Juli/August 2020
Strecke:
Von Lübeck nach Barhöft. Mit dem Ziel, über Polen zu den baltischen Staaten zu segeln. Motorschaden vor Stralsund zwingt zu einem siebenwöchigen Aufenthalt in Barhöft, um einen neuen Motor einbauen zu lassen. Testfahrt nach Bornholm, weiter zum einsamen Utklippan (Schweden). Wieder zurück nach Bornholm und über die polnische Küste zurück nach Rügen, Stralsund und Barhöft.
Unser Sommer in Barhöft
Der Törn ist bestens geplant, vorbereitet und durchorganisiert. Nach dem Abi von Lukas wollen wir (Lukas, Lucky, Wolfgang und zeitweise Friederike und Gäste) in drei bis vier Monaten um die Ostsee segeln. Von Lübeck soll es ostwärts gehen. An Rügen vorbei, entlang der polnischen Küste zu den baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland, weiter nach Finnland, durch die Aaland-Inseln und schließlich nach Norden hinauf bis nach Haparanta. Für den Rückweg haben wir dann die schwedische Ostküste vorgesehen, den schwedischen Schärengarten vor Stockholm und schließlich wollen wir über Dänemark zurück nach Lübeck.
Durch den ersten Corona-Lockdown kommt manches anders. Das Abi verschiebt sich um mehr als einen Monat. Wir könnten dadurch erst später los und hätten für die baltischen Staaten, die Aaland-Inseln und den Norden weniger Zeit. Also Planänderung. Während Lukas noch seine mündlichen Prüfungen macht und die coronabedingte Schmalspur-Abi-Abschlussfeier abwartet, starten Sönke und ich Mitte Juli von Lübeck in Richtung Osten. In zwei Wochen wollen wir in Danzig sein. Dort wollen dann Friederike und Lukas an Bord kommen, während Sönke mit dem Auto zurück in den Schwarzwald fährt.
Der Törn beginnt gut. Wir ankern in der Wohlenberger Wiek, Stoppen in Kühlungsborn und ankern wieder in der Prohner Wiek kurz vor Stralsund. Das Wetter ist prima, das Segeln macht Spaß, alles läuft super.

Bis zum Morgen des 21. Juli. Wir lichten kurz nach 10.00 Uhr den Anker in der Prohner Wiek und fahren unter Motor im engen Fahrwasser nach Stralsund. Plötzlich ungewohnte Motorgeräusche und ein heftiges Vibrieren im ganzen Schiff. Wir drosseln sofort die Drehzahl. Die Maschine geht aus und lässt sich nicht mehr Starten. Für Augenblicke sind wir manövrierunfähig. Schnell setzen wir die Genua und retten uns aus dem viel befahrenen Fahrwasser. Wir ankern neben der Tonne 46 mit Sicht auf Stralsund. Unsere Versuche, den Motor wieder zum Laufen zu bringen, sind vergeblich. Bei dem engen, für uns unbekannten Fahrwasser und den drehenden Windverhältnissen trauen wir uns nicht, in den Hafen von Stralsund zu segeln. Wir überlegen hin und her und beschließen letztendlich, die Seenotretter zu rufen.
„Bremen Rescue, Bremen Rescue…“, ein merkwürdiges Gefühl, die Zentrale für Seenotrettung in Bremen zu alarmieren. Uns geht es gut, wir liegen sicher vor Anker, sind überhaupt kein Notfall, kommen nur nicht mehr weg.
Bremen Rescue beruhigt uns. Wir hätten alles richtig gemacht. Genau dafür seien sie auch zuständig. Lieber so, als ein Notfall. „In 20 Minuten kommen die Kollegen aus Stralsund und schleppen Sie ab.“
Der kleine Seenotkreuzer kommt, die Crew ist sehr freundlich und kompetent. Eine Stunde später liegen wir sicher vertäut an der Kaimauer von Stralsund und sind auch noch mit Telefonnummern von Schiffstechnikern versorgt worden.
Am späten Nachmittag kommen die Experten an Bord und betrachten sich unsere Maschine. Die Mienen sind düster und der abgeschraubte Zylinderkopfdeckel bestätigt die schlimmste Vermutung: Totalschaden! Zwei Zylinder sind völlig hinüber, der dritte hat erste Schäden, nur der vierte sieht immerhin noch wie ein Zylinder aus. Eine Reparatur ist ausgeschlossen. Der Schock sitzt tief. Eine neue Maschine ist die einzig sinnvolle Lösung. Das hat aber unser Reisebudget nicht vorgesehen. Fragen tun sich auf: was für einen Motor wählen? Wo und wie einbauen lassen? Wie finanzieren? Ich brauche Bedenkzeit und einige Telefonate.

