Auf einem Schiff ist es nie richtig still. Unterwegs sowieso nicht, aber auch im Hafen nicht. Selbst nachts, sicher vertäut am Steg, hört man auf einem Schiff immer irgendetwas. Das leise Plätschern von kleinen Wellen an der Bordwand, das Knarzen der Festmacherleinen, ein Fall, das an den Mast oder eine Saling klopft, oder das rhythmische Klacken eines Gegenstands unter Deck, der im Takt des schaukelnden Bootes gegen einen anderen Gegenstand schlägt. Die ganze Palette dieser Geräusche lernt man im Laufe der Zeit auf seinem Boot kennen und einzuordnen. Manche sind laut und störend und man versucht sie abzustellen, manche sind wohl leise aber nervig, auch die versucht man abzustellen. Aber all diese Geräusche sind irgendwie bekannt, nicht alarmierend, man gewöhnt sich an sie und im besten Falle hört man sie gar nicht mehr.
Es gibt aber auch Geräusche, da werde ich selbst mitten in der Nacht im Nu hellwach. Diese Geräusche sind 100 Mal besser als jeder Wecker, alarmierend und bedrohlich: tropfendes oder gar plätscherndes Wasser unter Deck, und: Fress- oder Nagegeräusche von Mäusen oder Ratten.
Letztere rauben mir am Dienstag in den frühesten Morgenstunden zum ersten Mal den Schlaf und von Dienstag auf Mittwoch die komplette Nacht hindurch. Am Dienstagmorgen muss ich nicht lange suchen. Der Sack mit Hundefutter ist angenagt und Futterpellets sind in allen möglichen Fächern auf dem Schiff versteckt. Dass ich, beim Versuch den Sack zu bergen und den Inhalt in einen anderen Behälter umzufüllen, dann auch noch durch eine schwungvolle, äußerst ungeschickte Bewegung das Futter im ganzen Salon verteile, freut vielleicht noch Lucky, mich sicher nicht. Dafür die Ratten umso mehr.
Ja, Ratten. Die Nagespuren und die Größe der Hinterlassenschaften sind eindeutig. Was für ein Alptraum: Ratten an Bord! Ratten nagen alles an, suchen Fressbares (was es ja auf der Colette reichlich gibt), übertragen Krankheiten wie die Pest (die es auch heute noch gibt), nagen sich überall durch, wenn sie irgendwo hin wollen, beißen auch in Schläuche, Kabel, Schalter, Leitungen…
Ich inspiziere jedes Fach, jede Schublade, die Bilgenfächer, alle Kisten, eigentlich jede Ecke des Schiffes. Bis jetzt waren sie nur in den Bilgen und den darüber liegenden Fächern in der Eckbank. Zum Glück. Wasserflaschen sind angenagt und leergelaufen, Spülmittel, Shampoo, Kartons, Plastiktüten, Tütensuppen und Styropor haben sie probiert. In den Fächern der Schränke darüber waren sie bisher nicht oder wenigstens noch nicht nagend aktiv. Noch nicht. Noch waren sie nicht in den Fächern mit den offenen Lebensmitteln, noch nicht im Kühlschrank, noch scheinen alle Leitungen, Schläuche und Kabel verschont geblieben. Noch.
Meine Gedanken kreisen immer wieder um die gleichen Fragen: Wie viele sind es? Wie kamen sie an Bord? Wie kann ich sie fangen oder vertreiben? Was kann ich machen, dass nicht noch mehr kommen? Dass es hier Ratten gibt, nimmt mich nicht Wunder. Schließlich finden sie ja hier und der Umgebung überall Müll und manchmal sogar ganze Müllsäcke, wo sie genug Verwertbares finden können.
Über den Tag verhalten sie sich still, kein Nagen oder Rascheln. Ich beende mein hektisches Suchen und Putzen und überlege mir die Gegenwehr. Am Mittwoch fährt Ben zum Einkaufen, da kann ich mitgehen und Rattenfallen kaufen. Bis dahin, also noch eine Nacht, muss ich ohne Fallen auskommen. Da muss ich ihre Aktivitäten so gut es geht stören, um die Schäden möglichst gering zu halten.
Ben hat schon mehrmals beobachtet, wie Ratten geschickt über Festmacherleinen auf die Schiffe „spazieren“ oder von einem Boot auf das Nachbarboot springen. Ich hänge meine Fender doppelt übereinander, damit der Abstand zum Nachbarboot größer wird. Ob das reicht? Und aus kleinen Joghurteimerchen improvisiere ich die erste Rattenabwehr. Die sind freilich zu klein. Am Mittwoch werde ich große Pflanzschalen kaufen, damit müsste es gehen. Das Wichtigste aber: über Nacht darf keine Luke mehr offen sein. Am Montag hatte ich den Ankerkasten zum Lüften und Streichen geöffnet und vergessen, ihn über Nacht wieder zu schließen. So müssen sie an Bord gekommen sein…
Mehr kann ich am Dienstag nicht tun. Die Nacht wird schlaflos! Zwei verschiedene Orte mit Rattenaktivität kann ich ausmachen. Einmal im Bug unter dem Waschtisch der Toilette und dann noch im Heck zwischen dem Werkzeug. Also habe ich mindestens eine Heck- und eine Bugratte. Immer wenn ich etwas höre, öffne ich das entsprechende Fach und leuchte hinein. Aber längst ist es still und die Ratte weg oder gut versteckt. Kurze Zeit später beginnt das Nagen und Rascheln wieder an einer anderen Stelle, bis ich wieder störe. Dann ist es für einen Moment wieder still und das Spiel beginnt von Neuem. Die ganze Nacht hindurch. Aber ich will nicht schlafen, ich will sie nicht ungestört ihre zerstörerische Arbeit machen lassen.
