04.05. – 10.05.2026
Etwas aufgeregt sind wir schon, als wir gegen 16.00 Uhr in die lange, betonnte Wasserstraße der großen Lagune von Venedig einfahren. Betonnt im Sinne der Ostsee ist sie freilich nicht. Rote und grüne Fahrwassertonnen gibt es nur an wenigen markanten Stellen, ansonsten sind es Holzpfähle, die durch die Lagune führen. Das würde ja auch gut funktionieren, wenn da nur eine Wasserstraße wäre, aber in der weitläufigen Lagune gibt es viele Inseln, zu denen Wasserstraßen führen, und so ist es für uns ein einziges großes Wirrwarr von Holzpfählen. Dazwischen jagen Motorboote aufgeregt hin und her: Wassertaxis, Vaporetti (Wasserbusse), kleine Lastenkähne, Postboote, Ambulanzen, Carabinieri, Fähren. Im Unterschied zu uns wissen die anscheinend alle, wo sie hinmüssen, nur Fahrregeln scheint es nicht zu geben: Jeder fährt wie er will, kreuzt, überholt rechts oder links, biegt plötzlich ab und das alles in einem unglaublichen Tempo. Die Wasserstraße wird dadurch zum Whirlpool, überall kappelige Wellen.



Unsere Colette sucht sich in all dem durcheinander und Geschaukel munter ihren Weg. Zum Glück haben wir verlässliche elektronische Karten, auf denen auch unser aktueller Standort zu sehen ist, so dass wir schließlich die richtige Wasserstraße finden. Wir lassen den Lido links liegen und steuern direkt auf den Markusplatz zu. Was für ein großartiges Szenario: der solitär stehende Glockenturm des Markusdoms, der Markusdom selbst, der Dogenpalast, rechts und links daneben die kaum minder reich verzierten Wohnhäuser – eigentlich Paläste – der einst reichen und mächtigen venezianischen Familien (heute sind es überwiegend Hotels), Kirchen, Kirchtürme, die Einfahrt zum Canale Grande… Die Kulisse ist wie in einem Hollywoodfilm. Und wir sind mittendrin.


Vor dem Markusplatz ist der Verkehr mit Vaporetti und Taxibooten am dichtesten und vor der Kaimauer kommen dann noch die Gondeln dazu. Wir müssen links abbiegen zur Insel San Giorgio. Denn die dortige Marina des Clubs „Compagnia della Vela San Giorgio“, gerade gegenüber zum Markusplatz, ist unser Ziel. Die Kapitäne der Vaporetti und Taxiboote lassen uns durch und gegen 18.00 Uhr liegen wir sicher vertäut in unserer Box. Vom Vorschiff aus können wir den Sonnenuntergang über Venedig genießen. Großartig!





Am nächsten Morgen bringt uns ein Vaporetto hinüber zum Markusplatz. Wir treffen Achim, den wir aus Tübinger Tagen kennen. Achim ist Komponist für zeitgenössische Musik und hat eine Professur für Komposition am Mozarteum in Salzburg. Seine Arbeit mit wenig Anwesenheitspflicht in Salzburg ermöglicht es ihm, in Venedig zu leben. Auch nicht schlecht. Er hat leider nur wenige Stunden Zeit, da er just in dieser Woche nach Salzburg und weiter nach Sevilla zu einem Meisterkurs muss. Aber er hat uns viele Tipps zu Venedig und macht mit uns einen kleinen Spaziergang durch enge Gassen weit hinter den großen Palästen, dorthin wo sich nur wenige Touristen verirren.


















Und verirren kann man sich in Venedig wahrlich. So viele Gassen und Gässchen, die gelegentlich auch ohne weiteren „Ausgang“ an einem Kanal enden, schmale Durchgänge, Hinterhöfe, Plätze und immer wieder Kanäle, an denen man entlang gehen muss, bis man sie an einer der nächsten Brücken überqueren kann. Das Gefühl für Himmelsrichtungen und Wegerichtung geht nach wenigen Minuten verloren. Das GPS des Handys hilft, allerdings hat man in den engen Gassen zwischen den Häusern mit vier, fünf Stockwerken nicht immer Empfang.








Zwei Dinge beherrschen gerade Venedig: regnerisches Wetter und die Biennale, die am nächsten Wochenende eröffnet wird. In großen Palästen, Kirchen und Museen, auf Plätzen und in Gärten wurden und werden noch Kunstausstellungen installiert. Entsprechend herrscht überall emsige Betriebsamkeit. Keine Hektik. Noch hat man ja fast eine Woche Zeit. Hier und da gibt es schon die ersten Vernissagen. Nur für geladene Gäste versteht sich. Geschützt unter dem Regenschirm huschen Menschen in nobler Abendkleidung vom Wassertaxi in den Ausstellungsraum. Wir können hier und da Blicke in Ausstellungen und Galerien erhaschen. Bis November wird Venedig von der vielfältigen Kunst geprägt sein. Eine ideale Kombination von uralter, reicher Kultur, den überbordenden Kulturschätzen und moderner Kunst!








Das regnerische Wetter verleiht Venedig etwas Melancholisches, Trauriges. Auch das passt zu dieser Stadt, in der an fast allen Häusern, Kirchen und Palästen die Fassaden bröckeln. Das Salzwasser, schwankende Wasserstände und die Zeit setzen allen Gebäuden mächtig zu. So prunkvoll und solide sie alle gebaut sein mögen, ihr Verfall ist schon längst eingeläutet und es kostet sicherlich immense Summen, diesen Verfall möglichst lange hinauszuzögern.





