Sommer 2017

Strecke:

Rheinabwärts von Rheinau bis Koblenz. Moselaufwärts von Koblenz bis Nancy. Rhein-Marne-Kanal von Nancy bis nach Straßburg. Rheinabwärts von Straßburg bis Rheinau.

Das mächtige Tor der Schleuse Gambsheim steht schon offen, als wir auf die große Rheinschleuse zufahren. Wir sind aufgeregt und unsicher: unsere erste Rheinschleuse! Ein großes Fluss-Kreuzfahrtschiff, die „Odin“, hat schon in der Schleusenkammer festgemacht. Vorsichtig und langsam fahren wir in das 270 Meter lange und 22 Meter breite Schleusenbecken ein. Wir sollen uns etwas beeilen und hinter dem Passagierschiff festmachen, weist uns der Schleusenwärter über Funk an. Wir legen vorsichtig an der glatten Betonwand an und werfen unsere Heck- und Vorderleine über mächtige Poller. Die zwei grünen Signallichter am Ende des Schleusenbeckens, die für freie Einfahrt stehen, springen auf ein rotes Licht und hinter uns schließt sich das Schleusentor. Dann zwei rote Lichter nebeneinander, die Schleuse ist geschlossen.
Angespannt stehen wir an den Festmacherleinen und Fendern, um sie bei Bedarf umhängen zu können. Der Bootshaken liegt griffbereit. Lukas steht am Ruder. Der Motor läuft noch, damit Lukas jederzeit manövrieren kann.
„Motor aus!“ dröhnt die Stimme des Schleusenwärters aus den Lautsprechertrichtern, die neben der Schleusenkammer angebracht sind. Wir zucken zusammen und gehorchen sofort.
„Aufpassen, gleich geht der Tanz los!“ rufe ich meiner Crew zu.
Wir erwarten ein Getöse und Sprudeln und ein heftiges Hin und Her der Colette. Wie in einem Handbuch für perfektes Schleusen empfohlen, trage ich an meinem Gürtel ein scharfes Messer, damit ich im Notfall die Leinen durchschneiden kann, falls die sich irgendwo an der Schleusenwand verheddern sollten.
Wir erwarten angespannt und nervös, aber aufs Äußerste konzentriert, den Schleusenvorgang.
„Zum Schleusen müssen Schwimmwesten getragen werden!“, dröhnt es erneut aus den Lautsprechern.
Verdammt, wie konnten wir das vergessen. Schnell suchen wir unsere Schwimmwesten, die natürlich noch unter Deck sind und ziehen sie hektisch an.
„Kann es dann endlich losgehen?!“, knattert der Lautsprecher entnervt und das Heckpersonal der „Odin“ grinst zu uns herüber.
„Jeder schnell auf seinen Posten“, rufe ich noch und dann geht es schon los. Allerdings ganz anders als wir es erwartet haben: langsam, kaum merklich. Nur einige kleine Strudel im Wasser zeigen an, dass das Wasser aus der Kammer fließt. Der Wasserspiegel senkt sich und Colette mit ihm mit. Dabei bewegt sie sich kaum hin und her und die Fender gleiten sanft die nasse, von Algen grün überzogene Betonwand hinab. Wir haben nichts zu tun. Gar nichts. Die großen Poller bewegen sich automatisch mit dem abfließenden Wasser nach unten.

Das Signallicht springt wieder auf rot: Schleusenöffnung in Vorbereitung. Die „Odin“ wirft ihren Motor an, während sich das untere Schleusentor langsam öffnet. Die Signalanlage wechselt auf grün und die „Odin“ fährt aus.
„Schnell hinterher“, rufe ich Lukas zu, „Nicht dass der Schleusenwärter wieder meckert.“
„Colette stopp“, ruft es aus dem Lautsprecher, „oder wollt ihr vom Schwell der „Odin“ an die Wand gedrückt werden?“
Wir stoppen sofort und warten, bis das lange Passagierschiff aus der Kammer gefahren ist und sich das Wasser in der Schleusenkammer wieder beruhigt hat. Dann fahren auch wir durch das große Tor.
Wie harmlos.
Zweieinhalb Stunden später erreichen wir die Schleuse Iffezheim. Dieses Mal sind wir bestens gerüstet. Unsere Schwimmwesten haben wir bereits angelegt, fahren beherzt in die Schleusenkammer ein, legen an und machen sofort den Motor aus. So geht das! Und trotzdem sind wir plötzlich etwas verunsichert, als sich das Schleusentor schließt und wir ganz alleine in der riesigen Schleusenkammer sind. Nur für uns, für unsere kleine Colette, werden jetzt gleich über 65 Millionen Liter Wasser bewegt, damit wir 10 Meter tiefer unsere Fahrt rheinabwärts fortsetzen können.


