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Winterexpedition Korinjak

Wenn wir etwas in unserem langen, erlebnisreichen Leben als Globetrotter, Weitwanderer, Bergsteiger oder Segler, kurz als erfahrene Abenteurer, gelernt haben, dann, dass man eine Unternehmung wie die Besteigung des Korinjak im Winter nicht unterschätzen darf. Schon im letzten Jahr, als wir mit dem beginnenden Winter die Insel Iž erreichten, wussten wir, auf was wir uns da einlassen würden, wenn wir dort hinauf auf seinen Gipfel wollten. Der Korinjak ist kein Berg, den man soeben beim Vorbeigehen mitnimmt, kein Berg, den man kurz entschlossen und ohne sorgfältige Planung erklimmt, kein Berg, auf den man eben mal schnell hinauf stürmt, ihn mit einem verwackelten Gipfelfoto abhakt, um ihm am nächsten Tag schon wieder vergessen zu haben. Nein, so ein Berg ist der Korinjak nicht. Nicht für uns und für niemanden. Denn der Korinjak ist eine Legende:

Mächtig und imposant thront der Korinjak auf seiner Insel Iž. Er ist hier der höchste und er weiß das. Seine felsigen Flanken lässt er von den meist lieblichen Wellen der Adria umspülen, aber um seinen Gipfel streiten sich heftig Jugo, Tramontana, Maestral und Bora! Winde, was sag ich, Stürme, die hier oben über die schroffen Felsen jagen; manchmal Furien, die mit höllischem Lärm um den Gipfel toben können, an allem zerren und reißen, was sich ihnen in den Weg stellen mag. Nur sein Gipfel hält stand. Schon seit Jahrtausenden. Trutzig, schroff, unverwüstlich. Eine Konstante in der Zeit. Kein Fels in der Brandung, sondern ein Berg im Sturm. Gelassen blickt er hinüber zu den schneebedeckten, knapp 2000 Meter hohen Gipfeln des Velebit. Er ist mit ihnen auf Augenhöhe!

Wer dort hinauf will, wer dort oben das stürmische Schauspiel der Götter schauen will, der muss sich auf ihn einlassen können. Sich Zeit nehmen, sich Zeit lassen, ist ein guter Ratschlag. Sich vorbereiten, ihn kennenlernen, ihn umrunden, sich mit ihm austauschen, ein anderer.

Wir tun das. Im November und Dezember durchstreifen wir die felsigen Olivenhaine, die sich unter ihm ausbreiten, folgen den schmalen Fußpfaden, die durch die undurchdringliche Macchia an seinen steilen Bergflanken führen, suchen den Ort, das Basislager sozusagen, an dem das schmale Felsenband und die Schotterrinne letztendlich zu seinem Gipfel hinauf führt. Aber wir wagen uns noch nicht hinauf. Noch nicht.

Die Lage erkunden, sich mit dem Berg in den mentalen Austausch zu begeben, ist das eine, in sich hineinhören, seine eigene Verfassung richtig einschätzen können, das andere. Und hier wissen wir, dass die Tage, an denen wir wochenlang mit schwer bepackten Rucksäcken leichtfüßig über die höchsten Alpenpässe wandern konnten, weit in unserer Erinnerung liegen. Die Erfahrungen aus unzähligen Bergtouren haben wir, die werden uns auch beim Unternehmen Korinjak bestens behilflich sein. Aber all diese Erfahrungen können mangelnde körperliche Verfassung nicht aufwiegen. Auch als Segler fühlen wir uns fit und fordern unsere Körper. Aber doch auf andere Art und Weise und zumeist auf Meereshöhe. Für die Besteigung des Korinjak ist das körperliche Wohlbefinden bei langen Strandspaziergängen oder bei Wanderungen auf Hügelchen der verschiedenen Adriainseln sicherlich kein ausreichender Gradmesser. Wie steht es also wirklich um unsere Fitness?

