September 2020

Strecke:

Von Barhöft nach Klintholm (Dänemark) und weiter nach Skanör (Schweden). Durch den Öresund nach Kopenhagen. Über Helsingör ins Kattegat und weiter in den Samsö Belt. Richtung Süden in den Großen Belt und anschließend nach Langeland. Von Langeland nach Aerö und weiter in die Schleimündung nach Maasholm. Über Fehmarn zurück nach Lübeck.


Drei Wochen bleiben uns noch für unser Vater-Sohn-Segeln. Drei Wochen anstatt der drei Monate, in denen wir in diesem Sommer um die Ostsee segeln wollten. Wir wollen die Zeit nutzen, um endlich all unsere Geräte zu testen und kennenzulernen, die wir über die Winter- und Frühjahrsmonate in unsere Colette eingebaut hatten. Plotter, Radar, Autopilot, Windsteueranlage und GPS-Gerät.
Wir haben uns vorgenommen, einmal um die große dänische Insel Seeland zu segeln. Von Barhöft setzen wir die knapp 40 Seemeilen nach Klintholm (Dänemark) über und bauen zum ersten Mal die Windsteueranlage auf. Klappt auf Anhieb gut. Allerdings haben wir auch einen sehr beständigen Halbwindkurs. Am nächsten Tag geht es weiter nach Skanör. Sonne und leichter Wind. Wir testen und gleichen unsere Kompasse ab und eichen endlich unseren Fluxgate-Kompass des neuen Autopiloten. Jetzt passt alles und wir müssen nicht mehr zwischen dem geplotteten Kurs des Autopiloten und dem tatsächlichen Kurs interpolieren.

Der Wind nimmt stetig zu und als wir uns der Hafeneinfahrt von Skanör nähern, hat er 25 Knoten, in Böen bis 30 Knoten erreicht. Wir nehmen noch vor dem Wellenbrecher die Segel runter und fahren unter Motor durch die schmale Hafeneinfahrt. Dort sind wohl die Wellen gedämpft, aber der Wind bläst heftig aus Norden und damit genau in die Einfahrt hinein. Mit hoher Geschwindigkeit sausen wir in das enge Hafenbecken.

Die Marina ist sehr gut besucht, fast alle Plätze sind belegt bis auf den Kopfsteg direkt gegenüber der Einfahrt. Da wollte bisher keiner hin, denn der Schwell steht mächtig auf dem Holzsteg. Uns bleibt keine Wahl und vor allem auch keine Zeit. Lukas stoppt Colette vor dem Steg auf, wir drehen uns noch und gehen längsseits. Schnell stecken wir alles, was wir an Fendern haben, zwischen Steg und Boot, um die heftigen Schläge, die Colette dem Steg verpasst, etwas abzupuffern. Geschafft.
20.00 Uhr. Der Wind verliert nichts an Kraft. Im Gegenteil. Längst hat er Sturmstärke erreicht. Im Mittel 30 Knoten und in den dauernden, über die Hafenanlage hinweg fegenden Böen weit über 40. Das wird keine ruhige Nacht. Der starke Schwell lässt unsere Colette heftig tanzen und die Böen rütteln kräftig an den Festmacherleinen. Die ächzen mittlerweile nicht mehr, die brüllen. Mächtige Gischtfetzen treibt es über den Wellenbrecher und die Kaimauer, Persenninge und Leinen an Nachbarbooten knattern, irgendwo hat sich eine Genua losgerissen und schlägt ohrenbetäubend. Bootsbesatzungen aus verschiedenen Ländern laufen zusammen und helfen. Lukas mittendrin.
Unsere Colette schwankt und stampft, liegt aber sicher und strahlt große Erfahrung aus. Ein junges Segelpaar aus Norwegen (sicherlich mit viel mehr Segelerfahrung als wir) fragt uns um Hilfe, um ihr Schiff zu verlegen. Sie liegen an einem viel zu kleinen Schwimmsteg, der ihre Stahlyacht nicht halten kann. Sie haben einen Platz an der hinteren Kaimauer gefunden. Nicht optimal und eng, aber auf jeden Fall besser. Wir helfen gerne. Zu viert können wir die tanzende Yacht gerade so bändigen und mit Leinen und Motorunterstützung an den gewünschten Platz manövrieren.

22.00 Uhr, 23.00 Uhr, 0.00 Uhr. Die heftigen Sturmböen halten an. Lukas und ich wollen uns den Wachdienst durch die Nacht aufteilen. Aber auch der, der Freiwache hat, kann nicht schlafen. So ein Gezerre, Kreischen und Dröhnen.

