Du betrachtest gerade Zeit – Zeit – Zeit

Zeit – Zeit – Zeit

Heute Morgen bin ich sehr früh aufgewacht. Vielleicht hat mich die aufgehende Sonne geweckt, die schräg in meine Luke einfällt und mich blendet. Meine eigenwillige Kabinenuhr verrät mir: 13.15 Uhr Colette-Zeit. Also noch lange Zeit, um liegen zu bleiben, zu dösen, Gedanken nachzuhängen oder auch genug Zeit, um sich über die Zeit Gedanken zu machen:

Meine hübsche Messinguhr an der Kojenwand ist rund. Fast alle analogen Uhren, die ich so kenne, sind rund. Die Uhren in Bahnhöfen, an Kirchtürmen, die meisten Armbanduhren, Küchenuhren, Bürouhren und, eigentlich merkwürdigerweise, auch viele digitale Uhren sind rund. Es scheint, als müsse für uns die Uhr rund sein. Und das liegt ja eigentlich auch auf der Hand. Der Sekundenzeiger marschiert (in der Regel, bei meiner Kabinenuhr eher nicht) in 60 Sekunden einmal rund herum. Das Ziffernblatt hat dazu exakt 60 kleine Striche bekommen. Und einmal rundherum braucht der Minutenzeiger für 60 Minuten, also eine Stunde. Auch er nutzt die 60 Striche. Gut ausgedacht. Dann der Stundenzeiger. Er muss zweimal die Runde machen, um einen Tag mit 24 Stunden zu zählen. Aber auch er passt in die gleiche Logik. Das Ziffernblatt hilft, in dem es die Stundenziffern anzeigt. Oben mit der 12 beginnend, dann 1, 2, 3 usw., unten die 6 und wieder hinauf zur 12. Bei manchen Uhren, so zum Beispiel bei meiner Kabinenuhr, steht jeweils noch klein entsprechend eine 13, 14, 15 usw. dabei. Perfekt. Analoge Uhren sind rund. Naturgegeben. Die Zeit, so scheint es, ist also eine runde Sache. Tag für Tag. Zwei mal zwölf Stunden, und dann beginnt mit dem nächsten Tag alles wieder von vorne. Tag für Tag. Jahr aus, Jahr ein.

Und doch ist es ein Trugschluss. Nur eine nette Idee. Für manchen vielleicht eine stille Hoffnung. Vielleicht auch eine Beruhigung, dass die Zeit eine runde Sache sei und jeden Tag neu beginnen würde. Aber so ist es nicht mit der Zeit. Irgendwann hat sie begonnen. Irgendwann. Ich weiß nicht wann und ich glaube, keiner weiß es genau. Und irgendwann wird sie enden. Wann das sein wird, weiß auch keiner. Die Zeit läuft. Läuft linear, ohne Unterbrechung, gleichförmig, zuverlässig gleichbleibend, besser als jedes Uhrwerk. Unaufhaltsam.

Und jeder und alles hat seinen Anfang und sein Ende: seine eigene Zeit. Nichts ist zeitlos – auch wenn das für manche Kunstwerke behauptet wird. Alles hat einen Anfang, einen Beginn, eine Entstehung und alles wird ein Ende haben. Selbst der kühnste Gedanke. Er wird irgendwann zum ersten Mal gedacht, vielleicht ausgesprochen, vielleicht gelebt, aber irgendwann wird er auch wieder vergessen sein.

Wie wir auch.

Die Zeit läuft. Gleichförmig, zuverlässig gleichbleibend, unaufhaltsam. Trotzdem: Manchmal vergeht die Zeit für uns viel zu langsam. Dann kann sie unerträglich zäh sein. Zum Beispiel im Krankenzimmer oder im Gerichtssaal, wenn man auf einen Befund oder ein Urteil warten muss. Oder im Stau auf der Autobahn. Nichts scheint vorwärts zu gehen. Die Zeit schon gar nicht. Sie scheint still zu stehen…

Dann rast sie wieder. Viel zu schnell. Nicht zu stoppen. Im Nu ist der schönste Augenblick, das großartigste Erlebnis vorbei. Gerade erlebt und schon Geschichte. Nur noch Erinnerung und zum Vergessen verdammt. Jetzt möchte man sie festhalten können, die Zeit. Aber sie rinnt uns wie Sand durch die Finger, schwindet…

„Carpe diem – nutze die Zeit!“, sagen die Gelehrten mit wichtiger Miene.

Aber wie?

Ich stehe auf, um mir einen Kaffee zu kochen. Dann setze ich mich mit der dampfenden Tasse ins Cockpit meines Segelschiffes und döse in der Sonne. Das Schiff schwankt leicht und mein Blick verfolgt zwei Möwen, die der Sonne entgegen fliegen. Unter ihnen flirrt die warme Luft über dem glitzernden Blau des Meeres. Ein herrlicher Augenblick, den ich liebe und nicht müde werde, ihn jeden Tag aufs Neue zu erleben.

Ja, ich nutze die Zeit. Genau so nutze ich meine Zeit! Und der Müßiggang ist dabei der allerbeste Lehrmeister. Wenn möglich jede Minute, jede Stunde, jeden Tag. Tag für Tag, Jahr für Jahr. So ist Zeit vielleicht doch eine runde Sache?

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