Auf dem Rhein fahren wir von Straßburg bis Koblenz, dann die Mosel aufwärts bis Nancy, und von dort über den Rhein-Marne-Kanal zurück nach Straßburg. Diese Runde ist bei Kanalfahrern und Binnenschiffern als „Sauerkrauttour“ bekannt. Vielleicht deshalb, weil es in weiten Teilen durch Lothringen, Elsass und Baden geht und diese Ecke für gute Küche mit reichlich Sauerkraut bekannt ist. Wie dem auch sei. Drei herrliche, unbeschwerte Augustwochen liegen vor uns, unsere erste, längere Ausfahrt mit unserer Colette!

Der Rhein ist überraschend anders. Wir haben uns nicht vorstellen können, mit welcher Wildheit er in manchen Abschnitten aufwartet. Hinter Karlsruhe strömt er mit 12 bis 14 km pro Stunde talwärts. Buhnen ragen von beiden Ufern in den Strom, um zu verhindern, dass das Ufer weggespült wird. An den Buhnenspitzen bilden sich Wirbel und kleine Stromschnellen. Zwischen den Buhnen sammeln sich viele Meter, manchmal weit über 100 Meter lange Kiesbänke, gesäumt von Eschen, Weiden und Pappeln. Ein wild anmutender Galeriewald zieht sich den Rhein entlang und weit und breit sehen wir keine Spur von Verbauung und Industrie. Abschnittweise baden zwischen den Buhnen Menschen oder planschen wenigstens am Ufer. Schlauchboote, Kajaks und Stand-Up-Paddler sind zuhauf unterwegs. Da in diesen Sommertagen nicht nur die Luft, sondern auch der Rhein einladend warm ist, baden auch wir: wir drosseln den Motor und lassen am Heck Leinen ins Wasser, an deren Enden wir Fender anknoten. Auf den Fendern sitzend „reiten“ wir den Rhein abwärts. Was für ein Riesenspaß! Auch den vorbeifahrenden Frachter-Kapitänen scheint unser Fender-Rodeo zu gefallen. Sie winken lachend zu uns herüber und einer gibt sogar ein „Hallo“ mit seinem Signalhorn.

Vor, in und hinter Mannheim und Ludwigshafen ist dann nicht mehr so viel vom wilden Rhein zu spüren. Beide Ufer sind auf viele Kilometer zu Hafenanlagen umgebaut. Raffinerien, Lagerhallen, Schrottberge, Kohlehalden, Kräne, Kaimauern, Frachtschiffe, Tanker, Schlepper, Förderbänder, Kamine, Rauch und Dampf, Gestank, Hupen, Klirren, Rasseln, Abwasserrohre. Der Kontrast zu den grünen Rheinabschnitten könnte nicht größer sein. Schon deutlich vor der Industriemetropole haben wir das Baden eingestellt. Es braucht unsere ganze Aufmerksamkeit, um gut zwischen den anlegenden und ablegenden Frachtschiffen durchzukommen. Aber die Frachter-Kapitäne sind geduldig mit uns und halten den nötigen Sicherheitsabstand, selbst wenn sie gerade dabei sind, im engen Fahrwasser zu drehen oder rückwärts in ein Hafenbecken hinein zu manövrieren. Wir staunen und genießen auch dieses Industrie-Wirrwarr, das geschäftige Treiben, Hupen und Blinken.

Spätestens ab Mainz und Wiesbaden wird man von den Weinbergen des Mittelrheins empfangen. Von hier bis Koblenz erstreckt sich der im touristischen Sinn vielleicht bekannteste Rheinabschnitt, auf jeden Fall der deutscheste. Das Rheintal ist hier wie die Landschaft einer Modelleisenbahn gestaltet. Rechts und links des Rheins ziehen die Gleise der Eisenbahn entlang. Verschwinden immer wieder in Tunnels, die unter Weinbergen hindurchführen. An beiden Ufern reihen sich kleine Orte. Eigentlich sind es keine Orte, sondern Fachwerkhäuser-Reihen entlang der Uferstraßen und den Schienen. Kleine Häuschen, eng gebaut, da es zwischen Rhein und Weinberg kaum Platz gibt. Namhafte Burgen und Burgruinen thronen über den Weinbergen und dem Rhein: Burg Ehrenfels, Burg Reichenstein, Heimburg, Ruine Fürstenberg, Ruine Nollig, Burg Stahleck, Burg Gutenfels, Burg Katz, Burg Rheinfels, Burg Maus, Schloss Liebeneck, Schloss Stolzenfels, um nur einige zu nennen. Der Rhein selbst windet sich zwischen den Weinbergen hindurch, schnell fließend, mit Stromschnellen, Strudeln und engem Fahrwasser. Prallhänge und Gleithänge wechseln sich ab. In den Abschnitten der Gleithänge, dort wo das Ufer größere flache Bereiche freigibt, wechseln die kleinen Orte zu kleinen Städtchen: Rüdesheim, Bingen, Assmanshausen, Bacharach, Kaub, Oberwesel, St. Goar, St. Goarshausen, Bad Salzig, Boppard, Rhens. Hübsch hergerichtet und von der Ferne wie Spielzeug-Städtchen anzusehen, fast schon irreal und künstlich.