Durch den kräftigen Schwell, der in den Hafen kommt, steigt der Wasserspiegel im Hafenbecken stetig. Leider ist unser Holzsteg kein Schwimmsteg und so wird die Lage zusehends bedrohlicher. Nicht für uns, aber für den Steg. Der Wasserspiegel hat fast die Oberkante des Stegs erreicht, die Fender schwimmen auf und können nicht mehr zwischen Bordwand und Steg abpuffern. Colette droht, „auf den Steg zu springen“. Ein Tanz auf Messers Schneide. Haarscharf. Es geht nochmals gut. Den Steg kostet es aber trotzdem ein Holzbrett. Gegen 5.00 Uhr lässt der Sturm nach und der Wasserstand beginnt wieder zu fallen. Jetzt ausschlafen und einen Tag Pause einlegen.

Von Skanör segeln wir über Kopenhagen östlich Seelands hinauf ins Kattegat und über den großen Belt unter der mächtigen Beltbrücke hindurch auf der Westseite Seelands wieder in den Süden. Von Langö setzen wir schließlich nach Langeland über, um noch einen kleinen Abstecher in die dänische Südsee zu machen.

Auch wenn wir nur noch drei Wochen Zeit haben, genießen wir jetzt die Segelzeit und lassen uns treiben. Die bunte, quirlige Großstadt fasziniert uns genauso wie einsame Ankerbuchten oder die kleinen, malerischen Städtchen Dänemarks. Wir segeln dort hin, wo uns der Wind hin bläst. Wenn er nicht bläst, dann bleiben wir. Unterwegs testen wir immer wieder unsere Windsteueranlage und werden mit ihr immer vertrauter. Mit Plotter, Radar und AIS sowieso. Wir lernen, mit unseren technischen Geräten wie selbstverständlich umzugehen. Alles auf unserer Colette funktioniert und wir mit ihr. Ohne viel Worte. Wie selbstverständlich klappen Ankern, An- und Ablegemanöver, Segel setzen, Wenden, Halsen, Segel wechseln. Das Seglerleben wird zur Routine, das uns viel Spaß macht. Meist abends, nach einem guten Essen, planen wir mit Karte, Reiseführer und vor allem mit den neusten Wetter- und Windinformationen den nächsten Tag. Am nächsten Morgen wird geprüft, ob die Planung so bleiben kann, oder die Wetter- und Windaussichten eine Umplanung erfordern und dann geht es wieder weiter. Zur nächsten Bucht, zum nächsten kleinen Hafen, zu einem Landspaziergang, zum Einkaufen. Während der Fahrt bleibt genug Zeit zum Lesen, Faulenzen, Wellen beobachten, Wind, Sonne, Fahrtgeräusche zu genießen, zu träumen…

Schließlich setzen wir von Aeroskobing nach Maasholm an der Schleimündung über. Wir sind wieder in Deutschland. Wir ankern gegenüber dem kleinen Hafen, denn am nächsten Tag wollen wir früh morgens starten, um nach Fehmarn zu segeln. Um 7.00 Uhr geht’s los. Am-Wind-Kurs, den die Windsteueranlage wie selbstverständlich hält. Guter Wind und Sonne. Was will man mehr. Unterwegs kreuzen mindestens acht „NATO WARSHIPS“ unseren Weg. Einmal wird es so eng, dass uns eine Fregatte anfunkt, um abzuklären, ob unsere Geschwindigkeit gleich bleibt, um vor ihr vorbei zu segeln. Wir bejahen. Denn aus Erfahrung wissen wir mittlerweile, dass 16 Tonnen, wenn sie einmal in Bewegung sind, nicht gleich viel langsamer werden, auch wenn der Wind für einige Minuten schwächer werden sollte. NATO-Manöver. In der Howarther Bucht sind Schießübungen angesetzt. Wir müssen das Gebiet natürlich umfahren. Aus der Ferne hören wir den Kanonendonner.

In Fehmarn legen wir in Orth an und treffen Wolfram. Gemeinsames Burger-Essen. Die weltbesten Burger!

Wolfram möchte wenigstens mal ein paar Stunden mit uns segeln gehen. Also beschließen wir eine Umrundung von Fehmarn. Von Orth nach Orth. 45 Seemeilen in 10 Stunden bei mäßigem Wind und Sonnenschein. Wolfram ist begeistert, wir auch. Ein schöner Abschluss unseres Segelsommers 2020.