Der Mittwoch bzw. die Nacht auf Donnerstag soll meine Nacht werden. Zwei große Lebendfallen und drei Schlagfallen bestücke ich mit bestem Speck. Da können sie sicher nicht widerstehen. Ich sitze noch nicht beim Abendessen – ein hervorragendes Rattenfängeressen mit Speck, Bratkartoffeln, Tomatensalat und einem kalten Bier – als die Schlagfalle unter dem Waschtisch im Bad auslöst. Sofort schaue ich nach, aber die Falle ist weg, in die Tiefe der Bilge unter das WC gerutscht. Mit dem Spiegel kann ich sie sehen und ich könnte danach greifen. Aber halt, ist da nicht ein Rattenschwanz, der sich bewegt? Dann ein Quieken. Die Ratte wurde also vom Bügel getroffen, aber sie lebt noch. Jetzt mit der bloßen Hand dorthin zu greifen, hätte sicherlich einen schmerzhaften Biss zur Folge. Bis ich aber mit Handschuh und Zange zurückkomme, sind sowohl Ratte als auch Falle weg. Irgendwo gut versteckt unter der Toilette. Ohje, denke ich, wenn sie dort stirbt, muss ich das komplette Klo ausbauen. Ich lausche noch lange, höre aber im Bug nichts mehr. Demnach habe ich die Bugratte erwischt!
Dann klappert die Schlagfalle im Motorraum. Wieder schaue ich sofort nach. Die Heckratte sitzt neben der ausgelösten Falle und frisst den Speck. Im Nu ist sie verschwunden. Mitten in der Nacht löst die dritte Schlagfalle in der Heckkabine aus, bis ich nachschauen kann, sind Speck und Ratte verschwunden. Die zwei Lebendfallen bleiben leer.
Die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag war dann doch nicht meine Nacht. Gegen morgen höre ich im Ankerkasten ein verhaltenes Rascheln und finde dann schließlich auch die leere Schlagfalle in der Bilge unter der Toilette. Die Bugratte, wohl etwas verletzt, lebt also noch und die fünf Fallen hatten nur sehr mäßigen Erfolg. 2:1 für die Ratten.
In der darauffolgenden Nacht (von Donnerstag auf Freitag) höre ich die Ratten kaum. Sie sind vorsichtig geworden und meiden die Fallen, trotz der frischen, gut duftenden Speckwürfel. Dann schreibt mir Charles noch einen Tipp auf Telegram: Ratten verlassen das sinkende Schiff – aber das sei vielleicht auch keine allzu gute Option, um sie wieder los zu werden…
Immerhin ein Gutes haben die Ratten an Bord: Da ich jetzt rattenbedingt jedes Bilgenfach öffne, setze ich nun endlich mein altes Vorhaben um, die Fächer nach Roststellen abzusuchen, um sie anzuschleifen und mit Rostbremser zu behandeln. Von hinten nach vorne arbeite ich mich systematisch durch das Schiff. Viele Roststellen sind es zum Glück nicht und wenn, sind sie klein und schnell behoben.
Im Bilgenfach vor der Starterbatterie haben wir alte Putzlappen verstaut. Noch bevor ich hineingreife ist es mir, als ob etwas weghuschen würde. Schnell hole ich mir den langen Abfallgreifer und nehme behutsam Lappen für Lappen aus dem Fach. Und siehe da, im Eck sitzt die Bugratte, gut zu erkennen an der Verletzung über der Nase, und schaut mich mit großen Augen an. Ich zögere keine Sekunde. Mit dem Greifer packe ich die Ratte um den Rücken und drücke fest zu. Ihr jämmerliches Quieken ruft sofort Lucky auf den Plan, der nun aufgeregt um mich und die quiekende Ratte herumtanzt. Mit der einen Hand Lucky zurückhaltend und in der anderen Hand den Greifer, steige ich an Deck und werfe die Ratte im hohen Bogen ins Wasser. Sie taucht mit kräftigen Schwimmbewegungen nach unten weg. Yeah! Der Freitagmorgen beginnt gut. Eine Ratte weniger. 2:2. Ich hole auf!
In der Nacht auf den Samstag habe ich dann auch mit der Lebendfalle Erfolg. Der Platz unter der Spüle, wo zuvor der Sack Hundefutter lag, war genau richtig. Ängstlich zwängt sie sich in eine Ecke der Falle. Eigentlich ein hübsches Tier. Ich tu ihr nichts und lasse sie hinter der Werft wieder springen. 3:2 für mich.
Ob es nur zwei waren? Zur Vorsicht lasse ich meine Fallen scharf gestellt. In der folgenden Nacht lausche ich lange auf alle Geräusche auf dem Schiff. Es bleibt ruhig. Die üblichen Geräusche halt. Ein Fall, das gegen den Mast schlägt, eine Festmacherleine, die knarzt, der heulende Wind in den Wanten… – wie angenehm.






















Du hattest ja schon befürchtet, dass Ratten auf das Schiff kommen werden. In der Lebendfalle ist aber eine Maus? Hoffentlich bekommst du Colette für den Winter rattenfest.