In dem schnell fließenden und teilweise sehr engen Fahrwasser zwischen Wiesbaden und Koblenz herrscht Hochbetrieb. Zu dem dichtgedrängten Frachter-Verkehr gesellen sich kleinere, größere und sehr große Passagier- und Ausflugsschiffe. Dann noch Fähren, die zwischen den beiden Rheinufern hin und her pendeln. Wir fühlen uns zwischen all diesen Riesen wie eine kleine, hilflose und unerfahrene Nussschale. Während die Frachter bisher für uns einigermaßen berechenbar waren, da sie mit mehr oder weniger gleichbleibender Geschwindigkeit dem Fahrwasser folgend, stromauf oder stromab fahren, sind die Passagierschiffe und ihr Fahrverhalten für uns ein Rätsel. Meistens sind sie viel schneller als wir, dann urplötzlich langsamer. Kommt ein Ausflugsschiff von links, kommt sicherlich auch gleich ein zweites von rechts. Sie überholen uns mal steuerbords, mal backbords, kreuzen vor uns durch, drehen, um uns wieder entgegen zu kommen. Kaum, dass sie am linken oder rechten Rheinufer angelegt haben, legen sie sofort wieder ab, um erneut unsere Bahn zu kreuzen.
Unsere Unsicherheit bleibt wohl auch der Wasserpolizei nicht verborgen. Hinter einem Frachter hervor, und in schneller Fahrt an einem Ausflugsschiff vorbei kommt ein Polizeiboot von hinten an uns herangefahren und geht mit einem Meter Abstand längsseits:
„Alles ok?“, fragte ein freundlicher Polizist.
„Ja, alles ok“.
„Ihr seid wohl zum ersten Mal hier auf dem Rhein unterwegs?“
„Ja.“
„Gelassen bleiben. Und immer rechts den Fahrwassertonnen entlang hangeln.“
„Ja, machen wir.“
„Und nicht von den Fahrgastschiffen verrückt machen lassen. Die können auch mal ausweichen. Auch wenn sie so tun, als ob sie die Chefs auf dem Rhein wären.“
„Ja, gut, danke.“
„Also, immer Kurs halten.“
„Ok.“
„Dann gute Fahrt!“
Und schon sind sie wieder weg, drehen hinter einem Frachter und fahren wieder flussaufwärts. Wahrscheinlich zu einer anderen Motoryacht, die von den weißen Ausflugsschiffen in Bedrängnis gebracht wurde.

Wir beherzigen den Rat der Polizei so gut es eben im dichten Gedränge der Frachter und Passagierschiffe geht. Tief hat sich hier der Rhein in die Rheinhessische Berglandschaft eingeschnitten und zwängt und windet sich durch die steilen, felsigen Weinberge. Der schnell fließende Strom bildet immer wieder Wirbel und kleine Stromschnellen. Bedrohlich ragen Felsen neben der Fahrrinne aus dem Wasser und lassen vermuten, dass es unter der Wasseroberfläche noch weitere, gefährliche Untiefen hat.
Ich stehe am Steuer und genieße die Rauschefahrt. Das ist ja beinahe so, als ob wir mit dem Kanu Wildwasser fahren würden. Unsere Colette hüpft vergnügt über die Wellen und lässt sich dabei gut manövrieren.
Die vielen Signalanlagen an den Ufern zeigen, dass uns jetzt etwas Besonderes bevorsteht: die Gebirgsstrecke zwischen Oberwesel und St. Goar. Auf dieser schluchtartigen, engen und kurvenreichen Strecke besteht auf fünf Kilometer Länge keine ausreichende Sicht und keine störungsfreie UKW-Verbindung. Deshalb wird der Verkehr der Berufsschifffahrt hier von der Revierzentrale in Oberwesel mit Radar überwacht. Vor den Kurven zeigen Lichtsignale den Frachter-Kapitänen den Gegenverkehr an. Es ist schnell, es ist eng, es ist spannend. Mit 18 Stundenkilometern treibt uns der Fluss durch seine Stromschnellen unterhalb des Loreley-Felsens hindurch. Für einen Augenblick schaue ich hoch zur Loreley. Nur ganz kurz, um nicht, wie so manche Skipper vor mir, ihrem Charme zu erliegen. Colette jagt sicher an Klippen und anderen Untiefen vorbei. Kein Wunder, dass die Loreley früher vielen Schiffern zum Verhängnis wurde und deshalb oft ortskundige Lotsen die Frachtkähne gegen gutes Geld durch die Untiefen steuerten. Im letzten Jahrhundert wurden die heftigsten Felsen für die Schifffahrt etwas „geglättet“. Trotzdem, wehe dem Kapitän, der seine Blicke nicht mehr von der Loreley lassen kann, der Rhein wird sich ihn holen.