Wir beschließen, unseren zweimonatigen „Heimaturlaub“ komplett der Vorbereitung der Expedition auf den Korinjak unterzuordnen. Der ärztliche Check auf Herz und Niere ist erst einmal beruhigend: Die Blutwerte sind gut, die Nierenwerte ebenso. EKG, Blutdruck und Elastizität der Gefäße sind mindestens zufriedenstellend, ebenso wie das Luftfassungsvermögen der Lungen. Was ist aber mit unserer Kondition, was mit dem Sauerstoffaufnahmevermögen, der Zahl der roten Blutkörperchen in unseren Adern? Ein ausgeklügeltes Intervall-Höhentraining soll uns helfen: 14 Tage Höhe – 14 Tage Flachland – 14 Tage Höhe – 14 Tage Flachland – 14 Tage Höhe mit reichlich körperlicher Belastung und ausgewogener Ernährung!

Mitte Februar sind wir wieder auf Iž. Schon auf der Fahrt mit der Fähre vom Festland zur Insel grüßen wir zum Berg Korinjak hinüber. Er wirkt freundlich auf uns. Wohlwollend. Einladend. Die späte Abendsonne umspielt ihn mit einem festlichen Orange-Rot und die kleinen, weißen Schönwetterwolken über seinem Gipfel geben ihm ein kleines Krönchen und machen ihn majestätisch. Schon der erste Blick bringt uns die vertraute Verbundenheit mit ihm, die wir im Dezember aufgebaut hatten, zurück. Wir winken ihm zu. Bald werden wir auf deinem Gipfel sein.

Das Bald meinen wir sehr wörtlich. Denn neben dem mentalen Austausch, der guten Vorbereitung, der körperlichen Fitness und selbstverständlich einer soliden Ausrüstung muss noch ein entscheidender Faktor zum Gelingen einer solchen Expedition beitragen: das Wetter. Und hier droht eine baldige Wetterverschlechterung. Von Nordeuropa kommend, schickt sich eine Kaltfront an, über die Alpen hinweg bis weit in die südliche Adria hinunter zu stoßen, begleitet von tiefen Temperaturen und heftigen Stürmen aus Nordost. Diesen Aussichten mag der Korinjak gelassen entgegen sehen, wir weniger. Jetzt fühlen wir uns fit, fühlen die roten Blutkörperchen in unseren Adern voller Tatendrang, gefüllt mit bestem Sauerstoff. Jetzt fühlen wir uns stark und dem mächtigen Berg ebenbürtig. Jetzt ist die richtige Zeit. Jetzt.

Zwei Märsche am Fuße des Berges zur Akklimatisierung müssen genügen, und genügen uns. Morgen ist das Wetter noch günstig. Morgen sollten wir hinauf und wieder hinab steigen können. Ohne Stopp im Basislager, ohne Zwischenstation auf halber Höhe, ein direkter Aufstieg ohne zu viel Gepäck. Das sollte machbar sein.

Nach einem kräftigenden Mahl brechen wir zeitig auf. Der lange und von manchen vielleicht als langweilig wahrgenommene Weg zum Basislager erscheint uns kurz und kurzweilig. Das Adrenalin und die Vorfreude zeigen ihre Wirkung. Wir fühlen uns aufgeladen, ein wenig aufgedreht. Nur als wir am Friedhof hinter Veli Iž vorbeikommen, ist unsere Stimmung für einen Moment gedämpft. Wie viele mögen hier für immer ihre letzte Ruhe gefunden haben, die sich auch auf den Korinjak hinauf wagten? Wir werden euren Gruß mit hinauf auf den Gipfel tragen!

Als wir in die steile Schotterrinne einsteigen, ist die Sonne noch mit uns. Ihre wärmenden Strahlen können aber nicht darüber hinweg täuschen, dass sich über dem Velebit schon graue Wolkenkragen gebildet haben. Erste kalte Böen lassen uns erschauern. Die Vorboten der Kaltfront spielen um den Korinjak. Noch spielen sie. Ihr Fauchen wollen wir nicht erleben.