Einige Tage später scheint alles geklärt. Im Stralsunder Hafen ist ein Motorenwechsel schlecht durchzuführen. Wir sollen auch in den nächsten Tagen unseren Platz an der Kaimauer freimachen, der eigentlich nicht für kleine Yachten vorgesehen ist (Havaristen ausgenommen). Das junge Team der freundlichen Schiffstechniker könnten den Einbau der neuen Maschine in Barhöft durchführen. Sie empfehlen einen 57 PS starken Yanmar Motor. Seine Maße scheinen am besten für unseren engen Maschinenraum geeignet zu sein. Wie allerdings der Motor dort hinein kommen kann, ist noch unklar. Bis in zwei Wochen könnte der Motor geliefert sein. Und die Finanzierung? Freunde helfen auf die Schnelle aus.
Wir müssen von Stralsund drei Stunden zurück nach Barhöft. Wieder durch das enge Fahrwasser. Ich frage die Crew des Rettungskreuzers, ob sie in den nächsten Tagen eine Schleppübung nach Barhöft machen wollen. Sie wollen und ich bin mehr als dankbar. Sicher und günstig wird Colette nach Barhöft geschleppt. Wir bekommen den Platz für Havaristen, längsseits an der Kaimauer, direkt neben der Tankstelle.
Barhöft ist eine kleine, beschauliche Marina. Die neue Steganlage wird von vielen Seglern gerne genutzt, da der Hafen sehr günstig an der Einfahrt zum Kubitzer Bodden und Strälasund bzw. zum Grabowschen Bodden Richtung Zingst und Darss liegt. Außer einem kleinen Lädchen, der Proviantkiste, einem Fischer, der jeden Tag frische oder geräucherte Schollen verkauft und Kilometer lange Wanderwege durch den Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaften hat Barhöft allerdings nichts zu bieten. Doch, Myriaden von hungrigen und stechwütigen Stechmücken!
Wir, Lucky und ich, werden dieses „Nichts“ in den nächsten Wochen intensiv kennen lernen. Zuerst verabschiedet sich Sönke. Um hier auf den neuen Motor zu warten, dafür sind ihm seine Urlaubstage zu wertvoll. Sehr verständlich. Für eine Woche sind Lucky und ich alleine. Wir machen lange Wanderungen und bestaunen Seeadler, Rotmilane, Wanderfalken, große Trupps von Kormoranen, Silbermöwen, Lachmöwen, Mantelmöwen, Schwänen.
Dann kommen Friederike, Lukas und Chris, ein guter Freund aus Studientagen, ein Mitsegler und vor allem auch ein Mitbastler. In den nächsten Tagen soll ja der Motor geliefert werden…
In den nächsten Tagen? Daraus wir nichts. Die Woche verstreicht. Lieferprobleme – vielleicht wegen Corona. Zum Glück haben wir jetzt das Auto hier und können so größere Erkundungskreise ziehen und auch einkaufen. Der August ist herrlich warm, fast heiß. Wir baden häufig im flachen Brackwasser des Bodden. Allerdings nur, bis eine behördliche Badewarnung ausgesprochen wird: die Konzentration an giftigen Blaualgen ist aufgrund des warmen Wassern extrem angestiegen!
Wir nutzen die Zeit, um alle Winschen zu putzen und zu fetten, das Dingi zu kleben, die Dingischutzplane zu nähen und sonstige kleinere Reparaturen durchzuführen. Den alten Peugeot-Motor haben wir auch schon zerlegt und alles, was ohne Kran aus dem Schiff zu schaffen war, zum Abtransport bereit gelegt. Mehr gibt es erst mal nichts zu tun. Nur zu warten.
Das Warten wird zäh. Die nächste Woche verstreicht. Der Motor ist noch nicht geliefert. Nach vierzehn Tagen reist Chris ab. Wir warten weiter. Vielleicht, nein ganz sicher kommt die Maschine nächste Woche. Aus Hoffnung wird nach einer Woche Enttäuschung. Wieder nichts. Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt. Aber es geht noch tiefer. Noch eine Woche warten.