Rheinkilometer 592: Deutsches Eck.

Wir biegen links in die Mündung der Mosel ein, die uns erst einmal unfreundlich empfängt. Über zwei Stunden warten wir an einer verrosteten Spundwand unterhalb der Schleuse Koblenz, bis wir endlich zu Berg fahren dürfen. Aber schon bald hinter Koblenz zieht uns die Mosel mit ihrer beeindruckenden Landschaft in ihren Bann. Selbstverständlich wussten wir, dass schon zu Zeiten der Römer in den steilen und wärmebegünstigten Hängen über der Mosel Wein angebaut wurde und bis heute Winzer aus dem Mosel-Tal weltberühmte Weine produzieren. Dass aber die Weinberge so extrem steil sind, das wussten wir bisher noch nicht. Der steilste Weinberg der Welt befindet sich hier, der Calmont, mit 68 Grad Hangneigung! Wenn also das Prädikat „spektakulär“ für eine Landschaft passt, dann hier. Ohne zu zögern würde ich das Mosel-Tal und seine Weinberge in eine Reihe mit den steilen Weinbergen des Cinque Terre oder den hochalpinen Ackerterrassen der Walserhöfe im Piemont oder Tessin oder der Indios in Macchu-Picchu-Gebiet in Peru stellen. Was kann Menschen dazu bewegen, steilste, schwindelerregende Berghänge zu besteigen, dort hinauf schweres Werkzeug zu schleppen, um Steine zu beschlagen, Steinmauern aufzusetzen, um so kleine und kleinste Terrassen für den Weinbau zu gewinnen? Welche Mühsal. Manche der Weinberge lassen sich bis heute nur mit dem Schiff erreichen. Welcher Aufwand. Alte Geschichten erzählen auch von dramatischen Unfällen, schweren Verletzungen, Todesfällen und großen finanziellen Verlusten. Welche Opfer und Tragödien. Das alles „nur“ für einen guten Wein? Wohl kaum. Die schmucken Dörfer und Städtchen links und rechts der Mosel mit ihren freundlichen, offenen und lachenden Menschen geben schnell Klarheit. Es ist eben nicht „nur“ der Wein. Der Wein und die Weinberge bedeuten hier Wohlstand, Reichtum, Glück, Lebensgefühl, Tradition und Heimat: „Erdener Treppchen“, „Piesporter Goldtröpfchen“, „Wehlener Sonnenuhr“, „Bernkasteler Doktor“ – mit großem Stolz haben die Winzer und Winzergemeinschaften in riesigen Lettern die Namen ihrer berühmten Weinberge hollywoodgleich in den steilen Hängen aufgestellt, so dass sie vom Schiff oder von der Straße und sicherlich sogar vom Flugzeug aus gut lesbar sind.

Alles dreht sich um den Wein. Der Wein bestimmt den Jahresablauf. Er gibt vor, wann die Weinstöcke zu schneiden, die Reben zu pflegen, die Trauben zu lesen und der Wein schließlich zu keltern ist. Er bestimmt die Zeiten der harten, mühevollen Arbeit ebenso wie die Zeiten des Ausruhens und des Feierns. Und die Moselaner können nicht nur schwer arbeiten, sondern auch schwer feiern! Bald jedes Dorf hat sein eigenes, großes Weinfest und sicherlich noch viele kleine dazu.
Es gibt kaum einen Tag auf der Mosel, den wir nicht mit einem guten Riesling oder Grauburgunder ausklingen lassen. Wir trinken ihn jedes Mal mit viel Bedacht und großer Hochachtung vor der mühevollen Arbeit, die in jedem Tropfen steckt. Wir trinken ihn aber auch sehr gerne, denn er schmeckt vorzüglich!

In Cochem geraten wir dann auch noch in ein Weinfest. Eher zufällig. Vom Boot aus ist das Städtchen hübsch anzusehen und lockt uns zu einem frühnachmittäglichen Stadtbummel. Spätestens in der historischen Altstadt sind wir dann mittendrin: Weinstände an jeder Ecke, Imbissbuden, Karussell und Schießbuden, ein wenig historisches Handwerk und wieder Weinstände. Riesling und Grauburgunder dominieren vor Silvaner und Müller-Thurgau, als Rotwein wird zumeist Spätburgunder oder Dornfelder angeboten. Wir schlendern durch die Gassen und bleiben zuerst bei einem Käsestand am Marktplatz hängen. Käsebaguettes und Riesling schmecken, die Blasmusik allerdings nicht.