Wir steigen zügig nach oben. Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug. Gleichmäßig und auf die eigene Kraft und Trittsicherheit vertrauend. Die Stärke in unseren Beinen überträgt sich auf den Fels, und die erdgebundene, Jahrtausend alte Urkraft des Berges strömt in uns zurück. Für diesen Tag, für diesen Aufstieg sind wir mit den Urmächten des Korinjak eine unbezwingbare Allianz eingegangen. Es gibt kein Halten. Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug steigen wir gleichmäßig nach oben.

Bald lassen wir die Macchia hinter, besser unter uns. Wir steigen durch die Felsen. Unaufhaltsam aufwärts. Griffiger Kalkfels gibt griffigen Halt. Ein fester Griff hier, ein fester Tritt dort. Dann sind es noch wenige Meter und wir stehen auf dem windumtosten Gipfel.

Über uns knattern die Reste einer einst stolzen, kroatische Flagge. Bora und Jugo oder Tramontana und Maestral haben sie schon längst zerfetzt und uns Menschen aufgezeigt, wer hier oben das Sagen hat. Unsere Gedanken fliegen mit den flatternden Stofffetzen, getrieben von den Böen, weit hinaus. Dorthin, wo die Kimmlinie des Meeres eine graue Einheit mit dem Horizont des Himmels bildet, dorthin, wo die Ewigkeit beginnt und alle Träume ihren Ursprung und ihr Ende haben. Und für Momente spüren wir die Erhabenheit des Korinjak, aber auch seine Endlichkeit in der Unendlichkeit des Seins.

Kreischende Möwenrufe holen unsere Gedanken zurück in das Hier und Jetzt. Die Möwen kreisen unter uns über dem weiten Grünblau der Adria. Was für ein erhabener Anblick! Die Inseln Otok, Rava, Uglian, Molat und wie sie alle heißen mögen, reihen sich um unsere Insel Iž. Als ob längliche und runde Schiffchen aus Felsen, Wald und Olivenhainen über das dalmatinische Meer treiben würden, umspielt von Wolken, Wind und Wellen. Drüben auf dem Festland steigt das Velebitgebirge jäh in die Höhe, aber leider bleiben für uns heute seine Gipfel in dunkelgrauen Wolkenmassen verborgen. Die herannahende Kaltfront hat das Velebit schon in seinem eisigen Griff.

„Herr, lass uns hier eine Hütte bauen…“. Aber nein, so wenig wie auf dem Ölberg ist hier oben auf dem Gipfel des Korinjak der richtige Platz dazu. Es wäre die Götter herausgefordert, hier oben zu lange verweilen zu wollen. Wir wissen das. Dankbar für den überwältigenden Augenblick stehen wir minutenlang hier oben, genießen, staunen und saugen die unendliche Schönheit der Welt unter uns in uns auf. Dann reißt der Nordostwind an uns und zeigt uns den Weg nach unten.

Was wir gerade noch gesehen und erlebt haben, ist im nächsten Augenblick schon Vergangenheit und Erinnerung. Aber es ist eine Erinnerung, die sich tief in uns eingegraben hat und uns nachhaltig begleiten wird: unsere Winterbesteigung des mächtigen Korinjak!

Fakten zur Expedition:

Vorbereitungszeit: eineinhalb Monate auf Iž und zwei Monate in Deutschland.

Intervall-Höhentraining: Höhenlage Schwarzwald zwischen 600 und 1000 Meter, Tieflage Lübeck auf Meereshöhe; Trainingseinheiten durch Spaziergänge mit Lucky und Arbeiten an Lukas’ Boot; ausgewogene Ernährung durch gutes, nahrhaftes „Festtagsessen“ bei Freunden und Familie.

Anmarschweg zum Basislager: ca. 30 Minuten

Aufstieg zum Gipfel des Korinjak: ca. 20 Minuten

Höhe des Korinjak: 168 Meter über dem Meer

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