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Unsere Colette schrumpft

Wenn ich mich recht erinnere, so hatte ich schon auf Ibiza und Mallorca für Momente die erste Ahnung, oder besser, ein unbestimmtes Gefühl, dass sich unsere Colette irgendwie verändert. Ich habe damals diesem Eindruck keine weitere Beachtung geschenkt. Aber jetzt, nachdem wir in Malta, und dort insbesondere in Valletta, in Syrakus auf Sizilien und in Bari im Süden Italiens waren und vor allem seit wir in der Gegend von Dubrovnik in Kroatien unterwegs sind, habe ich die absolute Gewissheit: unsere Colette schrumpft!

Jetzt werden mir die gescheiten Leute gleich zurufen, wie soll das gehen, dass ein Stahlschiff schrumpft. Nimm doch ein Maßband und miss nach. In der Wärme wird es höchstens um zehntels Millimeter länger. Mag alles sein und stimmen. Tatsache bleibt für mich, unsere Colette schrumpft.

In Freistett am Rhein, wo wir unsere Colette kauften, hatte der Rumpf 12,80 Meter Länge und die gemessene Länge über alles, also mit Bugkorb und Badeplattform, betrug 13,69 Meter. Die Colette lag in Freistett im Hafen als stattliches Segelschiff, wie es dort kein zweites gab. Diese Größe hat unser Schiff auch über den Rhein und die Kanäle in die Ostsee mitgenommen. Und nachdem wir es dort mit Radar, Autopilot und AIS hochseetüchtig ausgestattet, mit Windrad und Solarpanel Energie-unabhängig gemacht und am Heck noch eine Windsteueranlage montiert hatten, wuchs unsere Colette noch beachtlich an Größe. Gemessen waren es nun 14 Meter und damit war sie das perfekte Segelschiff für die Ostsee, ein großes, gutes Segelschiff für die Nordsee, den Ärmelkanal, die Biskaya und die gesamte portugiesische und spanische Küste hinunter bis nach Gibraltar. Die Colette war in all diesen Gewässern eine von vielen Segelyachten mit der idealen Größe, um alle Weltmeere erobern zu können.

Und nun? Nun sind wir im Mittelmeer und hier scheinen andere Maßstäbe zu gelten. Das Maßband zeigt, dass unsere Colette von Bugkorb bis zur Windsteueranlage immer noch 14 Meter und der Mast ebenfalls immer noch 18 Meter hoch ist. Und doch wird sie hier von Hafen zu Hafen, von Ankerbucht zu Ankerbucht kleiner. Ihr Mast reicht den Masten anderer Segelyachten kaum zur zweiten Saling und ihre Länge lässt sie im Vergleich zu anderen Yachten wie eine Jolle erscheinen. Selbst die Beiboote der großen Motoryachten sind größer. Die Megayachten selbst haben Längen von 40 bis 50 Meter, das sind die kleinen, bis weit über 100 Meter, die längste bis 180 Meter, Hubschrauberlandeplatz und Hubschrauber, Swimmingpool, Innenhafen für Jetskis und U-Boot natürlich inbegriffen. Und dass diese Riesenschiffe mehrere Salons, mehrere Bars, Fitnessräume und Suiten haben, Weinkeller und andere große Vorratsräume mit Kühlschränken und Gefriertruhen unterhalten und alle Decks natürlich voll klimatisiert und nachts rundum beleuchtet sind, ist ja selbstverständlich. Der Energiehunger dieser Schiffe ist damit gigantisch und da das Design der Megayachten weder Windräder noch Solarpanels zulässt, läuft der Dieselgenerator dieser Schiffe rund um die Uhr. Ach, und wenn sich diese Ungetüme dann auch noch mit 20 Knoten durch das Mittelmeer schieben, verbrauchen ihre Dieselmotoren in wenigen Minuten mehr als unsere kleine Colette in einem Jahr verfahren kann.

Neben diesen riesigen Luxusschiffen, die von mindestens 10- bis 15köpfigen Crews tagtäglich betreut, gefeudelt und poliert werden, verkommt unsere Colette, unser stattliches Schiff der Ostsee, der Nordsee, ja sogar des Atlantiks, zum unbedeutenden Einbaum und wir fragen uns, wie wir es ohne Wassermacher, Solarium und Swimmingpool bis hier her geschafft haben und ob es nicht sträflich oder gar gefährlich ist, dass wir uns ohne Klimaanlage, Satellitentelefon und uns ständig begleitende, mindestens 200 PS starke Beiboote im Mittelmeer aufs Wasser wagten.

Was für Unterschiede. Uns trennen Welten.

Jetzt könnte ich die Frage nach dem Lebensglück, nach der Lebenszufriedenheit stellen. Unsere Colette ist derzeit unser 14 Meter-„Glück“. Auch unsere 14 Meter-„Sorge“. Ihre Zuverlässigkeit ist unsere Sorglosigkeit. Ihr vertrauen wir unser Leben auf See an. Mit ihr erleben wir jeden Tag Neues, erleben die Vielfältigkeit, die Schönheit unserer Welt, aber auch ihre Zerbrechlichkeit. Sie bringt uns zu Menschen mit ihren Kulturen, ihrer Geschichte und ihren Geschichten. Sie lässt uns für Augenblicke Teil dieser Geschichten sein. Was für Erlebnisse, was für Abenteuer, was für ein Traum, dies alles erleben zu können. Was für ein Glück.

Sind 140 Meter Schiffslänge zehnmal mehr Glück? Zehnmal mehr Erlebnis, Zufriedenheit und Sorglosigkeit? Wahrscheinlich nicht.

Viele Besitzer dieser Megaschiffe sind ja oft nur wenige Tage an Bord. Die Crew muss das Schiff zu irgendeinem angesagten Hafen oder Gebiet bringen, man lässt sich und einige Freunde einfliegen, verbringt ein Partywochenende oder bleibt vielleicht sogar einige Tage für einen schönen Törn. Die Crew navigiert, fährt, versorgt, richtet, bedient. Alles andere an Bord ist fast wie zu Hause. Dann geht es wieder dorthin zurück, wo Macht, Geld und Gier das Leben bestimmen bzw. wo die Besitzer dieser Yachten mit ihrer Macht, ihrem Geld und ihrer Gier das Leben anderer bestimmen. Glück und Zufriedenheit bekommt dabei sicherlich eine ganz andere Definition. Es ist nicht die meine.

Ach, und wie würde ich den Besitzern dieser Yachten wünschen, dass sie auf ihren Schiffen das gleiche Glück, die gleiche Zufriedenheit erfahren würden wie wir auf unserer Colette. Gerne zehnmal mehr. Zwanzigmal mehr, wenn die Putins dieser Welt dann auf ihren Megaschiffen blieben und den Rest der Welt in Ruhe ließen. Ein unerfüllbarer Traum.

Vielleicht sind es die Megaschiffe selbst, die diesen Traum zerstören. Zehnmal mehr Glück geben sie nicht. Höchstens zehnmal mehr Perfektion, zehnmal mehr Komfort und Luxus. Und damit vielleicht auch zehnmal mehr Langeweile?

Unsere kleine, schrumpfende Colette ist mit ihren 14 Metern und ihrer Ausstattung vielleicht nicht in allen Bereichen perfekt und der Komfort an Bord mag hier und da Mängel haben. Aber dafür haben wir keine Langeweile, sondern Erleben, Glück und Zufriedenheit. Was für ein Luxus!


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