Zum Abend hin werden die engen Gassen zunehmend voller und die Menschen weinseeliger. Wir lassen uns durch die Gassen schieben, probieren hier und da ein Gläschen Wein und finden schließlich bei der Uferpromenade eine Band, deren Repertoire uns eher zusagt. Immerhin John Denver, Dire Straits, Udo Jürgens. Es werden an einem Tisch Plätze frei und bald merken wir, dass wir sozusagen in der ersten Reihe sitzen. Die Band wird still und auf der Uferpromenade bläst ein Fanfarenzug.
„Die neue Weinkönigin“ tuschelt es wissend um uns.
Und tatsächlich. In der Prunkkutsche hinter dem Fanfarenzug sitzt eine hübsche junge Frau in mittelalterlicher Tracht mit einer Krone auf dem Kopf. Sie lächelt und winkt. Die Zuschauer entlang der Straße klatschen und johlen. Die Weinkönigin ist natürlich nicht alleine in der Kutsche. Sie wird begleitet von ebenfalls mittelalterlich bekleideten Herren, die mit ernsten, staatstragenden Blicken sparsam aber huldvoll mal nach rechts, dann nach links winken und kaum merklich nicken. Der Kutsche folgen Römer, Weinbauern, Mägde, Schützen, wahrscheinlich auch Küfer, Schiffer und andere historische Handwerksberufe rund um den Wein und die Mosel. Die Menge ist begeistert und bis der Umzug vorbei ist, haben wir wenigstens einen Liter Riesling geleert. Irgendwann fallen schwere Salutschüsse, die im Moseltal widerhallen.
„Jetzt ist die Königin oben auf der Burg“ verraten uns die Wissenden, „jetzt wird sie in ihr Amt eingesetzt.“
Ob es stimmt, wissen wir nicht. Es klingt aber gut.
Wir bleiben unten beim Volk, dass in bester Weinlaune weiterfeiert. Irgendwann nach Mitternacht, nach mehreren Speck- und Zwiebelkuchen und genügend Riesling finden wir den Weg zurück zur Colette.

Im Unterschied zum Rhein werden auf der Mosel die Flusskilometer von unten nach oben, also von der Mündung zur Quelle gezählt. Von Koblenz bis Pompey, dem kleinen Städtchen vor Nancy, an dem wir in den Rhein-Marne-Kanal abbiegen müssen, sind es 346 Kilometer. Die Mosel steigt über diese Distanz um etwas 125 Höhenmeter und die Schifffahrt braucht dazu über 20 Schleusen. Wer nun denkt, auf der Mosel seien die Schleusen deutlich kleiner als auf dem Rhein, der irrt. Die größten Kammern haben auch über 200 Meter Länge und über 10 Meter Breite. Schließlich werden die hübschen und weithin bekannten Weinstädte wie Cochem, Traben-Trarbach, Bernkastel-Kues bis hinauf nach Trier mit großen Flusskreuzfahrtschiffen angefahren. Die Mosel ist aber bis zum Kilometer 393, bis zum französischen Städtchen Neuves-Maison, von großen Frachtschiffen befahrbar und jährlich werden weit über zehn Millionen Tonnen an Waren über die Mosel transportiert. Trotzdem geht es deutlich beschaulicher zu als auf dem Rhein. Man hat mehr Zeit, die Mosel strömt mit langsamen ein bis vier Kilometern pro Stunde und die Schleusenwärter sind in der Regel gelassen und freundlich. Besonders die französischen, wenn uns Friederike über Funk zum Schleusen auf französisch anmeldet und dabei noch unseren französischen Schiffsnamen nennt. Allerdings müssen wir in den meisten Schleusen etwas mehr tun als bei den Rheinischen, da man oft die Festmacherleinen von Hand über Poller führen muss, die in etwa einem Meter Abstand senkrecht in die Schleusenwand eingelassen sind. Und noch etwas bekommen wir bald zu spüren: In den Moselschleusen gibt es viel mehr Schwell und Wirbel als bei den großen Rheinschleusen. Deshalb bleibt es nicht aus, dass wir hier und da etwas cremeweiße Farbe an den Betonwänden hängen lassen.
Trotzdem Schleusen wir gerne und am liebsten mit Frachtern. Manchmal gibt es einen kurzen Schwatz oder ein Hallo über die Reling, aber auf jeden Fall gibt es immer ein freundliches Winken. Und jedes Mal nehmen die Kapitäne auch entsprechend Rücksicht auf unsere kleine Colette. Dagegen meiden wir die großen Kreuzfahrtschiffe wo es geht. Sowohl in den Schleusen als auch an den Anlegestellen. Wir empfinden sie als weniger rücksichtsvoll. Wahrscheinlich stehen sie permanent unter Zeitdruck. Außerdem wummert und stinkt bei diesen fahrenden Hotels ohne Unterlass der große Dieselgenerator, der den hohen Stromverbrauch aufrechterhalten muss.

