Um Šibenik

Nach einer Woche in der Bucht von Kaprije wird es Zeit, dass wir wieder weiter ziehen. Der Montagmorgen beginnt allerdings nicht so ganz perfekt. Beim Kochen des Kaffeewassers geht uns das Gas aus. Die große Gasflasche in unserer Tonne, die außenbords am Heck hängt, ist leer. Wir haben immer eine kleine Gasflasche als Ersatz dabei, allerdings muss man dazu den Deckel der Tonne, der mit einem kleinen Vorhängeschloss gesichert ist, abnehmen. Das Vorhängeschloss ist aber mittlerweile so verrostet, dass es sich nicht öffnen lässt. Selbst WD 40 (ein guter Rostlöser) hilft erst mal nicht. Also brechen wir ohne Kaffee auf.

Dann das nächste Problem. Beim Anker einholen verheddert sich mal wieder die Ankerkette in der Ankerwinde. Der Anker bleibt knapp oberhalb der Wasserlinie hängen. Also starten wir erst mal mit hängendem Anker. Das lässt sich aber zum Glück dann doch schnell beheben.

Und zu guter Letzt das dritte Missgeschick: Unterwegs, wir können mit Rückenwind segeln, wollen wir den Fäkalientank leeren. Aber die Pumpe schafft mal wieder nichts nach außen. Ich zerlege sie wieder einmal – ohne Erfolg. Ich zerlege sie ein zweites Mal – wieder ohne Erfolg. Also bleibt erst mal alles im Fäkalientank. Noch ist ein bisschen Platz darin.

Unser nächstes Ziel ist das Dörfchen Prvić Luka auf der Insel Prvić. Dort soll es ein Bojenfeld vor dem kleinen Hafen geben. Als wir in der Bucht ankommen, müssen wir feststellen, dass die Bojen schon abgebaut und winterfest verstaut worden sind. Also ankern wir und hoffen, dass sich unser Anker nicht in einem der großen Betonsockel oder den dicken Ketten am Meeresgrund, an denen die Bojen befestigt werden, verfängt. Er tut es nicht und die Ankerwinde arbeitet störungsfrei. Bestens. Also alles wieder im Lot?

Ich nütze die Glückssträhne und kümmere mich um das Vorhängeschloss. Mit Mühe lässt es sich öffnen, allerdings bricht dabei der Bügel am Schloss ab und das Schlösschen ist futsch. Auch nicht schlimm, dafür lässt sich die kleine Gasflasche problemlos anschließen und wir können wieder kochen. Perfekt.

Jetzt noch der Fäkalientank. Ob sich die Pumpe für den Fäkalientank der positiven Entwicklung anschließen will? Obwohl im Hafenbecken liegend, schalte ich sie, meinem Bauchgefühl folgend, ein und siehe da, mit einem Mal tut sie erfolgreich ihre Arbeit! Ich schalte sie sofort wieder aus, das Abpumpen muss warten, bis wir wieder außerhalb der Buchten unterwegs sind. In der Hoffnung, dass sie dann immer noch arbeiten will.

Prvić Luka scheint uns zu liegen. Wir gehen an Land und machen mit Lucky einen Rundgang durch das kleine Dörfchen und die angrenzenden Olivenhaine. In der Nachsaison gehört die Insel wieder ganz den Einheimischen und das scheinen sie zu genießen. Überall treffen wir auf freundliche, lachende Menschen, überall wird irgendwas gewerkelt: Boote repariert, geangelt, Häuser gebaut, Oliven geerntet, Gärten gerichtet… Und dabei scheint man unendlich viel Zeit zu haben. Keine Bewegung verrät Hektik, nichts muss schnell gehen, ein Schwätzchen hier, ein Schwätzchen dort, was für ein entspanntes Inselleben.

Der freundliche Hafenmeister erklärt uns, dass er leider auch für das Ankern eine kleine Gebühr berechnen muss. Er macht uns einen sehr guten Preis und die erste Nacht ist sogar frei. Wir zahlen diese Gebühr gerne, schließlich können wir hier auch unseren Müll entsorgen, duschen, und Wasser tanken. Stressfrei versteht sich.

