Winterroutine in Veli Iž

Die Olivenernte ist in Veli Iž auch in der ersten Adventswoche die bestimmende Arbeit. Täglich werden mit dem Auto oder per Motorroller, Agria, Mofa, Fahrrad oder Schubkarren Unmengen von Kisten, gefüllt mit schwarzen und grünen Oliven, zur Olivenpresse gekarrt und Stunden später große Behälter mit Olivenöl nach Hause gebracht. Die drei älteren Männer, die in der genossenschaftlich betriebenen Ölmühle arbeiten, haben kaum Zeit, sich in der Bar nebenan eine Pause zu gönnen. Anders die, die gerade ihre Oliven abgeliefert haben und auf ihr flüssiges Gold warten. Gut gelaunt sitzen sie bei einem Kaffee, Bier oder PT, dem kroatischen Aperitif aus Wermutslikör, in der Bar zusammen, schwatzen und lachen oder schauen gespannt auf den Monitor, auf dem gerade ein Spiel der Fußballweltmeisterschaft übertragen wird. Auch da haben sie gut lachen, Kroatien spielt nicht gerade berauschend gut, aber sie sind immerhin eine Runde weiter.

Unsere Colette hat ja noch einen alten Kenwood-Weltempfänger an Bord. Mit diesem Gerät lassen sich Kurzwellensender von der ganzen Welt empfangen. Für eine Stunde suchen wir uns um die Welt und fühlen uns in den Schiffsalltag von vor 30 und mehr Jahren zurückversetzt: Neben dem typischen Rauschen und Pfeifen, den Signal- und Morsetönen hören wir oft chinesische, russische, arabische und türkische Sender, weniger häufig englisch- oder französischsprachige, im UKW-Bereich finden wir auch einige kroatische und italienische. Aber leider gibt es keine deutschen Sender mehr. Selbst die Deutsche Welle hat schon vor Jahren ihre Kurzwellensendestation geschlossen und all ihre Aktivitäten mit großer Reichweite aufs Internet verlegt. Schade. Wir suchen vergeblich nach einem Sender, der für uns in verständlicher Sprache die Spiele der Fußballweltmeisterschaft überträgt. Weder in Deutsch noch auf Englisch oder Französisch werden wir fündig. Nur bei einer arabisch klingenden Männerstimme haben wir den Eindruck, dass es sich um die Übertragung eines Fußballspiels handeln könnte. Das hilft uns leider nicht.

Also verfolgen wir das deutsche Fußballdebakel im Audio-Livestream im Internet. Der visuelle Livestream deutscher Sender darf im Ausland aus rechtlichen Gründen nicht übertragen werden. Rechtliche Gründe. Sicherlich ist auch hier das Geldverdienen (der FIFA?) der eigentlich rechtliche Grund. Der Sport bleibt auf der Strecke, bei den deutschen Kickern sowieso.

Und was beschäftigt die 260 Menschen von Veli Iž im Winter noch außer Olivenernte und Fußballweltmeisterschaft? In den kühlfeuchten Wintermonaten steht Gartenarbeit an. Kartoffeln und Mangold sind beinahe in jedem Gärtchen zu finden, aber auch Kopfsalat, Weißkraut, Grünkohl, Lauch und Artischocken werden gerne angebaut. Zwiebeln und Knoblauch hängen zum Trocknen unter Dächern. Und seit Tagen kann man zusehen, wie Zitronen gelb und Orangen und Mandarinen orange werden. Im kleinen Dorfladen können wir die saftig-süßen Zitrusfrüchte kaufen. So müssen Orangen schmecken!

Ansonsten wird überall in Veli Iž zwischen Frühstück, Mittagspause und Feierabend irgendetwas gewerkelt: Wege instandgesetzt, Häuser renoviert, Zäune geflickt, Steinmauern aufgesetzt, Boote ausgebessert, Autos repariert. Aber bei allem geht es geruhsam zu. Was heute nicht fertig wird, muss auch morgen nicht gleich fertig sein. Und ein schneller Kaffee, ein kühles Bier oder ein kurzer Plausch vor (oder in) der Bar – egal, bei welchem Wetter – ist allemal wichtiger als die Arbeit.

