Nach über 10 Stunden Segeln lassen wir in der Prohner Wiek gegen 18.00 Uhr den Anker fallen. Zeit, um mit Lucky ein paar Schritte an Land zu gehen. Die Prohner Wiek ist ringsum von einem breiten Schilfgürtel umgeben, der zum Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft gehört und nicht befahren bzw. begangen werden darf. Als gute Naturschützer wollen wir uns daran halten und fahren deshalb mit dem Dingi im markierten Fahrwasser zum Prohner Sportboothafen, so wie wir das aus der Karte entnommen haben.
Die kleinen, kabbeligen Wellen spritzen ab und an ins Dingi, aber bei Sonnenschein und angenehmen 17° C fahren wir wohlgemut dem kleinen Hafen entgegen. Schon von weitem werden wir von zwei älteren Herren, die in der Sonne vor einem der Hafengebäude sitzen, mit dem Fernglas beobachtet. Ganz langsam tuckern wir an den kleinen Motorbooten entlang zu einem freien Abschnitt am Steg, um dort das Dingi festzumachen.
Die zwei älteren Herren haben sich zwischenzeitlich aus ihren Sitzen gequält und kommen auf uns zu. Voraus der korpulentere mit rotem Gesicht, breitbeinig, wichtig. Der kleinere, hagere trippelt hinterher. Der korpulentere baut sich in gebührendem Corona-Abstand, den auch unser großer, schwarzer Hund verursacht haben könnte, vor uns auf.
„Seid ihr Mitglieder?“, schnarrt er unfreundlich zu uns herüber.
Noch bevor ich, mir keiner Mitgliedschaft bewusst, seine Frage verneinen kann, bäfft er weiter:
„Also! Hier dürfen nur Mitglieder anlegen!“ Und seine staatssichere Geste mit ausgestrecktem Arm machen uns unmissverständlich die Richtung und sein Ansinnen klar. Wir sind hier unerwünscht, und sollen sofort umkehren! Gehen!
Irritiert zeige ich hinaus auf die Bucht zu unserem Schiff und dann auf Lucky:
„Wir wollten nur kurz mit dem Hund an…“
„Nein!“, fällt er mir barsch ins Wort. „Hier nicht!“
„Wo sonst…?“, versuche ich nochmals vorsichtig.
„Nicht mein Problem. Hier nicht!“ bäfft er wieder und beantwortet meine Frage mit abweisendem Achselzucken.
„Hier darf kein Fremder anlegen. Und wir haben auch noch Corona!“
Der hagere stottert einen Halbsatz mit „Strand“ und zeigt Richtung Schilf.
Resignierend beugen wir uns so viel ignoranter Unfreundlichkeit und tuckern wieder aus dem Hafen.
Zurück auf der Colette schauen wir im Internet nach und lesen: Angelverein „Am Schwedenstrom e.V.“ in Prohn/Klein Damnitz. Jetzt muss ich aufpassen, dass nicht die Vorurteile mit mir durchgehen. Angler! Vorweg, es möge zigtausend freundliche, im Verein organisierte deutsche Angler geben. Aber ich kenne leider keinen davon. Und wie in einem Film ziehen meine Erlebnisse mit vereinsorganisierten deutschen Anglern an mir vorüber. Als ich als kleiner Junge vom Angleraufseher bei uns am Fluss angeschnauzt wurde, weil ich nach dem Hochwasser Fische – die Fische des Anglervereins – aus großen Wasserlachen auf der Wiese befreite und in den Fluss zurücksetzte. Oder, als mir als Jugendlicher ein Angler seine Angelschnur mit dem dreigezackten Blinker hinterher warf, nur weil ich nach seinem Gutdünken mit meinem Kanu zu nahe an seinem Angelplatz vorbei kam. Oder die zwei Angler, die uns 15-Jährige mit unserem Kanu und Zelt vom Flussufer vertrieben, weil das nun eben ihr Revier sei. Als Kanufahrer könnte ich jetzt noch einige Begegnungen mehr ergänzen. Ich habe versucht, sie alle zu vergessen. Habe mich bemüht, zu allen Anglern freundlich zu sein. Ob vom Kanu oder später von der Colette aus, immer habe ich alle am Ufer stehenden Angler freundlichst gegrüßt, aber hier in Deutschland nie eine Erwiderung bekommen.
Jetzt, mit dem Erlebnis in Prohn, brechen wieder alte Wunden in mir auf. Und meine Vermutungen, dass vereinsorganisierte Angler in Deutschland von Natur aus unfreundlich sind, an Bluthochdruck leiden und viel Frust an ihren nicht im Angelverein organisierten Mitmenschen los werden müssen, bekommen neue Nahrung. Liegt es am Deutsch sein, am Vereinsorganisiert sein oder am vielleicht wenig erfolgreichen Angeln? Ich weiß es nicht. Die Kombination der drei genannten Eigenschaften scheint aber für Unfreundlichkeit und Abschottung prädestiniert zu sein. Bei dem korpulenten, rotgesichtigen Hafenaufseher vom Angelverein „Am Schwedenstrom e.V.“ mögen noch andere Lebensumstände und einschlägige Lebenserfahrungen seinen unfreundlichen Charakter geprägt haben. Es scheint mir, als habe er es in seinem Leben auch nicht immer leicht gehabt, um jetzt, im vorgerückten Alter immer noch so wichtig sein zu müssen.
Für einen Moment überlege ich mir im Dingi, ob wir zurückfahren sollen und ich den beiden Herren folgenden Vorschlag machen soll:
„Wir legen jetzt nochmal an und Sie kommen freundlich auf uns zu und helfen uns beim Anlegen. Dann fragen Sie uns in bester Seemannschaft freundlich, wo wir denn mit unserem Segelschiff herkämen, ob wir über Nacht hier vor Anker bleiben wollten und ob sie uns bei irgendetwas behilflich sein könnten. Schließlich würden sie uns freundlich erklären, dass es sich bei diesem Hafen um einen privaten Vereinshafen handeln würde, an dem nur Mitglieder anlegen dürften. Aber in Ausnahmen oder bei Notfällen sei ihr hübscher, kleiner Hafen selbstverständlich für alle offen. Und schließlich würden sie uns den Weg erklären, damit wir für ein paar Minuten mit dem Hund Gassi gehen könnten. Solange würde das Dingi hier am Steg ganz sicher niemanden stören.“
Diese Gedanken hatte ich. Aber nur für einen Moment. Es gibt einfach Dinge, die sind tief verwurzelt, unverrückbar, unumstößlich und unveränderlich. Mit dieser Einsicht sind wir weiter getuckert und haben den kleinen Strand zwischen dem Schilf gesucht. Das Anlanden dort war schwierig, da das Wasser schon auf über hundert Meter zu flach für unser Dingi war. Am Ufer picknickte eine türkische Großfamilie, die uns freundlich begrüßte. Was für nette Leute!