Wir bleiben drei Nächte in Prvić Luka. Tagsüber sind wir unterwegs. Auf einer langen Wanderung durchqueren wir die ganze Insel: Der Weg führt uns quer durch wunderschöne Olivenhaine, vorbei an Parzellen mit Weinstöcken, durch lichte Pinienwälder, über karge Felskuppen, an alten Häusern, Wehranlagen und Bildstöcken mit Heiligen vorbei und selbstverständlich sind, wie fast überall in Kroatien, die endlos erscheinenden Steinmauern unsere ständigen Begleiter.

Die Insel Prvić hat noch ein zweites Dörfchen, Šepurine, in das uns unsere Wanderung auch führt. Es ist etwas größer als Luka und hat uns fast noch besser gefallen. An den kleinen Hafen für die kleinen Fischerboote schließt unterhalb der Dorfkirche der zentrale Platz an. Hier steht mit dem Feuerwehreinsatzwagen das einzige Auto der Insel. Die Dörfler fahren mit dem Fahrrad oder kleinen Schleppern und bringen ihre Oliven zur Dorfpresse, und selbstverständlich ist dort eine kleine Bar, in der das Dorfleben zusammenkommt. Alle kennen sich, werfen sich Grüße zu, Witze gehen hin und her, Lachen, gespieltes Protestieren, Schulter klopfen. Ein Gläschen Weißwein um die Mittagszeit scheint gut mit dem Zehnuhrbier zu harmonieren und ein Tässchen Espresso passt sowieso immer… Die ansteckende Art und Weise der Dörfler, den herbstlich warmen Sonnentag zeitlos zu genießen, wird nur noch von den Dorfkatzen übertroffen, die an warmen Mauerplätzen in der Sonne dösen.

Die eigentliche Berühmtheit von Prvić ist aber Faust Vrančić. Der Philosoph, Übersetzer, Dichter und Erfinder aus dem 16. Jahrhundert (1551 – 1617) hat auf der keinen Insel seine Kindheit verbracht und sich, nach vielen europäischen Stationen seines wissenschaftlichen Lebens, auch hier in der Dorfkirche in Luka beerdigen lassen. In Prvić Luka haben sie ein kleines, aber feines Museum eingerichtet, das den Lebensweg und die Werke von Faust Vrančić beschreibt. Schnell wird deutlich, dass der Universalgelehrte seiner Zeit weit voraus war. Er hat den Fallschirm, Brückenkonstruktionen, Mahlwerke und Windmühlen erfunden, die erst z. T. Jahrhunderte später statisch berechnet und technisch umgesetzt werden konnten, festgehalten in seinem Werk „Machinae novae“. Nebenbei hat er bemerkenswerte philosophische Abhandlungen geschrieben und 1595 das erste fünfsprachige Wörterbuch (kroatisch-italienisch-deutsch-ungarisch-lateinisch) herausgebracht. Fast täglich bringt die Fähre von Šibenik Schulkassen und andere interessierte Gruppen ins Museum. Kroatien ist stolz auf ihren Faust Vrančić. Mit Recht.

Unser nächstes Ziel ist Šibenik. Für die fünf Seemeilen lohnt es sich nicht, die Segel zu setzen. Zum einen haben wir kaum Wind und zum anderen ist es im schmalen Kanal von Sv. Ante zwischen der Adriaküste und dem „Binnenmeer“ vor Šibenik ratsam, stets gut manövrierfähig zu sein. Trutzig blickt die Festungsanlage Sveti Nikola bei der Einfahrt in den Kanal auf uns herab und wir können uns gut vorstellen, dass es kaum möglich war, Šibenik vom Meer her anzugreifen geschweige denn einzunehmen. Wie eng es zwischen den Felsenwänden hindurchgeht. Für uns ist das kein Problem. Aber nach Šibenik fuhren und fahren auch große Schiffe – im Begegnungsverkehr zu eng, so dass eine Signalanlage an den Eingängen des Kanals anzeigt, ob gerade etwas Großes entgegen kommt.