In Pompey verlassen wir die Mosel und biegen auf den Rhein-Marne-Kanal ein. Ab jetzt werden die Schleusen deutlich kleiner. Bis Straßburg liegen 67 von ihnen vor uns. Sie sind nur noch 38 Meter lang, fünf Meter breit und garantieren eine Wassertiefe von zwei Meter und zehn. Noch mehr müssen wir jetzt aber die Durchfahrtshöhe beachten. Manche Brücken lassen nur dreieinhalb Meter zu. Die Besatzungen der Charterboote sind hier gut beraten, ihre Sonnenschirme einzuklappen. Und Charterboote gibt es ab Nancy reichlich. Auf dem Rhein-Marne-Kanal verkehren kaum noch die klassischen Peniches, die früher auf dem Kanal zwischen dem Pariser Becken und dem Rhein Unmengen von Waren transportierten. Eisenbahn und LKWs haben ihre Aufgabe übernommen. Dafür haben in den Häfen der größeren Städte oder ehemaliger Industrieanlagen bekannte Charterfirmen ihre Basen bezogen. Auf Frankreichs Kanälen darf ohne Bootsführerschein gechartert werden. Die Folge: so mancher unbedarfte Freizeitkapitän „eckt“ hier im wahrsten Sinne des Wortes an. Farbreste an Brückenbögen, Spundwänden, Kaimauern oder Schleuseneinfahrten zeugen ebenso davon wie jede Menge Kratzer und geplatztes Fiberglas an den Bootsrümpfen. Wir haben vor knapp 20 Jahren selbst diese Erfahrungen machen dürfen, als wir uns, damals noch ohne Bootsführerschein und des Motorbootfahrens völlig unbeleckt, mit einem Charterboot auf die französischen Kanäle wagten. Die Charterschiffe sind ja eigentlich recht gutmütig und leicht zu steuern. Trotzdem muss man erst einmal in eine enge Schleusenkammer treffen, an der es auch Seitenströmungen geben kann. Dort ließ ich zum ersten und bisher einzigen Mal einen Fender platzen. Ach ja, und unseren Sonnenschirm verloren wir an der ersten Brücke.

Unsere elegante Colette wirkt mit deutscher Flagge und der Aufschrift „Hamburg“ geradezu exotisch unter all den zumeist plumpen Charterbooten. Trotzdem machen uns die vor uns liegenden 157 Kanal-Kilometer großen Spaß. Man muss sich allerdings bei der Kanalfahrt auf die alles beherrschende Langsamkeit und Gemütlichkeit einlassen können. Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf den Kanälen sind acht Kilometer pro Stunde. Aber an vielen Stellen fordern Schilder die Kanalfahrer auf, die Geschwindigkeit noch weiter zu reduzieren, um Wellenschlag zu vermeiden. In den engen Kanalpassagen, unter Brücken, vor und hinter Schleusen, wird man ganz automatisch langsamer, ebenso bei Gegenverkehr. Ach, und dann muss man immer wieder warten. Zum Beispiel vor den Schleusen, bis man endlich an die Reihe kommt oder in den Schleusen, bis Charterbootkapitäne ihren Platz in der Schleuse gefunden haben. Drei, maximal vier Boote passen zusammen in eine Kammer. Da kann es dann recht eng zugehen.

Die allermeisten Schleusen bedienen die Bootsbesatzungen selbst. Man meldet sich zum Schleusen an, indem man beim Vorbeifahren an einer Leine zieht, die einige hundert Meter vor der Schleuse mittig über dem Kanal hängt. Dann heißt es warten, bis sich das Schleusentor öffnet und das Lichtsignal auf grün springt. In der Schleuse hebt oder dreht man einen Metallstab, der an der Kammerwand angebracht ist. Das Schleusentor schließt sich und der Schleusvorgang beginnt. Mittlerweile gibt es auch modernisierte Kanalabschnitte. Zu Beginn bzw. dem Ende dieser Abschnitte bekommen die Bootsbesatzungen eine Fernbedienung ausgehändigt, mit denen dann die Schleusen per Knopfdruck ausgelöst werden.
Im Durchschnitt kommt alle zwei bis drei Kilometer eine Schleuse, dazwischen mindestens eine Brücke oder eine andere Engstelle und natürlich Gegenverkehr. Man wartet sich sozusagen durch den Kanal.
Wer sich auf diese Langsamkeit einlässt, kann die Kanalfahrt bestens genießen. Von Schleuse zu Schleuse mit einem guten Buch und einem Glas Wein. Oder einfach nur sitzen und in die Landschaft dösen, bis es wieder heißt:
„Nächste Schleuse – wer hilft?“

