Juni 2019

Strecke:

Von Lübeck nach Fehmarn. Über Puttgarden nach Langeland. Weiter in die Flensburger Förde bis nach Flensburg. Und über Fehmarn zurück nach Lübeck.

Die Ostsee soll unser Übungsrevier werden. Hier wollen wir unser Schiff kennenlernen. Wollen lernen, wie sich unsere Colette segeln lässt und wollen gleichzeitig unser Können verbessern. Und natürlich wollen wir auch die Ostsee kennen lernen. Zuerst die deutsche Küste und Dänemark, dann natürlich die Schären. Lukas und ich liebäugeln mit einer Ostseerunde im nächsten Jahr nach seinem Abitur. Ich müsste mir dafür zwei oder drei Monate unbezahlten Urlaub nehmen…

Erst mal fangen wir klein an. Über Pfingsten haben wir zwei Wochen Zeit. Wir packen das Auto und fahren vom Schwarzwald erwartungsfroh nach Lübeck. Da ich vor drei Wochen zusammen mit Charles und Sönke den Mast gestellt und die Segel angeschlagen habe, gibt es wenig Vorbereitendes zu tun. Schon am nächsten Tag werfen wir die Leinen los und fahren die Trave abwärts Richtung Travemünde. Die Ostsee empfängt uns sonnig und ruhig. Anders als vor drei Wochen, als ich mit Charles und Sönke wenigstens für wenige Stunden die Segel testen wollte. Damals hatten wir in der Lübecker Bucht Windstärke 7 und kurze, hohe Wellen. Kein Vergnügen, bei einer Testfahrt mit einem „unbekannten“ Schiff.

Wie herrlich. Wir segeln mit unserem eigenen Schiff! Friederike, Lukas und ich grinsen über beide Backen. Unter Großsegel und Genua fahren wir mit 4 Knoten auf Halbwindkurs Fehmarn entgegen. Noch sind wir sehr vorsichtig. Achten auf jedes Geräusch, auf jedes Schlagen der Segel und Schoten, beobachten die Bewegungen der Colette, wenn sie durch die kleinen Wellen gleitet, wundern uns über die Geräusche der mitlaufenden Schraube, erschrecken uns und staunen über die heftige Schräglage bei plötzlichen Böen. Noch ist für uns alles neu. Noch sind wir unsicher. Aber alles ist wunderschön. Wir segeln auf unserem eigenen Schiff! Ein Gefühl von grenzenloser Freiheit stellt sich ein. Endlich. Wir genießen und feiern den Augenblick mit einem kräftigen Schluck Portwein:
„Auf die Arbeit der zurückliegenden Jahre! Auf jetzt! Auf uns und unser Schiff! Auf unsere Träume, deren Umsetzung jetzt vor uns liegen…“
Wir sind im Augenblick nur glücklich.

Dass die Ostsee auch anders kann, merken wir zwei Tage später, als wir Fehmarn umrunden wollen. Die Nacht zuvor war recht stürmisch und so stampft jetzt Colette in heftigen, kurzen Wellen gegen den Wind an. Sie tut sich schwer beim Am-Wind-Kurs und legt sich mächtig auf die Seite. Wir machen kaum Fahrt. So dicht am Wind mag es die alte Dame also nicht. Friederike und Lukas auch nicht. Beide spucken in den hackigen Wellen.

Die Lage entspannt sich erst mit Kurswechsel. Der Wind kommt jetzt von hinten, bis er einschläft. Kurz vor Puttgarden fahren wir in eine dicke Nebelsuppe. Noch haben wir weder Plotter noch Bordcomputer oder Radar an Bord. Aber immerhin werden die AIS-Signale der Berufsschiffe auf unser neues Funkgerät übertragen. Vorsichtig tasten wir uns vorwärts. Spähen und lauschen angestrengt in die weiße Wand hinein und beobachten gleichzeitig das Display des Funkgerätes. Das tiefe Nebelhorn einer in weiter Entfernung vorbeifahrenden Fähre klingt nah und unheimlich. Die Entfernung des Schiffes über seine Schallsignale abzuschätzen, ist für uns unmöglich.

Wir streifen Langeland, ankern in kleinen Buchten, genießen hübsche dänische Dörfchen und fahren schließlich in die Flensburger Förde und segeln unter einigen Wenden bis nach Flensburg. Die Segelmanöver, sowie das An- und Ablegen gelingen uns von Mal zu Mal besser. Nur als wir nach einer Nachtfahrt morgens um 6.00 Uhr bei Windstärke 6 in Badekop anlegen, knallen wir mit dem Bug dumpf gegen den Steg. Es ist nichts passiert. Jetzt wissen wir, dass 16 Tonnen einen langen Bremsweg haben und wir bei Rückenwind lieber etwas früher beginnen sollten, unsere Colette aufzustoppen.

Wir genießen unsere ersten Seglertage auf unserem eigenen Schiff. Aber viel zu schnell gehen 14 Tage ihrem Ende entgegen und wir müssen wieder zurück Richtung Lübeck. Zwischen Fehmarn und Travemünde haben wir bei schönstem Wetter Flaute. Wir lassen uns Stunde um Stunde treiben. Wenn der Wind weiterhin ausbleibt, sind wir ja unter Motor schnell nach Travemünde gefahren. So denken wir. Gegen 17.00 Uhr wird es Zeit, wir wollen den Motor starten, aber nichts geht. Wir checken die Batterien. Sowohl Starterbatterie als auch Verbraucherbatterien sind nicht gänzlich voll, aber eigentlich voll genug, um den Motor starten zu können. Das Problem, dass wir schon auf der Kanalfahrt das ein oder andere Mal hatten, hat uns wieder eingeholt. Nur mit dem Unterschied, dass jetzt der Motor auch bei wiederholten Startversuchen stumm bleibt. Nicht einmal der Anlasser lässt ein kurzes Klacken hören.

Kein Wind, kein Motor und noch 10 Seemeilen bis Travemünde. Wir überlegen, an was es liegen könnte und was wir tun können. Schließlich starten wir den Generator (der hat seine eigene, unabhängige Batterie) und laden unsere Starter- und Verbrauchsbatterien wieder auf. Jetzt heißt es warten. Aber das Warten lohnt sich. Nach knapp einer Stunde sind alle Batterien wieder geladen und, siehe da, der Motor startet auf Anhieb.

Zwei Tage später finden wir das Problem: das Kabel vom Zündrelais zum Anlasser hatte starke Korrosionsschäden und der Kabelwiderstand war wohl schon so hoch, dass die Stromstärke bei nicht 100 % geladenen Batterien nicht mehr ausreichte, um den Motor starten zu können. Wir wechseln das Kabel und nehmen vorsorglich eines mit einem größeren Querschnitt. Ab sofort gibt es beim Starten der Maschine keine Probleme mehr.

Dafür kommen beim nächsten Segeltörn dann andere…