Die Fähren von Zadar kommen jeden Tag pünktlich und zuverlässig und geben für die Dorfpost und die beiden kleinen Lebensmittelläden den Rhythmus vor. Sie bringen die Post, das frische Brot, Bier, Wein, Käse, Wurst – alles eben, was man zum Leben braucht. Und ein- oder zweimal am Tag fährt der Bus von Veli Iž nach Mali Iž und zurück. Und erstaunlich, bei jeder Fahrt der Fähre oder auch des Buses fahren Menschen mit. Es herrscht doch ein reger Austausch nach Zadar bzw. zwischen den beiden Örtchen Veli und Mali Iž.

Auffällig ist allerdings, dass fast nur ältere Menschen unterwegs sind. Wo sind die Jugendlichen und die Kinder? Veli Iž hat im Augenblick nur ein Kindergartenkind und drei Kinder, die hier in die Hauptschule gehen, für die aber eigens Lehrer bzw. Erzieher angestellt werden. Die älteren Schüler besuchen die Schule in Zadar und leben deshalb während der Woche oder während der ganzen Schulzeit bei Verwandten auf dem Festland. Oder aber die ganze Familie lebt in Zadar oder irgendwo auf dem Festland, wo nicht nur die Kinder zur Schule, sondern auch die Eltern ihrem Beruf nachgehen können. Dann sind sie nur am Wochenende oder in den Ferien auf ihrer Insel, bei ihren Eltern und Großeltern oder ihren Häuschen.

Für uns heißt die Routine in Veli Iž arbeiten am Schiff. Wir schleifen an Deck die vielen kleinen Roststellen und streichen sie anschließend mit rotem Primer, der gleichzeitig auch den Rost stoppen soll. Unsere Colette hat jetzt für die nächsten Wochen rote Flecken. Über Winter ist somit das Rosten gestoppt, im Frühjahr – wenn die Temperaturen stimmen – soll sie dann einen neuen, weißen Anstrich erhalten.

Colette hat rote Flecken und wir schwarze. Wenigstens an den Händen. Denn um Luken und die Holzkästen der Lüftungshutzen erneuern wir die schwarze Dichtungsmasse. Die schwarze Paste klebt leider nicht nur dort, wo sie soll, sondern eben auch an den Händen und Arbeitskleidern. Und waschen hilft wenig, denn gerade bei Kontakt mit Wasser klebt das Zeug am besten.

Zur täglichen Routine gehören aber auch unsere Spaziergänge mit Lucky durch die Olivenhaine oberhalb von Veli Iž. Wir starten am späten Nachmittag und meistens ist es schon dunkel, bis wir wieder durch die engen und spärlich beleuchteten Gassen zum Hafen zurück gehen. Am Abend wird deutlich, wie viele der Häuser von Veli Iž leer stehen. Höchstens bei jedem vierten Häuschen scheint Licht aus den Fenstern.

Mit der aufkommenden Nacht sind dann nur noch wenige Menschen unterwegs. Aus der Bar dringt Lachen, manchmal Singen. An der Kaimauer stehen eine Handvoll Männer und schauen gespannt in die Kisten des Fischers der gerade angelegt hat. Nach einem kurzen Plausch bei einer Zigarette oder einem Schnaps gehen sie dann mit einem Fisch in der Plastiktüte ihrer Wege. Zurück bleibt der Fischer, der noch sein Boot versorgen muss und vielleicht zwei, drei Angler, die von der Kaimauer aus selbst ihr Fischerglück versuchen.

Bis wir wieder auf der Colette sind, ist das heimelige Abendläuten der Kirchenglocken schon vorbei. Auch das ist tägliche Routine in Veli Iž.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Thomas

    Das klingt alles sehr geruhsam und ihr habt den Rhythmus der Insel aufgenommen. Sehr schön

Schreibe einen Kommentar