickt.
Mann: Vielen Dank!
Der Mann, die Frau und das Mädchen treten ein. Ein junger Mann folgt ihnen.
Junger Mann: Pfeift durch die Zähne.
Die Frau dreht sich um und errötet leicht. Der Mann legt seinen Arm um die Frau.
Mädchen: Kichert.
Sie bekommen einen Platz zugewiesen und vertiefen sich in die Speisekarte.
Auf der Straße vor dem Restaurant gehen viele, hübsch gekleidete Menschen vorüber. Kinder hüpfen und springen auf der Straße.
Kinder: Lachen.
Ein Handy klingelt. Der junge Mann drückt es sich ans Ohr.
Junger Mann: Ja, ja, ja. Alles gut. Selbstverständlich. Bis dann.
Das Mädchen spielt mit seinem Handy bis das Essen kommt.
Mädchen: Kichert.
Mann und Frau gleichzeitig: Schweigen.
Die Frau erblickt den jungen Mann am Nachbartisch und schaut verlegen weg.
Mann: Schön hier!
Frau: Ja.
Mädchen: Kichert.
Das Essen kommt. Es gibt Antipasti misti, dann als Primi Pasta con le Sarde, als Secondi Spada grillata und als Dolce Cannoli.
Das Szenenbild bleibt lange Zeit so stehen. Mann, Frau und Mädchen essen. Der junge Mann isst am Nebentisch. Viele Passanten gehen am Restaurant vorbei. Der Restaurantangestellte schaut ihnen nach.
Nach zwei Stunden sind alle mit dem Essen fertig. Sie stehen auf und gehen am Restaurantangestellten vorbei hinaus auf die Straße.
Frau: Einen schönen Abend!
Mann: Vielen Dank!
Mädchen: Kichert.
RA: Gute Nacht!
Alle gehen ab.
Ende des dritten Akts und damit Ende des Lamas.
Schlussbemerkung:
Für den Autor des neoklassischen sizilianischen Lamas „Siestanotte“ und den darin handelnden Akteuren wäre es nun eine große Freude, die Transkription des Schauspiels auf die Zuschauer erleben zu dürfen. Würde heißen:
Am Ende des ersten Aktes zur Siesta einschlafen
Beim zweiten Akt am Strand ausgiebig chillen
Zum dritten Akt mit großem Appetit essen.