Der Rhein-Marne-Kanal führt uns vom Moseltal „hinauf“ auf Lothringens Höhen bei Gondrexange. Über 75 Höhenmeter steigt der Kanal über die vielen kleinen Schleusen mit Hubhöhen zwischen zwei und drei Metern. Als der Kanal Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut wurde, waren aus technischen Gründen größere Hubhöhen kaum möglich. Erst 100 Jahre später hat sich die französische Regierung entschlossen, an einigen Stellen viele kleine Schleusen durch neuere Technik zu ersetzen. So zum Beispiel die Schachtschleuse bei Réchicourt. Von unten, also von Nancy kommend, weitet sich der Kanal zu einem kleinen See und hinter dem See scheint das Tal durch eine große Betonwand verschlossen. Die Lichtanlage verrät, dass es sich bei dieser Betonburg um eine Schleuse handeln muss. Das Hubtor öffnet sich nach oben und man darf in den dunkeln Betonschlund einfahren. Keiner von uns leidet an Platzangst, aber angesichts der über 16 Meter hohen Mauern beschleicht jeden von uns ein mulmiges Gefühl. Aufgrund der Höhe wirkt die Kammer eng. Es ist merklich kälter, da die Sonnenstrahlen nicht in den Grund des tiefen Schachts reichen und die grün veralgten, glitschigen Wände erscheinen noch veralgter und glitschiger als sonst. Eine schmale, endlos erscheinende Eisenleiter führt senkrecht nach oben, dem Himmel entgegen. Zwei Charterboote und wir werden in die vermeintlich enge Kammer gequetscht. Wir sind das letzte Schiff und haben Glück, dass wir wenigstens am Heck an einem mitlaufenden Poller festmachen können. Die Bugleine und eine Leine mittschiffs müssen wir immer wieder umsetzen. Motor aus und dann geht es los. Das einströmende Wasser drückt uns kräftig in und her, aber wir können die Colette einigermaßen halten. Anders die Crew des Charterbootes vor uns. Plötzlich steht ihr Schiff fast quer in der Kammer und dotzt mächtig mit Bug und Heck an den Betonwänden an. Der Schleusenwärter thront hoch über dem unteren Tor und hat den besten Blick in die Kammer. Ganz sicher hat er beobachtet, wie das junge Paar mit ihren zwei Kindern kämpfen. Aber er stoppt das einströmende Wasser nicht. Vielleicht hat er die Einströmgeschwindigkeit etwas reduziert. Je weiter wir nach oben kommen, desto ruhiger wird das Wasser und die vier können mit Mühe ihr Schiff wieder parallel zur Kammerwand ziehen.
Sechs kleine Schleusen haben wir mit dem 16 m hohen Hub eingespart.

17 Schleusen sparen wir am Schiffshebewerk in Arzviller. Bis wir aber in den „Schrägaufzug“ einfahren können, warten noch zwei weitere Highlights dieser Strecke auf uns: der Tunnel Niderviller mit 475 Meter und der Tunnel Arzviller mit 2306 Meter Länge.
Wir legen am späten Nachmittag in der beschaulichen kleinen Steganlage bei Altmuhl an, um hier zu übernachten. Wir wollen uns für die nächsten zwanzig Kanalkilometer bis Saverne genügend Zeit lassen und erst morgen Früh in den ersten Tunnel einfahren. Ich lege die Kanalkarte auf den Cockpittisch, damit alle schon mal darauf das technische Meisterwerk der französischen Kanalbaukunst bestaunen können. Ich kenne kein anderes Land in Europa, das so eindrucksvoll mit Kanälen erschlossen ist wie Frankreich. Und das erstaunlichste daran ist, dass die allermeisten der vielen tausend Kilometer Kanalstrecken bereits im vorletzten Jahrhundert gebaut wurden. Damals musste man sicherlich keine Umweltschutz- und Naturschutzauflagen einhalten, Arbeitskräfte waren billig und die Arbeitssicherheit interessierte womöglich auch niemand. Aber damals war ja alles mehr oder weniger Handarbeit! Hier und da unterstützt durch die ersten Dampfmaschinen bzw. Dampfzugmaschinen, aber die eigentliche Arbeit musste doch von Hand ausgeführt werden. Unmengen Tonnen von Erdmaterial wurden bewegt, Unmengen Tonnen von Felsen gesprengt und abgetragen und schließlich Unmengen Steine zu Mauern und Kanalwänden aufgesetzt, aus Beton, Holz und Stahl Spundwände errichtet, Schleusen und Hafenanlagen gebaut – unglaublich!