Dann endlich. Der neue Motor ist da. Drei Mann und ein kleiner Manitou-Radlader rücken an. Eigentlich sind es vier Mann, denn Lukas hilft bei allen Arbeiten vollwertig mit. Das Techniker-Team würde ihn sofort als Auszubildenden übernehmen. Er ist in seinem Element.
Zuerst müssen wir den Boden des Cockpits heraustrennen. Nur so gelangt der Flaschenzug in den Motorraum unter dem Cockpit. Der alte Motorblock ist schnell und einfach herausgehoben. Schließlich sind hier ja alle Anbauteile schon entfernt. Das Einsetzen des neuen Motors ist dagegen langwierige Millimeterarbeit. Vorsichtig werden die 240 Kilo über die Bordwand, dann unter das Cockpitdach und schließlich in den Motorraum gehievt. Dort bleibt er erst einmal hängen und wird provisorisch unterlegt. Erwartungsgemäß passen die alten Motorfüße nicht. Neue müssen angepasst und entsprechend geschweißt werden. Auch der Übergang vom Getriebe zur Welle braucht einen neuen Flansch – und irgendwie scheint irgendetwas nicht zu stimmen. Zwei Tage später, der neue Motor sitzt auf seinen neuen Füßen, kommt die Lösung: wir haben den falschen Motor geliefert bekommen!
Zum Glück muss er nicht nochmals herausgenommen werden. Die nötigen Umbauten (andere Lichtmaschine, Anschluss Welle und Füße) lassen sich im Motorraum durchführen. Aber noch etwas muss geändert werden: der neue Motor braucht ein größeres Auspuffsystem. Also muss die alte Auspuffanlage ausgebaut und neue, größere, dickere Auspuffschläuche und Wassersammler eingebaut werden. Natürlich stimmen jetzt alle Anschlüsse und Borddurchgänge nicht mehr. Zwei zusätzliche Tage Arbeit sind nötig.
Insgesamt dauern die Arbeiten über ein Woche. Der August und auch das schöne Wetter sind vorbei, als wir die erste Probefahrt machen dürfen. Alle Techniker sind mit an Bord. Der Yanmar läuft ruhig und rund. Alles scheint zu passen. Scheint.
„Für die Geschwindigkeit von 6 Knoten dreht der Motor viel zu hoch!“
Ratlose Gesichter. Am Motor liegt es nicht. Die alte Schraube passt wohl nicht zur neuen Maschine.
„Die Schraube sollten wir uns mal ansehen und vermessen.“
Ok. Und wie?
Zwei Tage später hängt Colette in Barth am Travellift und wir haben Klarheit: der Propeller ist zu klein. War er wohl schon für den alten Motor. Allerdings lässt sich auf die Schnelle kein passende Schraube beschaffen. Unser Finanztopf ist außerdem mehr als leer. Wir beschließen, die Schraubenfrage auf das nächste Jahr zu verlegen.
Glücklich, endlich, nach sieben Wochen Zwangspause mit der neuen Maschine wieder los segeln zu können, nehmen wir Kurs auf Bornholm. Wir haben einen neuen Motor, dafür kein Geld mehr und unser Plan, in diesem Sommer einmal um die Ostsee zu segeln, ist in Barhöft hängen geblieben. Von Bornholm machen wir noch einen Abstecher nach Utklippan (Schweden), dann geht es über die polnische Küste zurück nach Stralsund und Barhöft. Hier verlässt uns Friederike und unser Motor bekommt seinen ersten Check. Alles in Ordnung!
Der Sommer in Barhöft wird uns in Erinnerung bleiben. Warten, die Stehmücken, der flache Strand und die Blaualgen, Sven, der coole Hafenmeister, die Sommerhitze, lange Spaziergänge, Schollen, frisch und geräuchert, Hafenkino, auslaufender Diesel beim Einsatzschiff der EnBW und nächtlicher Feuerwehreinsatz, Angler in Tarnanzügen und schnellen Schlauchbooten, im Bodden festsitzende Yachten und den Einsatz der Seenotretter, Seeadler, die Bockwurst aus der Proviantkiste, Trabitreffen, gelangweilte Polizisten, Erste Hilfe Einsatz bei einem Segler, der sich einen Karabinerhaken durch die Hand gestoßen hat, endloses Warten, warmes Bier, Spieleabende unter dem Moskitonetz, die ersten Kraniche, warten…






