An der langen Kaimauer vor der Altstadt von Šibenik haben jetzt in der Nachsaison nur sehr wenige Segelboote oder Motorboote angelegt. Es hätte also reichlich Platz, dass wir uns längsseits an die Kaimauer legen könnten. Da wir aber nicht nur einen kurzen Besuch in der Stadt machen, sondern ein oder gar zwei Tage bleiben wollen, möchte der Marinero, dass wir, wie im Mittelmeer zumeist üblich, mit dem Heck oder Bug voraus und mit Hilfe der Muringleinen festmachen. Bei dieser platzsparenden Anlegeart werden in aller Regel vom Heck aus zwei Festmacherleinen an der Kaimauer oder am Steg festgemacht, während der Bug mit der Muringleine festgezurrt wird. Die Muringleine ist dazu etwa zwei Bootslängen von der Kaimauer entfernt am Meeresgrund an einer Kette oder Betonplatte verankert und wird parallel zum einparkenden Boot zur Kaimauer geführt. Da wir schon mit dem Bug zur Kaimauer stehen, beschließen wir, mit dem Bug voraus festzumachen. Schnell sind die Bugleinen an der Kaimauer fixiert und ich schnappe mir die Muringleine, um sie an der Heckklampe zu belegen. Da uns der Seitenwind leicht zur Seite drückt, versucht Friederike uns derweil mir sanfter Rückwärtsgeschwindigkeit senkrecht zur Kaimauer zu halten. Und plötzlich ist es passiert. Ohne Vorwarnung zieht es mir fast die Muringleine aus den Händen und der Motor stirbt ab.

Die lange Muringleine hat sich um unsere Schraube gewickelt! Der Marinero macht ein betroffenes Gesicht, weiß uns aber keinen Rat und geht. Er habe Schichtwechsel. Ich hole tief Luft und tauche. Die Muringleine sitzt mit vielen Windungen fest um die Schraube und zu allem Überfluss hat sie sich auch noch mit einer großen Schlaufe um das Ruderblatt gezogen. So viel ich auch zerre und ziehe, die Leine bewegt sich keinen Millimeter.

Wir müssen die Muringleine an der Kaimauer lösen. Erst dann kann ich Wicklung für Wicklung die Muringleine von der Schraube und Welle abwickeln und schließlich auch die Schlinge vom Ruderblatt abziehen. Nach 20 Minuten Arbeit im trüben Hafenwasser ist Colette wieder frei und Motor und Schraube arbeiten einwandfrei.

Jetzt kommt auch der Schichtwechsel. Ein junger, freundlicher Marinero, der uns anbietet, an einer anderen Stelle an der Kaimauer längsseits anzulegen, da es hier sehr unruhig ist und wir ständig durch den Schwell vorbeifahrender Boote auf- und abtanzen. Der neue Platz hat sogar einen Stromanschluss. Also, geht doch. Wir wechseln hinüber. Dort fragen wir den Marinero, wo wir in Šibenik unsere große italienische Gasflasche füllen lassen könnten. Drei Kilometer entfernt. Er macht das für uns. Er nimmt die Gasflasche auf seinem Roller zwischen die Beine und braust davon, um kurze Zeit später die volle Gasflasche wieder bei uns abzustellen. Lieferservice kostenlos. Diese Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit ist uns mindestens einen Blutwurz aus der Seebacher Deckermühle wert. Freudig bedankt er sich für das kleine Fläschchen.