Die Gondolieri scheint das nicht zu stören. Trotz Regen manövrieren sie gut gelaunt ihre schwarzen Gondeln durch die engen Kanäle und erklären ihren Gästen gestenreich ihr Venedig. Ungehalten werden sie nur, wenn ihnen ein Taxiboot zu nahekommt.






Für uns wird Venedig aus einem anderen Grund traurig. Am Mittwochmorgen bekommen Petra und Bulle einen Anruf. Maxim (ihr Sohn) muss mit einer starken Lungenentzündung ins Krankenhaus. Zwei Stunden später sitzen sie im Zug nach München. Lieber Maxim, wir wünschen dir schnelle Genesung!
Darüber ist dann auch der Aufreger auf unserer Colette nebensächlich. Am Mittwochmorgen entdecke ich, dass im Motorraum 10 cm hoch Wasser steht. Die Wellendichtung ist undicht. Also Wasser abpumpen, Motorraum ausputzen und Wellendichtung nachziehen. Keine schöne Arbeit, da man dazu kopfüber tief in der Bilge hängt und zum Kontern der Muttern mit einer Hand zwei Schraubenschlüssel gegeneinander verdrehen muss.
Am Mittwoch schlendern wir dann alleine durch das nasse Venedig. Vor dem Markusdom erwischt uns ein Gewitter mit Wolkenbruch. Der riesige Platz leert sich in Windeseile. Jeder sucht sich einen trockenen Platz unter Akaden oder überdachten Eingangstüren. Wer auf seinen Schirm vertrauen will, hat verloren. Der kräftige Wind dreht die Schirme auf links oder lässt sie einknicken. Danach bleibt es für einige Zeit trocken. Gerade lange genug, um vom Glockenturm des Markusdoms Venedig und die weitläufige Lagune bewundern zu können.










Am Abend spazieren wir noch durch das jüdische Viertel Cannaregio. Das Ghetto für Juden wurde hier schon vor vielen hundert Jahren eingerichtet. Aus zwei Gründen: Um die Andersgläubigen von den Christen zu trennen, und aber auch, um sie vor den Christen zu schützen. Ach und wie schrecklich, auch heute Abend gehen Polizisten im jüdischen Viertel Streife und am Eingang zum Viertel stehen Wachposten.











Am Donnerstag ist der Regen durch. Bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen machen wir eine lange Ausfahrt mit dem Vaporetto zur Insel Burano. Sie ist berühmt für ihre kleinen, bunten Fischerhäuschen und die Textilmanufaktur. Einst war sie die Insel der Armen, heute ist sie ein touristischer Anziehungspunkt. Ihr Wahrzeichen ist der schräge Kirchturm. Auf Sand gebaut, sackte er im Laufe der Jahrhunderte immer weiter ab. Heute soll er gesichert sein. Man wird sehen.

















Am Abend lassen wir uns nochmals durch das nächtliche Venedig treiben. Wir versuchen, uns das Leben in Venedig vorzustellen, in dem es keine Autos gibt, sondern alles mit Karren, Koffern oder Schiffen transportiert werden muss, vom Müll, Briefen und Paketen über Lebensmittel bis hin zu Kranken. Schließlich sitzen wir auf dem Markusplatz und verfolgen eine Licht-Kunst-Installation am Glockenturm und am Dogenpalast. In zwei Tagen ist die Eröffnung der Biennale…












Mit den ersten Sonnenstrahlen legen wir am Freitagmorgen in unserer Marina ab und schippern langsam durch das erwachende Venedig zur Lagune hinaus. In der Wasserstraße vor dem Markusplatz begleitet uns für eine kurze Strecke Mimmo. Der Delfin hat mittlerweile große Berühmtheit erlangt, da er sich als Lebensraum die Wasserstraßen von Venedig gewählt hat. Mutig inmitten des hektischen Schiffsverkehrs.



Außerhalb der Lagune erwartet uns aus Süden eine unangenehm hohe Welle im flachen Golf von Venedig. Unter Segel schiebt sich unsere Colette die Wellenberge hoch, um dann mit dem Bug tief in die nächste Welle einzutauchen. Ein stundenlanger Schaukelkurs, der erst besser wird, als wir tieferes Wasser erreichen. Allerdings lässt dann auch der Wind nach, so dass wir für die Hälfte der Strecke nach Rovinj den Motor brauchen. Es ist schon dunkel, bis wir nach 15 Stunden und über 60 Seemeilen an einer Boje vor der Stadt festmachen.








Rovinj ist schön wie immer. Am Vormittag bummeln wir bei angenehmen Temperaturen und Sonnenschein durch die Gassen und über den Markt und beobachten bei einem Kaffee, wie sich eine geführte Reisegruppe und eine kroatische Schulklasse nach der anderen durch die Künstlergasse schiebt.






Am Nachmittag sind wir schon wieder unterwegs. Direkt von der Boje weg segeln wir mit schönem Wind bis fast vor die Einfahrt von Banjole, südlich von Pula. In dieser Bucht liegen wir geschützt und kostenlos vor Anker. Von hier aus können wir am Montag mit dem Bus nach Pula fahren und das Auto holen und von hier aus kann ich dann nächste Woche bei passendem Wind über die Kvarner Bucht segeln. Schließlich muss ich ja nächsten Sonntag (17.05) in Zadar sein, um Heiner an Bord zu nehmen.