Die Strecke von Niderviller nach Saverne gilt als eine der beeindruckendsten Kanalabschnitte Frankreichs. Mit Recht. Der Blick auf die Karte zeigt, dass der Rhein-Marne-Kanal in Lothringen durch die nördlichen Ausläufer der Vogesen führt, also hier das Gebirge überquert. Zugegeben, in der Zaberner Senke sind die Höhenunterschiede nicht mehr so gravierend wie in den Vogesen weiter südlich. Trotzdem sind es 267 Höhenmeter, die der künstliche Wasserlauf überwinden muss! Wir sind gespannt.

Morgens um 7.00 Uhr legen wir ab und fahren vor den Tunnelmund. Noch steht die Ampel, die den Einbahnverkehr regelt, auf rot. Nicht lange, dann dürfen wir einfahren. Der in den roten Buntsandstein gesprengte und mit Buntsandsteinquadern gemauerte Tunnel nimmt uns auf. Unser Buglicht wirft einen kleinen Schein nach vorne. Viel zu wenig, um den Tunnel auszuleuchten. Aber das muss es auch nicht. Im Abstand von vielleicht 50 Metern sind unter Wasser am Kanalgrund Lichter eingelassen. So scheint es. In Wirklichkeit hängen die mattgelb leuchtenden Glühbirnen seitlich an der Tunneldecke. Aber im dunklen, komplett unbewegten Kanalwasser spiegeln sich die Lampen so klar, dass wir zwei Lichterreihen sehen: eine oben und eine unten. Was für ein irreales Bild. Da hat es sich gelohnt, dass wir heute die ersten sind, die den Tunnel befahren.
Es geht eng zu. Rechts und links ist ein halber Meter Platz zwischen Colette und Tunnelwand bzw. der Mauer für den Absatz der ehemaligen Treidelbahn. Die Strecke für die Treidelbahn selbst ist kaum breiter als der ehemalige Schienenstrang auf der einst eine kleine Elektrolokomotive die Lastkähne durch den Tunnel gezogen hat.
Im kurzen Tunnel Niderviller kann man sich schon gleich beim Einfahren am hellen Punkt des Tunnelausgangs orientieren. Trotzdem, beim Rudergänger ist Konzentration gefordert. Die anderen können entspannt das alte Mauerwerk bestaunen und in Mauerrissen und Spalten nach Fledermäusen suchen.

Beim knapp zweieinhalb Kilometer langen Tunnel von Arzviller ist beim Einfahren das Tunnelende nicht zu sehen. Vielleicht zu erahnen. Über 20 Minuten dauert unsere Tunnelfahrt. Wir haben schon längst Jacken übergezogen. Es ist kalt in dem sonnenlosen Schacht.
Nach dem Tunnel gibt es einige Anlegestellen. Wir machen fest und bestaunen zu Fuß die alte Schleusentreppe, die von den Binnenschiffern noch bis bis 1969 genutzt werden musste. Einen geschlagenen Tag benötigten die Schiffe für die 17 Schleusen. Aufgrund der engen Schleusenkammern, kurzen Abstände zwischen den Schleusen und den engen Kurvenradien des Kanals waren dabei kleinere Unfälle an der Tagesordnung. Heute braucht man keine 30 Minuten, um die 45 Höhenmeter zu überwinden. Ohne Mühe und Arbeit. Man muss nur in den großen Trog des Schiffshebewerks einfahren, festmachen und dann genießen.
Da wir immer noch früh am Tag unterwegs sind, müssen wir vor dem Hebewerk kaum warten. Nur ein kleines Frachtschiff, eine Peniche, wird vor uns nach unten befördert und ein Passagierschiff anschließend nach oben. Es bringt heute die ersten Touristen zum Hebewerk. Unzählige Kameras klicken, als wir in den 41,5 langen und 5,5 Meter breiten Trog einfahren. Und die Kameras surren weiter, als der 900 Tonnen schwere Koloss, von mächtigen Stahltrossen gehalten, auf großen Rollen schräg nach unten gleitet. Auf halber Strecke fahren die mächtigen Gegengewichte unter uns durch. Bei der Talfahrt hat der Wassertrog etwas mehr Wasser im Becken, sodass er minimal schwerer als das Gegengewicht ist, bei der Bergfahrt ist es umgekehrt. Dadurch reichen zwei 120 PS starke Elektromotoren für den Antrieb. Eine tolle Erfindung!

Das Elsass hat uns wieder. Über die schönen Städtchen Lutzelburg und Saverne geht es Straßburg entgegen. Nach drei Wochen, 850 Kilometern, 87 Schleusen und 111 Motorstunden mit verbrauchten 450 Litern Diesel erreichen wir wieder unseren Startpunkt.