Zwei Nächte bleiben wir in Šibenik. Das heißt, wir haben genügend Zeit, um Wäsche zu waschen, auf dem Markt regionales Gemüse und einen feinen, gerauchten Käse einzukaufen und durch die geschichtsträchtige Stadt zu bummeln. Šibenik braucht keine Fußgängerzone, denn die mittelalterlichen Gassen und Treppen, die durch das verwinkelte Städtchen führen, sind viel zu eng für Autos. Selbst ein kleiner Fiat würde hier nicht durchpassen. Der Šibeniker geht zu Fuß oder fährt Rad, Roller oder Motorrad. Kein Krieg hat die Stadt wirklich zerstören können; Einschusslöcher an der Tür des Doms sind aber noch vom kroatischen Unabhängigkeitskrieg 1991 zu erkennen. Schlimmer waren da verheerende Feuersbrünste. Aber die Stadt hat ihre historischen Bauwerke, Kirchen, Paläste, Bürger- und Bauernhäuser nicht zuletzt mit einer Verordnung, dass in der Kernstadt nur mit Stein und nicht mehr mit Holz gebaut werden darf, durch die Jahrhunderte retten können und mit Recht gehören heute Teile davon wie der beeindruckende Dom Sv. Jakov zum Weltkulturerbe der UNESCO. In über 100 Jahren Baugeschichte wurde er zwischen 1431 und 1536 im Stil der Blumengotik gebaut. Berühmt ist er dafür, dass er gänzlich aus Stein gefertigt wurde – selbst das Dach ist aus tonnenschweren Steinplatten konstruiert. Und die sehr ausdrucksstarken 71 Friese an der Außenwand sind auf andere Art und Weise beeindruckend.

Trotz der engen Gassen und alten Gebäude ist Šibenik kein Museum. Die Stadt lebt. Es wird gebaut und renoviert und florierende Geschäfte, Restaurants, Cafés und Bars, Museen, Kinos und Theater zeugen vom Reichtum der Stadt und der Zufriedenheit ihrer Bürgerinnen und Bürger. Vielleicht brüstet sich die Stadt aus gutem Grund, am Mittelmeer eine der besten Städte zu sein, um angenehm Leben zu können.

Hinter Šibenik setzt sich der enge Meereseinschnitt tief ins Landesinnere fort. Eigentlich hat sich da nicht das Meer in das Festland eingeschnitten, sondern der Fluss Krka im Laufe der Jahrtausende seinen Weg durch das kalkige Küstengebirge gebahnt, um hier in die Adria zu münden. Wir folgen dem tief eingeschnittenen Flussbett bis hinauf nach Skradin. Ab hier ist der Fluss für die Schifffahrt gesperrt. Hier beginnt der Krka-Nationalpark mit den berühmten Krka-Wasserfällen. Berühmt heißt auch teuer. Nicht nur der Eintritt in den Nationalpark oder der Besuch der Wasserfälle kostet Geld, sondern viel zu teuer ist vor allen Dingen das Anlegen in der Marina in Skradin. Da wir schon vor einigen Jahren den Nationalpark und die Wasserfälle besucht haben, wenden wir unsere Colette vor der Anlegestelle in Skradin und fahren eine knappe Seemeile zurück zu einer kleinen, ruhigen Bucht, wo wir, umgeben von hübschen Olivenhainen, ankern können. Der Wetterbericht verkündet, dass draußen auf der Adria ein kräftiger Südostwind Wellen von über einem Meter aufbauen würde. Hier in unserer Bucht, tief im Landesinneren, ist davon nichts zu spüren. Es ist windstill und das Wasser spiegelglatt. Warm ist das Wasser aber nicht. Fluss- und Quellwasser sorgen für Abkühlung. Die Einheimischen nutzen die ruhigen Herbsttage zum Angeln und Oliven ernten, während hier und da noch ein Segelboot flußauf- oder abwärts fährt…

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Antje Eccarius

    Wunderschöne Bilder, ihr macht das richtig, genießt das mediterrane Leben außerhalb der Besucherströme und -Massen.
    Liebe Grüße aus dem Schwarzwald von Antje und Zeyad. Wir sind inzwischen in die Rheinebene umgezogen und planen unsere Auszeit in den ersten drei Monaten des Jahres. Das Leben ist zu kurz, geniesst es – JETZT! Viel Spass weiterhin.

  2. Thomas

    Das klingt alles nach sehr entspannten und wunderschönen Tagen. Freut mich für euch.

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